Full text: Kreis Cassel-Stadt : Text, Teil 1 (6)

Karlstraße auf den Friedrichsplatz mündet. Das lange und enge Torgewölbe, das durch den Wall führte, war 
bei der herrschenden Dunkelheit unbequem zu begehen. Nachdem eine Frau, welche ein Bündel Heu auf dem 
Kopfe trug, durch einen Ochsen in dem Gewölbe aufgespießt und ein Offizier durch eine Kuhherde zu Tode 
getreten worden war, wurde das Tor gesperrt und statt seiner das Neue Tor angelegt und auch das Schloßtor, 
das bis dahin ausschließlich dem Landgrafen als Durchfahrt diente, dem öffentlichen Verkehr übergeben. Die 
Begebenheit mit dem wütenden Ochsen war auf einem Stein unter dem Tor eingemeißelt. Später bei Anlage 
der Oberneustadt wurde das Tor in beschränktem Maße dem Verkehr wieder freigegeben, doch durften durch 
dasselbe weder Post- noch Lastwagen fahren, die „sich des neuen Thors bedienen mußten, damit die häufig 
durchfahrenden Kutschen keinen Aufenthalt finden, und der Weg von der Oberneustadt nicht gesperrt werde". 1 
Das Neue Tor" wurde nach der Schließung des Zwehrentores 1587 als letztes der Casseler Haupt- 
festungstore angelegt. 'Es führte aus der Obersten Gasse nach dem Weinberg. Über dem Tor war das 
Brustbild des Landgrafen Wilhelm lV., in Stein gehauen, und oberhalb des Bildes die Inschrift angebracht: 
„WILHELMVS DEl GRATIA LANDGRAVIVS HASSIAE, COMES IN CATTIMELIBOCO, DEClA, ZlEGENHAlNA 
ET NlDDA HOC PROPVGNACVLVM NON AD OFFENSIONEM VlClNORVM SED AD DEFENSlONEM 
PATRIAE POSTERITATI EXSTRVXlT ANNO DOMlNl 1587." Unter dem Bild stand: „ASA DlXlT JVDAE: 
AEDlFlCEMVS ClVlTATES lSTAS CIRCVMDVCAMVS MVROS ET TVRRES, PORTASS ET VECTES, 
QVlA A BELLIS QVlETA SVNT OMNlA, EO QVOD REQVlSlVlMVS DOMlNVM DEVM PATRVM 
NOSTRORVM, ET DEDIT NOBlS PACEM -AEDlFlCARVNT ERGO, ET PROSPERE CESSlT EIS-ll 
PARALlP. XlV." Zur Seite fanden sich die Sprüche: „SVB VMBRA ALARVM TVARVM PROTEGE NOS" 
und „FlDELlTAS, FORTlTVDO ET VIGILANTIA DEFENDIT VRBEM." Auf der andern Seite war zu 
lesen: „DEVS FORTITVDO NOSTRA ET SALVS" und „CONCORDlA DlVlVM AENEVS MVRVS!" 
Da an Stelle des Neuen Tores noch kein älteres Tor gestanden hatte, mußten, um Platz für die neue Anlage 
zu schaffen, Häuser abgebrochen werden. So berichtete Heinrich Geiße, Bürger und Schuhmacher, an den 
Landgrafen wegen Hergabe seiner Behausung. „Demnach es an dem, dass Ew. F. G. bedacht, meine Behausung, 
so allhier an der Meisebuge Haus gelegen, zu behuf des neuen Tores abbrechen zu lassen", so bat er um 
billigmäßige Bezahlung mit dem Bemerken, daß die Meisebugs ihm bereits 400 Taler geboten gehabtß Am 
7. Mai 1581 erfolgte die Grundsteinlegung zum Tor durch Landgraf Moritz in Abwesenheit seines Vaters, der 
zu der Zeit in Bad Ems weilteß Am 25. Juli 1587 wurde nach der Congeries" „das Neue Thor in der 
obersten Gassen zu Kassel eröffnet und ganghaftig gemacht". 
Das Tor stand im Zug der jetzigen Straße An der Garnisonkirche zwischen dem Haus der Meysenbugs, 
der späteren Garnisonkirche, und dem Eckhaus Turmgasse 12, in welchem die Torwächterwohnung gewesen 
sein sollß Vor Jahren waren noch genauere Spuren des alten Toreingangs in dem Keller des Eckhauses an 
den Resten der Stadtmauer zu erkennen} Genaue Abbildungen des Bauwerkes scheinen zu fehlen. Doch ist 
eine Handzeichnung" überkommen, die als Vorentwurf angenommen werden darf. Das Tor erscheint als freie 
Nachbildung der römischen Triumpftore in der Stilisierung der italienischen Renaissance und der modischen 
Aufmachung, wie sie auch zahlreiche andere Prunktore der gleichaltrigen deutschen Festungen aufweisen. Die 
zweigeschossige Front zeigt im Erdgeschoß den rundbogigen Durchgang mit seitlichen Ziernischen, im Ober- 
geschoß das hessische Wappen mit seitlichen, perspektivisch gezeichneten blinden Fenstern. Mittelgiebel und 
1 Schmincke, S. 81. 
' Nebelthau, Congeries, S. 382. 
' Bei Winkelmann, Hessen ll S. 280: „POSTES". 
4 Schmincke, Cassel, S. 82 f. 
5 Staatsarchiv Marburg. M. St. S. 828. 
' Landau, Excerpte. Landesbibliothek Cassel. 
7 Nebelthau, Congeries, S. 382. 
8 Casseler Tagespost 1866, No. 1566. 
9 Brunner, Cassel, S. 116, glaubt noch jetzt Spuren zu erkennen. 
" Staatsarchiv Marburg. M. St. S. 828. 
Tafel 75 
E02 
 
E1 
Blu- und Kunstdenkmälcr im Regicrungsbnirk Caßel VI. Cassel-Stadx. 
5921294242152;
	        

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