Full text: Kreis Cassel-Stadt : Text, Teil 1 (6)

Flußwerke. 
Als freistehende Wehrbauten sind die Flußwerke anzusehen, die sich beim Austritt der Fulda aus der 
Stadt an beiden Ufern des Flusses finden, der Große und der Kleine Finkenherd. Sie bildeten die Deckung 
der beiden Mühlen der Altstadt und Unterneustadt und zugleich den Schutz des zwischen den Mühlen ge- 
legenen Wehrs, das in schräger Richtung den Fluß staute. Als lnselbefestigungen hatten sie den vom Wasser 
her angreifenden Feind abzuwehren. 
Der Große Finkenherd, am linken Fuldaufer gelegen, war das Vorwerk der Ahnaberger Mühle. 
Er bildete die Spitze des Werders, der das Ufer ein Stück flußabwärts begleitete. Bei Müllerl erscheint er 
deutlich als ein mäßig großes Steinwerk, das das der Stadt zugekehrte Ende der lnsel einnimmt und mit seiner 
Spitze sich in das Wehr vorschiebt. Die keilförmige Ausbildung des Grundrisses an der flußaufwärts gelegenen 
Seite hängt vermutlich ebenso sehr mit dem Zweck zusammen, die feindlichen Geschosse abzulenken, wie 
das Wasser in den Mühlgraben abzuleiten. Auch war die Form wohl durch die Eigenschaft des Baues als 
Eisbrecher bedingt. Das Werk ist noch jetzt vorhanden. Es bildet das Kopfstück der unter Wilhelm lV. ent- 
standenen gleichnamigen Flußbastion und kennzeichnet sich durch die sorgfältige Quaderung des Äußeren und 
die beiden einfachen, von innen nach außen sich erweiternden Scharten, Eigentümlichkeiten, die auch das unter 
Philipp entstandene Schloßrondel zeigt. Wieweit das lnnere, das zwei gangartige mit der Tonne überdeckte 
Kasemattenräume aufweist, noch aus der Ursprungszeit stammt, ist schwer zu sagen. Ein starker Längsriß im 
Gewölbe zeugt wie die Eisenverankerung der Außenquader von der Gewalt des Anpralles der Eismassen. 
Der Kleine Finkenherd am rechten Flußufer, das Vorwerk der Unterneustädter Mühle, das wohl 
gleichzeitig mit der Mühle entstand, erscheint bei Müller" als gestrecktes Bauwerk, das die ganze Länge der 
Mühle einnimmt. Auch seine Bauart ist in Quadern ausgeführt. An der Kopfseite sind die Schütze des Mühl- 
grabens und ein dahinter liegender Laufgang zu erkennen. Stromabwärts erscheint ein zweigeschoßiger Fach- 
werkbau. Es hat den Anschein, als ob ein Teil des Flußwerkes noch bis vor kurzem vorhanden war. Das 
unter Wilhelm lV. bastional erweiterte Werk besaß zwei Scharten mit innerer Enge, die wie das umgebende 
Mauerwerk wohl als Arbeiten aus Philipps Zeit angesprochen werden dürfen. Der Bauteil, in dem sie sich 
befanden, weicht von der Bastion auch insofern ab, als er gekrümmte Grundrißlinie, geringere Höhe und das 
sorgfältige Quadermauerwerk besitzt, das auch den älteren Teil des Großen Finkenherdes auszeichnet. 
Daß die Unterneustädter Mühle selbst ebenfalls befestigt war und vermutlich auch die Ahnaberger 
Mühle Wehrvorrichtungen besaß, soll auch hier nicht unerwähnt bleiben. 5 
Tafel 4, 6,7 1.63.! 
Tafel 8535-21 
Tafel 85,1 u. l 
Tafel 4, 6 u. 7 
Tafel 355,! 
Stadtbefestigung des Landgrafen Wilhelm IV. 
Die Stadtbefestigung des Landgrafen Philipp sollte auch in der wieäljvliergestellten und vervollkommneten 
Form nicht lange bestehen. Die Festungsbaukunst wurde in kurzer Zeit eine ganz andere. Und dieser neuen 
Kunst entsprechend mußte auch Cassel eine Neubewehrung erhalten. 
Der hervorragendste Vertreter der neuen Methode war Daniel Speckle (1536-89). Dieser Festungs- 
baukünstler fertigte seine Entwürfe zu Festungsbauten ohne eigene Kriegserfahrung auf Grund seines Studiums 
und der Anschauung. Eine große Zahl seiner Entwürfe wurde ausgeführt. Unter anderem erbaute er lngolstadt, 
Hagenau, Ulm, Kolmar, Basel und Straßburg, wo er kurz nach Herausgabe seines Werkes „Architektura von 
Vestungen" starb. Speckle verwarf die spitzwinkligen Bastionen der ltaliener, die die runden Basteien der 
älteren Festungen längst verdrängt hatten, und setzte an ihre Stelle rechtwinklige. Zugleich vergrößerte er 
die Bastionen und auch die Ravelins, welche die italienische Festungsbaukunst aufgebracht hatte. Diese Ravelins 
' Stadtplan v. Müller 1547 u. 1548. 
' Stadtplan v. Müller 1547 u. 1548. 
' Vgl. Abschnitt „Mühlen". 
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