Full text: Kreis Cassel-Stadt : Text, Teil 1 (6)

 
jeder unparteiischer und dieser dinge verstendiger augenscheinlich sehen kann und bekennen muß, das dieser 
festunge gewaltiglich das herz genommen, ia das sie nicht mehr vor eine festunge geachtet . . . werden mag . . ."' 
Daß die Entfestigungsarbeiten in Wirklichkeit nicht bis zur Vernichtung aller Werke durchgeführt wurden, 
sondern hauptsächlich im Abtragen der Wälle und Zuschütten der Gräben bestanden, und daß der Mauerbering 
stehen blieb, beweisen die beiden Stadtpläne Michel Müllers, von denen der eine' die Festung vor der Zer- 
störung, der anderes die Festung während der Zerstörung zeigt. Auf diesem zweiten Plan, der offenbar unter 
Benutzung des ersten entstanden ist, sieht man auf den im Oberteil schon abgetragenen Wällen Arbeiter mit 
Spaten, Hacken und Schubkarren damit beschäftigt, die Erde der Wälle abzugraben und in die Gräben zu ver- 
füllen. Um die frühere Höhe der Wälle augenscheinlich zu machen, sind überall Erdkegel stehen gelassen. 
Von allen Werken erscheint der Wall um die Unterneustadt am wenigsten beschädigt, da nur einige Breschen 
in den genannten Fuß vor dem Wallgang gelegt sind. 7c" f" in "-1- 
Kaum daß die Festungswerke des Landgrafen Philipp geschleiftwaren, trug sich derselbe mit dem 
Gedanken des Wiederaufbaues. Aus seinem Gefängnis schrieb er am 23. Juli 1550: „Wann ich Cassel bauen 
solt in eill, wolt ich auf meinem Weinberg, da die Hole hinab geht nach Homberg ein Erdenberg machen, und 
den Weinberg zu Furtheil nehmen, und darnach eine tiefe Schanze bis an den Karthauser Berg, und von dem 
Karthauser Berg eine tiefe Schanze bis an den Wustenberg, da der Pfad nach Harleshausen lauft und auf dem 
Wustenberg eine Brustwehr von Erden . . . bis an die Stadt Cassel und Schanze, und darnach den Wall und 
stadtgraben wider machen bis jenseit das Wasser an der Ane. Und darnach will ich den Berg gegen Anen- 
berg über mit einer tiefen Schanze, da die Schafstelle sein, befestigen, und starke Erdenschutte und Brustwehr 
daruff machen bis an die Fulda, und Schanzen, allenthalben stärkere in den tiefen Schanzen machen . . 
Die Schanzen solten 30 schuh tief und 40 breit sein, staketen darin . Also könnte man von Bergen in die 
Stadt nicht schießen noch Feuer werfen. Wolt den Neustadter Wall und Schloßwall wieder aufrichten, so 
gut ich mochte. Das Volk der Besatzung mehrenteils vor der Stadt uf den neuen Bergen und Schanzen legen, 
und die Schanzen müßten doppelt sein." Dieser großzügige Plan des Landgrafen, die vorliegenden Berge, wie 
Weinberg, Kratzenberg, Reißberg, Möncheberg durch Schanzen zu befestigen, kam unter seiner Regierung nicht 
zur Ausführung. Erst der Folgezeit war es vorbehalten, diese Anlagen herzustellen. 
Nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft betrieb Philipp den Festungsbau mit allem Eifer und be- 
auftragte den Meister Antonius Riemenschneider mit den erforderlichen Arbeiten. Vom Jahre 1552 bis 1559 
war dieser am Festungsbau tätig. Hilfe wurde aus dem ganzen Lande aufgeboten, auch die Jungfrauen zu 
Georgenberg bei Frankenberg mußten ihren Wagen stellen und die dortigen Amtsuntertanen zum Wall Arbeiter 
schicken, „dieweil dieser Bau eine gemeine Landesnoth". 
Auch die erneuerte Festung stellte eine bedeutende Leistung dar. Eine längere Lebensdauer war den 
vervollkommneten Werken freilich nicht bestimmt. Die gründlichen Erneuerungsarbeiten, die Wilhelm lV. 
1567 begann, bedeuteten das Ende von Philipps Festung. 
Tafel 4-6 
Tafel 7 
Wälle und Gräben. 
Die Umschließung von Stadt und Herrschaftssitz mit einem Erd- und Wasserringe erfolgte ausgangs 
des ersten Viertels des 16. Jahrhunderts. Landgraf Philipp baute 1523 den Wall um das Schloß und 1526 
den Wall auch um die Stadt4. Die Oberleitung hatte wohl Jakob von Etlingen, der auch als Jakob von Otlingen 
erscheint und 1522 vom Landgrafen zum Bau- und Werkmeister bestellt warb. 1525 trat in des Fürsten Dienst 
Jost Riemenschneider, ein Casseler Kind, mit dem ausdrücklichen Auftrag, den Schloßbau zu fördern und zu 
  
' Meinardus, Erbfolgestreit ll, S. 164 f. 
' Stadtplan 1547. 
' Stadtplan 1548. 
' Nebelthau, Congeries, S. 360 u. 362. Dilich, Chronica, S. 159. Winkelmann, Hessen ll, S. 278. Schmincke, Cassel, S. 75 f. 
Piderit, Cassel, S. 103. 
' Dieuerbuch Landgraf Philipps. Staatsarchiv Marburg. 
 
Bu- nd Kunudenkmllu im Rqicupbuirt (hnd. VI. Caml-Slndx. 
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