Full text: Kreis Cassel-Land : Text (4)

Türme auf dem Gendarmenmarkt. Das war dasselbe Jahr, in dem man nach dem Vorbilde der Wiener Hof- 
burg noch die geschwungene Fassade der Berliner Bibliothek zu Ende führte. Erst unter Friedrich Wilhelm ll. 
wurde in Berlin mit der französischen Bauweise alten Stiles endgültig gebrochen. Früher als anderswo hatte 
sich die kampflustige Opposition des Klassizismus gegen die alte Richtung in Dresden geregt. ln Wien wirkte 
Hohenberg als Lehrer und ausübender Künstler. 1775 entstand seine Gloriette in Schönbrunn und, während 
die Entwurfsarbeit auf Weißenstein ihren Anfang nahm, sein Palast Pallavicini. Schönbrunns „neues Gebäu" 
machte am Casseler Hof so starken Eindruck, daß man die Fassadenzeichnungen beschaffte} Als man zur 
hessischen Sommerresidenz den Grundstein legte, fielen am Schloß zu Coblenz die Gerüste. Gleichzeitig 
mit den Weißensteiner Seitenflügeln erhoben sich Langhans' Werke, in nüchterner antikisierender Steifheit, 
im „etrurischen" Geschmacke das Marmorpalais zu Potsdam, dessen Risse Wilhelm lX. studierte2, und, 
mit dem Weißensteiner Mittelbau zeitlich zusammenfallend, als geklärte Schöpfung desselben Meisters, das 
Brandenburger Tor in Berlin, eine glückliche freie Nachahmung der Propyläen. Diese großartige Leistung, 
die in der preußischen Hauptstadt den Anfang der neuklassischen Blüte brachte, fand auch am hessischen 
Hofe die gebührende Würdigungß 
Hatte Englands Vorempire in Frankreich und Deutschland zunächst auf dem Gebiete der 
Kleidermode Nachahmung gefunden, so sollten die Lebensformen und die Kunst bald folgen. An die 
Stelle der Willkür trat die Gesetzmäßigkeit. Alles wurde Regel und Zwang. Mit dem Begriff des Klassizismus 
vereinigte sich der der Einfachheit. ln der Architektur verschwindet das Muschelwesen und die Schnörkel- 
form. ln das lnnere der Häuser finden die alten Pilasterordnungen wieder Eingang. Das Blumen- 
ornament, das sich in die neue Geschmacksrichtung hinüberrettete, konnte der strengen Struktur von ihrer 
Kälte und Magerkeit nur wenig nehmen. Die Voluten verlieren den Schwung des Barocks, ihre Schnecken- 
linie bricht im rechten Winkel," an ein Glied des antiken Mäanders erinnernd. Der Rustikaquader verliert 
Profil und Spiegel. Wo er beibehalten wird, erscheint er im Auftrag des Bossens gemäßigt. Die Armierung 
der Ecke fällt ganz fort. Sogar im Sockel erscheint die Unterdrückung der Rustika nicht mehr unerhört. 
Türen und Fenster des Untergeschosses werden glatt aus den Quadern herausgeschnitten, ohne Gliederung 
und Bekrönung. Verdachungen bescheidenster Art und strenger Form erhalten die Fenster des Obergeschosses. 
Die Brüstungsfelder füllen Bandornamente oder Baluster mit quadratischem Grundriß. Auf das Einfachste 
wird die Profilierung beschränkt. 
Tafel 142 Ganz im Sinne der Grundsätze dieses Vorempires sind die beiden Seitenflügel des Schlosses aus- 
gefallen, deren Äußeres auf der Vorder- und Hinterfront gleich ausgebildet ist. Die gewollte Schlichtheit 
des Baues in den Fassaden ist nicht zu verkennen. Die Vermeidung von Gesimsen, Profilen, Ornamenten 
könnte die Architektur nüchtern erscheinen lassen, gäbe ihr nicht die Verwendung von Säulen in den beiden 
Obergeschossen einen großen Zug. Frei vorgestellt und auf den vorgezogenen Mauern des Erdgeschosses 
stehend, begleiten diese ganz in den Verhältnissen der Antike entworfenen Rundstützen den Mittelteil der 
Tafel 143,2 Vorder- und Hinterfront sowie die an den Schmalseiten befindlichen Rondells. lm selben Klassizismus 
Tafel 144 ionischer Richtung ist das Hauptgesim_s gehalten, das in gerader Linie ununterbrochen durchgeht, von keinem 
sichtbaren Dache überragt wird und auf den Längsfronten eine ziemlich hohe Attika trägt. Die antikisierenden 
Vasen, welche diese Attika krönen, zeigen durch die ungezwungene Anordnung ihrer Kranzgehänge am deut- 
lichsten, daß man trotz der Strenge bei der bedingungslosen Symmetrie des Empire noch nicht angekommen 
war. Freilich sind die barocken Kränze bei den Vasen der Rondells schon nicht mehr vorhanden. Die 
architektonische Behandlung der Maueröffnungen beschränkt sich auf die maßvolle Betonung des Schluß- 
steines bei den Rundbögen des Erdgeschosses und die Anordnung von horizontalen Deckgesimsen oder 
Flachgiebeln bei den Fenstern des ersten Stockwerkes. Bei den geradlinig abgeschlossenen Fenstern des 
zweiten Obergeschosses fehlt, abgesehen von einem feinen Profil, das den rechteckigen Rahmen umzieht, 
1 Pläne, Landesbibliothek Cassel. 
"l Pläne, Landesbibliothek Cassel. - ß Pläne, Landesbibliothek Cassel. 
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