Full text: Kreis Cassel-Land : Text (4)

Tiergarten. 
Südlich von den elysischen Gefilden und westlich von der Moschee breitet sich der Tiergarten aus, 
ein unregelmäßiger fünfeckiger Platz auf hügeligem Gelände. Der mäßig große, von einer Einfriedigung 
umschlossene, nur mit geringem Baumbestand versehene Bezirk erscheint im Grundriß aufjussows Lageplan Tafel 121 
und in der Ansicht auf Tischbeins Gartenaquarell. Zwei Hütten, offenbar Ställe oder Schutzhäuschen für Tafel 12.2, 1 
weidendes Wild, fanden sich übereinstimmend auf beiden Blättern. ln der Nähe des Tiergartens lag der; 
jägerhof mit dem Schildkrötenbehälterl und vermutlich auch das 1780 erbaute Parforce-jagdgebäude? 
Chinesisches 
Dorf. 
Die südlich der Teichanlage und des Tiergartens gelegenen kleinen Wohn- und Wirtschaftsgebäude täte; 112219. 
bildeten eine Kolonie für sich, die zwar weniger durch die geschlossene Anlage als durch die Eigenart ihrer ' 
Bauten auffiel. Landgraf Friedrich ll., ihrErbauer, hatte den Einfall gehabt, der Siedelung das Aussehen 
eines chinesischen Dorfes zu geben. Das war nicht zu verwundern in einer Zeit, in der Chineserien zum 
guten Ton gehörten, nicht nur an den Höfen der Fürsten, sondern auch in den Häusern der Bürger. Man 
muß sich die Modeströmung in der Kunst vergegenwärtigen. Seit Watteau, Pillement und Boucher waren 
chinesische Zimmer modern, in Frankreich wie in Deutschland. Den Ruhm von Chinas Baukunst verbreitete 
Chambers, Architekt des Königs von England. 1'757 veröffentlichte der gewandte Schriftsteller, der zahlreiche 
Nachschreiber fand, nach seiner Rückkehr aus dem ostasiatischen Reiche sein Werk über die dortigen Bauten. 
Seine 1772 herausgegebene Arbeit über die chinesischen Gärten erschien drei Jahre später in deutscher 
Sprache. Wilhelmsthal bekam seine chinesischen Häuschen bereits 1769? Hirschfeld hat den Einfluß des 
Engländers nicht unterschätzt und den Weg richtig erkannt, den die exotische Gartenarchitektur nach Deutsch- 
land nahm. „Unter allen Gärten, welche die übrigen Welttheile besitzen mögen," schreibt 1779 der Theoretiker, 
der gar nicht mit der modischen Schwärmerei einverstanden war 4, „haben keine in den neuern Zeiten ein 
solches Ansehen erhalten als die chinesischen, oder das, was man unter diesem Namen reizend genug 
geschildert hat. Soviel ist gewiß, daß der Engländer von einem großen Vorurtheil für die Gärten in China 
bezaubert ist und daß der Franzose und mit ihm der Deutsche sich diesem Vorurtheil zu überlassen 
anfängt. Man verlangt jetzt nicht etwa Gärten, die mit eigener Überlegung, mit besserm Geschmack, als die 
alten, angelegt wären; man verlangt chinesische oder chinesischengländische Gärten." 
Zu einer chinesischen Gartenstadt gehörten nach Chambers zerstreut liegende Häuser mit einem 
Tempel als Mittelpunkt. Ein kleiner Fluß mit einer Brücke durfte nicht fehlen. Ein See mit Nachen, Wiesen 
mit weidenden Herden, Wälder mit Hirschen und Antilopen, Haine mit Fasanen und Pfauen erhöhten die 
Stimmung. Auf Weißenstein bot die Gegend südlich der Teichanlage und des Tiergartens für die Anlage 
eines kunstgerechten chinesischen Dorfes so ziemlich alle Vorbedingungen. Es kann mehr als Zufall sein, 
daß bei der wenig später einsetzenden Umgestaltung des Parkes die Fasanerie gleich bei der asiatischen 
Siedelung ihren neuen Platz erhielt und der weiter nach Süden ausgedehnte Tiergarten seinen Anschluß 
wahrte. Die Höhenlage brachte bei dem damaligen dünnen Baumbestand die neue Kolonie, die auf Tisch- 
beins Gartenaquarell von 1779 noch nicht sich findet, gebührend zur Erscheinung. Tafel 132,1 
lm übrigen sollte das chinesische Dorf nicht in erster Linie ästhetischen, sondern ökonomischen 
Zwecken dienen. Die Weißensteiner „laiterie" lieferte Milch, Butter und Käse auf die Hoftafels" Nicht nur 
das Rindvieh, das 1797 einen Bestand von 38 Stück aufwies, war hier untergebracht, sondern auch die 
1 Acta die Gräserey zu Weißenstein betr. 774, S. 17f. 
2 Acta die Erbauung eines Parforce-Jagd-Gebäudes zu Weißenstein betr. 1780, S. lf. 
3 Cabinets Casse Rechnung 1769, S. 671. - 4 Theorie der Gartenkunst l, S. 81. 
5 Journal der Chatoul Casie 1784, S. 11 u. 37f. SL-Arch. Marburg. 
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