Full text: Kreis Cassel-Land : Text (4)

i Blumengarten. 
Auf der Südseite des Schlosses befand sich, unmittelbar an den hier liegenden Querflügel anstoßend Tafel 126.130 
und dessen Breite einnehmend, der Blumengarten, „ohngefähr nach Französischem Geschmacke angelegt, u" m 
von drey Seiten mit einer hohen Mauer terraßenmäßig eingefaßt, mit einer Kastanien Allee umfaßt". Die 
Einfriedigungsmauer trug, wenigstens auf der Stadtseite, dekorative Vasenaufsätze. Die Ecken waren durch 
kleine Tempel betont, deren Aufriß die Schloßabbildungen hinreichend erkennen lassen: eingeschossige 
Pavillons von quadratischer Grundrißgestalt mit einer rundbogigen Fensteröffnung auf jeder Seite, kuppel- 
artigem Dach und einem aus der Mauerflucht vorgezogenen Unterbau. interessanter, als ihre geläufige 
Aufrißform, ist ihre Zweckbestimmung und ihr Inventar. Der Bau an der Südostecke, der den Namen 
Uraniatempel führte, barg astronomische Instrumente und diente als Observatorium. Sein Gegenstück an 
der Südwestecke,'der ägyptische Tempel, dessen Wände Hieroglyphen bedeckten, war der lsis geweiht und 
mit „antiken Meubles", mehr noch mit ausgestopften Reptilien ausgestattet. Ezechiels Traum soll zu der 
phantastischen Ausstaffierung die Anregung gegeben haben} Aus diesem Gartenhaus führte eine kleine 
Treppe an der westlichen Futtermauer zu den tiefer gelegenen Parkanlagen, insbesondere zu dem hier 
befindlichen Felsen, welcher dem gesamten Revier den Namen Weißenstein gegeben hatte. Unter dem 
ägyptischen Tempel selbst befand sich die Grotte des Harpocrates, welche die Gipsstatue des göttlichen 
Schweigers enthielt? Als weitere Anlagen werden von Steinbach verzeichnet „in einer Kleinen Grotte unter 
dem Thurm neben der Garten-Treppe Pythagoras, vor demselben auf dem Felsen der Weisse stein genannt 
ein Satyr, unterdem Felsen das Bad des Apollons mit seinen Nymphen und Pferden"? ln den Bauakten 
Erwähnung findet lediglich das „Revier des Pythagoras", der „Platz beym Pythagoras" und der „Pythagoras" 
selbst 1779 gelegentlich Vornahme von Ausbesserungsarbeitenß 
Erhöhte Bedeutung beansprucht die zwischen beiden Tempeln gelegene Kapelle, nach Strieder „ein 
Bau fast in gotischem Geschmack mit einem kleinen Thurm, theils zum Gottesdienste eingerichtet, theils mit 
einem Bade, auch mit einem chemischen Laboratorio versehen". Die Aufrißgestaltung, insbesondere das 
steile Dach und die hohen, wie es scheint, später verbauten Fenster, lassen keinen Zweifel darüber, daß der 
von West nach Ost gerichtete, im Grundriß rechteckige, mit Türmchen versehene Bau als Kultstätte 
mittelalterlicher Herkunft anzusprechen ist. Daß diese unmittelbar an dem Weißensteiner Felsen gelegene 
Kapelle mit dem alten Kloster in geschichtlichem Zusammenhang stand, ist klar und die Annahme erlaubt, 
daß in dem kleinen Gebäude das ehemalige Hauptgotteshaus des nur unbedeutenden Konventes vorliegt, das 
beibehalten wurde, weil vielleicht an ihm haftende Vergünstigungen nicht verloren gehen sollten. 
Auch noch zu Wilhelms lX. Zeiten diente das lnnere der Kapelle als Betraum, freilich, wie es scheint, 
nur noch in dem durch Einziehen eines Zwischenbodens gewonnenen Obergeschosse. Denn die Baderäume, 
die aus einem Vorgemach mit „eisern pfanne zum Badt warm zu machen", der Badestube mit versenkter 
Zinnwanne und einem Nebenzimmer bestandenä, dürfen wohl im Erdgeschoß vermutet werden, in dem man 
auch das Laboratorium zu suchen hat. Daß dieses Laboratorium noch im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts 
in Benutzung war, zeigen die wiederholten Tagelohnsposten und Anschaffungen von Geschirr in den Jahren 
1779 bis 1784}; Auch in dem Observatorium lassen sich für 1782 noch astronomische Arbeiten, so die 
Anfertigung einer neuen „observationsplatte", nachweisen? Daß es aber auch Zeiten gab, in denen der 
teich, dem Asch und dem Unglücksbrunnen weiter nordwestlich hinter dem Oktogon auf der „Fohlenhude", den „Ahna- 
brunnen" und „rothen Teich" verzeichnet, und eine Reihe von nverfallenen" und „neu anzulegenden" Kanälen nennt, bringt 
auch die Form und Stelle des „neu anzulegenden Sammelteiches". 
" 1 Müntz, Wilhelmshöhe, Blatt 5. - 2 Strieder, Weißenstein, S. 2f. - 3 Schwarzkopf, Weißenst. Schloß, S. 266. 
4 Journal de 1779, S. 221., St.-Arch. Marburg. 
5 Weisensteinisches lnventarium . . . 1696, S. 54. St.-Arch. Marburg. 
6 Journal de 1779, S. 16, Journal de 1780, S. 22, u. Chatoul Rechnung de ao 1784, S. 28. St.-Arch. Marburg. 
7 Journal der Chatoul Casse 1782, S. 39f. St.-Arch. Marburg. 
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Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Cassel. IV. Kr. Cassel-Land.
	        

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