Full text: Kreis Cassel-Land : Text (4)

Große Wasserkünste. 
Tafel 183,1 u. a, 
u. 187-189 
Tafel 186, 2 
Das auf dem höchsten Punkte des Hüttenberges begonnene und bald wieder aufgegebene Bau- 
unternehmen fand dort, wo der Berg nach Norden umbog und von der Hauptachse des Weißensteiner 
Schlosses getroffen wurde, in veränderter Form, oder, wenn man will, in beschränktem Umfang, seine 
Verwirklichung. lm Oktogon und den Kaskaden liegt das zwar nicht vollkommen zur Ausführung gelangte, 
aber immerhin großartige Ergebnis von Karls neuen Plänen vor. Das Oktogon," das die Bekrönung der 
Bauanlagen auf dem Karlsberg - so hieß in der Folge der Winterkasten - und zugleich den Ausgangspunkt 
der Wasserkünste bildet, hat seinen Namen von der Figur des gleichseitigen Achteckes, die den Grundriß 
des dreigeschossigen mit einem Binnenhofe versehenen Baukörpers bestimmt. lm Kranze des Oktogons 
sind im Erdgeschoß die acht Kapellen angeordnet, die den Hof umschließen und nach diesem sich öffnen, 
und ebendemselben Polygonzuge folgt der darüberliegende Wandelgang des Zwischenstockes und -Ober- 
geschosses, der den Kern und das Wesen der Anlage ausmacht. Achteckig auch ist_ der große, offene 
Wasserbehälter, der die Mitte des Hofes einnimmt, im Fußboden versenkt ist und ursprünglich mit einem 
Gewölbe geschlossen war. lhren Ausgang scheint die Entwurfsbearbeitung vom Oberstockwerk genommen 
zu haben, das als der am meisten in die Erscheinung tretende und die Sockelmassen beherrschende Haupt- 
bauteil von den übrigen Geschossen schon im Äußeren durch die architektonische Behandlung seiner 
Fronten sich abhebt. Von dieser auch durch ihre Geschoßhöhe sich auszeichnenden Zone arbeitete der 
Architekt nach abwärts, wie" er später beim Entwurfe der Pyramiden nach aufwärts zu projektieren hatte. 
Bemühte sich der Künstler, den nachträglich beschlossenen Aufsatz, so gut es ging, mit dem oberen 
Architekturgeschoß in Einklang zu bringen, so liegt seine Absicht, bei dem unteren Gürtel auf einen 
Gegensatz hinzuarbeiten, zutage. Die wenigen Nischen, welche die künstlichen Felsmassen im Äußeren 
beleben, rauben dem Sockel nichts von seiner Eigenschaft, als gewachsener Fuß für das kyklopische 
Wasserschloß zu gelten. 
Die Lage der Wasserkünste an der Westfront des Oktogons führte bei dem symmetrischen Grundrisse 
des Bauwerkes von selbst dazu, die von West nach Ost und von Süd nach Nord laufenden Achsen als die 
Hauptachsen anzusehen, welche die Eingänge für das Erdgeschoß festlegten. Dieser Umstand in Verbindung 
mit der Absicht, in eben diesen Hauptachsen auch die Freitreppen anzulegen, die von Oberkante des Erd- 
geschosses zur Oberkante des zweiten Stockwerkes führen sollten, brachte es mit sich, daß den nach West, 
Süd, Ost und Nord gerichteten Fronten des Oktogons für die Eingangshallen im Erdgeschoß und die Treppen- 
anlagen im Zwischenstockwerk sich Baumassen vorlegen mußten, die, sollte im Untergeschosse das Acht- 
eck gewahrt bleiben, nach Ausbauten auch auf den Schrägseiten des Oktogons verlangten. Dieser Forderung 
wurde dadurch Rechnung getragen, daß die beiden Obergeschosse in den Diagonalachsen Vorbauten 
erhielten, die flügelartig auskragen und im Erdgeschoß hinter dem äußeren Achteckringe versinken. Auf 
eine Betonung der Schrägseiten auch im Unterstockwerk durch Eingänge mußte schon deshalb verzichtet 
werden, weil hier die langen Freitreppen zu liegen kamen, die in einem einzigen Lauf vom Erdboden zum 
Zwischengeschoß führten. Durch die Wahl geeigneter und aufeinander abgestimmter Breiten für die Diagonal- 
vorbauten und die zwischen denselben sich einklemmenden Zwischengeschoßtreppen einerseits ünd eine hin- 
reichende Ausdehnung der Eingangshallen nach der Tiefenrichtung andrerseits erzielte man für das erweiterte 
Zwischengeschoß einmal wieder im Grundriß die geschlossene Achteckfigur, dann aber auch in Höhe der 
Erdgeschoßdecke eine äußere Plattform, die auch an der schmalsten Stelle einen Umgang gestattete. 
Es ist verwunderlich, daß der Großartigkeit des Baugedankens, dem Geschick in der Verteilung der 
Baumassen und dem feinen Gefühl für die Steigerung der Wirkung nach oben nicht die Sorgfalt in der 
Wahl und Ausbildung der Konstruktionen entspricht. Nicht als ob der Aufbau an sich statisches Empfinden 
vermissen ließe - der verbreiterte Sockel bildet einen hinreichenden Sicherheitskoeffizienten für die Stand- 
festigkeit des Mauerkörpers - aber im einzelnen finden sichKühnheiten, die nicht durch die Rücksicht auf 
architektonische Schönheit allein sich erklären lassen. Die Gründungen können kaum mit der Gewissenhaftig-
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.