Full text: Kreis Cassel-Land : Text (4)

Spitze an Stelle des weniger hohen romanischen Helmes aufbrachte. Die Annahme, ein Brand habe die 
Erneuerung der Dachkonstruktion nicht nur des Turmes, sondern auch des Schiffes nötig gemacht, ist 
glaubhaft. Ob es nun der Brand im ersten Viertel des 15. Jahrhunderts war oder ein späteres Feuer, mag 
dahinstehen. Am Giebel des Nordkreuzflügels, der in Fachwerk errichtet ist und Krüppelwalm trägt, findet sich 
diejahreszahl 1564 nicht nur in einer Inschrift auf dem Stirnbrette, sondern auch in den Holzstielen eingeschnitzt. 
Ebenfalls vier Geschosse, wie der Hauptturm, besitzt der an der Nordseite befindliche Nebenturm; 
doch deckt sich die Stockwerkshöhe nur im Erdgeschoß. Auf das hohe Emporengeschoß des Hauptturmes 
kommen zwei Stockwerke des Nebenturmes, jedoch so, daß die letzteren in ihrer Gesamthöhe die Oberkante 
der Emporendecke nicht mehr erreichen. Infolgedessen entspricht das oberste Geschoß des Nebenturmes dem 
dritten Stockwerke des Hauptturmes insofern wieder nicht genau, als die Decke des ersteren gegen den 
Fußboden der Glockenstube abermals gesenkt ist. Die Decken des Nebenturmes bestehen im Erdgeschoß 
aus einem sechsseitigen Kreuzgewölbe, das dem Ursprungsbau angehört, im ersten Obergeschoß aus einem 
ebenfalls sechsseitigen, aber nachträglich eingezogenen Klostergewölbe, im zweiten Obergeschoß aus einer 
Balkenkonstruktion, dessen Holzfußboden allerdings nicht mehr erhalten ist, und im obersten Geschoß 
wiederum aus einem sechsseitigen in gotischer Zeit eingezogenen Kreuzgewölbe, das im Gegensatz zur 
Wölbung des Erdgeschosses bei den Schildbögen nicht den Halbkreis, sondern den Spitzbogen aufweist. jeder 
Raum besitzt als Lichtöffnung einen Mauerschlitz bis auf das als Archiv benutzte erste Obergeschoß, dessen 
Schlitz in der Renaissance durch ein rechteckiges Fenster ersetzt wurde. 
Nur das erste Obergeschoß, das jetzige Archiv, und das oberste Stockwerk des Nebenturmes stehen 
mit dem Hauptturm durch Öffnungen in unmittelbarer Verbindung, während das Erdgeschoß des Nebenturmes 
vom Seitenschiff der Kirche aus durch eine Rundbogentür zugänglich ist. Untereinander scheinen die oberen 
Geschosse durch Leitern verbunden gewesen zu sein. Von Veränderungen ist auch der zum Archiv führende 
Durchgang nicht frei geblieben, der eine mit der Jahreszahl 1580 versehene Türeinfassung von rechteckiger Form 
und mit profilierten Gewänden besitzt. Mehr Interesse als dieser auch noch in jüngster Zeit umgestaltete 
Eingang beansprucht die Öffnung im obersten Geschoß des Nebenturmes. Ursprünglich in auskömmlicher 
Größe angelegt, wurde der aus Quadern gemauerte Rundbogendurchgang in der Breite und Höhe eingeschränkt. 
Der Umstand, daß die verkleinerte Öffnung ebenfalls halbkreisförmig abgeschlossen wurde und daß ihr Bogen 
wie Gewände aus sauber bearbeiteten Sandsteinen bestehen, verweist die Änderung noch in die romanische 
Zeit. Nimmt man hinzu, daß das unterste Geschoß des Nebenturmes im Innern eine Mauerverstärkung auf- 
weist, die wegen ihrer Quadertechnik ebenfalls in die romanische Periode zu verweisen ist, so kann kein 
Zweifel bestehen, daß diese frühen Veränderungsarbeiten aus statischen Gründen erfolgten und in dieselbe 
Zeit zu setzen sind, in der die Sicherung des Hauptturmes vorgenommen wurde. 
Es entstehen die interessanten Fragen, welchem Zwecke dieser ungewöhnliche Nebenturm diente, wie 
hoch sein Alter einzuschätzen ist und in welchem Verhältnisse er zum Hauptbauwerk, insbesondere zum 
Westturm steht. An seine Bestimmung als Treppenturm, die durch die Angliederung an den Hauptturm nicht 
unbegründet erscheint, zumal letzterer den Nonnenchor enthielt, ist wegen der zweifellos von Anfang an 
geplanten Einteilung in einzelne Geschosse nicht zu denken, um so weniger, als seine Grundfläche das übliche 
Maß eines Treppeneinbaues überschreitet und jegliche Spur einer massiven Wendeltreppe fehlt. Seine Mauer- 
stärken, seine solide Technik, die Wahl der Mauerschlitze als Lichtöffnungen und die _Überdeckung des unteren 
Geschosses mit einem Gewölbe weisen darauf hin, daß es dem Erbauer um die Schaffung eines gesicherten 
Bauwerkes zu tun war. Indessen werden die Leiterkonstruktionen, die man in dem ursprünglich ungewölbten 
ersten Obergeschoß und dem zweiten Obergeschoß des Nebenturmes anzunehmen hat, dazu gedient haben, 
unter Umgehung des Nonnenchor-Geschosses den Oberteil des Hauptturmes, sowie den Dachboden des Schiffes 
zugänglich zu machen. Die spätere Einziehung von Gewölben in den Obergeschossen des Nebenturmes lehrt, daß 
der gegen Angriffe geschützte Bau nachträglich gegen Eingriffe gesichert werden sollte. Die Zuverlässigkeit 
der Räume beweist am besten die Tatsache, daß das erste Obergeschoß auch zurzeit als Archiv benutzt 
wird und das Erdgeschoß, noch jetzt die Blutkammer genannt, bis vor kurzem als Gefängnis diente. Welche 
Tafel 81, 10 
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Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Cassel. IV. Kr. Cassel-Land.
	        

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