Full text: Kreis Gelnhausen : Text (1)

Auf dem rechten Flügel steht ein Engel in reichem, tliessendem Gewand, in der Hand ein wild 
flatterndes, an den Enden geschlitztes Spruchband mit dem englischen Gruss in gothischen Minuskeln: Awe    
gracia   ple   na   (lominus    tecum. Die Gesichtszüge des Engels sind streng, mit scharf vertretender, 
grosser Nase, das perückenartige starke Haar ist zu langen Korkzieherloeken gerollt, die Hände unschön und 
knoehig. Auch die Madonna hat solche herbe, aber breite (alesichtsbildung, und noch hässlichere knoehige 
Hände. Die Farbengelzung ist in eigenthümlieher, wohl auf die Fernwirkung und die mangelhafte (auch die. 
Aufnahme beeinflussende) Beleuchtung berechneter Weise in hellen, viel grün und grau enthaltenden Tönen mit 
kräftigen (lontouren ausgeführt. 
Die Innenseiten der Flügel stellen links die Anbetung der Hirten, rechts die der heiligen drei Könige 
dar. Auf der ersteren, welche in einem ruinosen Stall mit romanischer Phantasiearchitektur vor sich geht, um- 
geben vier kleine Engel mit bewundernd emporgehobenen Händchen und offenbar singend, das in der Krippe 
liegende, winzige Christuskind, vor welchem Maria in schlichtem Kleid und mit grossem Heiligenschein eben- 
falls bewundernd kniet, während im Hintergrund links durch eine Schäferschippe cllarakterisirte Hirten aus 
einer geöffneten 'l'hüre zuschauen. Zu beiden Seiten des Stalldaches schwebt eine Gruppe von Engeln, 
von einem Spruchband das gloria in excelsis singend. Bei der Anbetung der heiligen drei Könige sitzt 
Madonnzi mit einer Krone auf dem von einem Heiligenschein umgebenen Haupt auf einer Steinbank, 
während die Könige in üblicher Weise dem auf dem Schooss der Madonna sitzenden winzigen, mit grossem 
Heiligenschein geschmückten Kinde ihre Gaben darbringen. Durch die Bogenöffnungen der Stallruine sieht 
man in eine ferne Landschaft. Die Farben dieser Compositionen sind in der alten Leuchtkraft erhalten. Auch 
hier ist in der oben geschilderten Weise der Bestimmung Rechnung getragen, ausserdem aber das Ornament, 
die Etlßllllßiillltllßllß und Stickereien durch engobage plastisch hervorgehoben. An der Predella halten schwebende 
Engel die vera icon. Auch sie haben die bei den Engeln der Verkündigung erwähnte, offenbar in der Heimath 
des Künstlers für besonders zierlich geltende Haartracht. 
Die Seitenflächen des Schreines und der Predella sind wie beim Hochaltar mit prächtigen, grün in 
grün mit sclnvarzen (Jonturcn und einzelnen roth, blau und gelben Blüthen und grossen Disteln etc.- bemalt. 
Die Malereien der lnnentlügel sind erheblich feiner und sorgfältiger als die Aussenseiten gemalt. Die 
(lesichtsziige, besonders der Madonna, sind bei otfenbar ähnlichem Typus doch lieblicher und weicher, besser 
noch die Männerköpfe, z. B. der des heiligen Joseph. Leider ist es nicht gelungen, das offenbar auf den Künstler 
hinweisende Monogmnnii zu enträthseln. An Nicolaus Schit darf wohl nicht gedacht werden, wenn auch die 
Schnitzereien des Hochaltars und der anderen mancherlei verwandte Ziige tragen. Eher wäre an einen Ge- 
hilfen zu denken, dem die Nebenaltäre zuiielen. 
Der nördliche Seitenaltar. 
Auf der alten Mensa des nördlichen Nebenchores steht ein spätgothischer Flügelaltar von derselben 
cainfachen, aller krönenden, geschnitzten, Ornamente entbehrenden Gesammtform, wie die der beiden anderen, 
noch in der Kirche belindlimvahen 'l'riptycl1en, aus einem einfachen, rechteckigen Schrein und einer Predella be- 
stehend, welche die volle Breite der geöffneten Flügel hat. Der Schrein enthält unter einem von Zweigen 
mit tiefbuchtigen, grossen Blättern gebildeten Baldachin einen grossen Crucilixus von abstossend hässlicher 
Körperbildung mit unförinlich grossem, aber offenbar geschickt einem Modell nachgebildetem Kopf (Tab. 88). 
Das Kreuz steht auf der näohadelstätte", a.us der der Baum des Lebens hervorspriesst, an seinem Fuss 
kniet ein kleines Fiauieiitigünrheii in ganz unmöglicher, zerknitterter (lewandung und Stellung, aber mit einem 
lieblichen Kllpftfllßll, eine riesige Salbenbüchse haltend, also Maria Magdalena. Den Schrein umzieht eine tiefe 
Hohlkehle, in welcher Fialen die oberen Laubbaldachine flankiren und unten auf Säulchen kleine Figürchen 
unter zierlichen, aus Astwerk gebildeten Baldaclnixien standen, wie die Spuren an dem Grund der Kehle zeigen. 
Den übrigen Raum zur Seite des Urucitixes füllt ein Ornament, welches an Korbgetlecht erinnert, und in kleinerem 
Massstab nochmals das Kreuz selbst umsäumt.  
Die Flügel enthalten in ganz flachem Relief grosse, vergoldete und bemalte Heiligentiguren unter flach- 
geschnitzten Lauhbaldachinen von der gleichen Blattform wie die des Mittelfeldes. Der Heilige links ist ein 
Bischof mit Pedum, einem Krüppel einGewand reichend, wohl der heilige Ulrich, rechts ebenfalls ein Bischof, 
auf einem Buch drei Steine tragend, und vielleicht den heiligen Liborius darstellend. An der Predella halten 
fliegende lüngel die vera icon, wie sich aus geringen Resten ergiebt, die Aussenseiten der Flügel sind aber 
bis auf den Kreidegrund zerstört und lassen nichts mehr erkennen.
	        

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