Full text: Kreis Gelnhausen : Text (1)

Das Obergeschoss bildete einen ungetheilten Saal, welcher nur nach Süden von drei Gruppen dreifacher Ar- 
kaden erhellt wurde, deren Detail hinlänglich aus den Tafeln 143 u. 44 ersichtlich ist, und eine nahe Verwandtschaft 
mit den einfachsten Theilen des Palas der Burg verräth. Es fehlte auch diesen Arkaden jede Spur eines V er- 
schlusses, ein Falz, Löcher für Kleben und dergleichen. Die Sohlbänke der Arkadenötfnungen waren 
horizontal und hatten die volle Mauerdicke (0,73 cm oben, 1,20 unten), Bögen und Pfeiler entbehrten jedes 
Profiles, waren aber beiderseits der rechteckigen Kanten mit etwa 5 cm. breiten schwarzen Streifen bemalt. 
Auf der Mitte der Nordwand befanden sich Reste eines grossen anscheinend einer gothischen Erneuerung 
angehörigen, mit einfach gefasten Stützen und flacher Heerdnische versehenen Kamines, mit welchem wohl ein 
Kaminsturz in Verbindung zu bringen sein dürfte, welcher jetzt an der Kirchhofsivand des Anbaues dicht am 
Fussboden eingemauert und auf Tab. 162 abgebildet ist. Sein Wappen ist das der in Gelnhaltsen öfter in 
hervorragender Stellung urkundlich genannten Familie Fuszechiu und dürfte der Schildform und dem Styl des 
Adlers nach auf den Schultheis Hermann Fuszechin verweisen, dessen Siegel an einer Urkunde vom Jahr 1326 
im Urkundenbuch von Hanau II, p. 275 erwähnt, und Tab. II, 17 abgebildet ist. 
Ob die Inirernväiide Spuren von Malereien aufwiesen, ist nicht festzustellen, da die „Restaurationr 
ohne Mitwirkung des Verfassers geschah, und Aufzeichnungen über die dabei gemachten Beobachtungcir nicht 
gemacht resp. an zugänglicher Stelle erhalten sind. 
Das alte romanische Rathaus muss bis zum Schluss des Mittelalters für öffentliche städtische Zwecke 
benutzt worden sein, wie aus dem Umstand hervorgeht, dass es noch am Ende des 15. Jahrhunderts im Innern 
unter Beibehaltung der alten Eintheilung hergestellt, vorher aber schon in allen Stockwerken mit einem Anbau 
verbunden wurde, welcher den Raum bis zur Kirchhofsterasse ausfüllte und dazu bestimmt war, die alte luftige 
Gerichtshalle, welche dem alten einfachen mündlichen Verfahren entsprach, durch geschlossene Räume zu er- 
gänzen, wie sie die Ausbreitung des Schreibwesens bei dem erweiterten Geschäftsnmfang der Verwaltung durch- 
ausforderte. Dieser Anbau wird desshalb als das „neue Rathaus" anzusehen sein, welches in einer Urkunde 
des fürstlichen Archivs zu Birstein von 1446 (Pfarrei Selbold betr.) erwähnt ist, da diese Benennung unmöglich 
auf das jetzige, erst um 1500 errichtete Rathaus bezogen werden kann. Der Anbau hat zwei Stockwerke aus 
Bruchsteinen und ein drittes in höchst alterthümlicher vollkommen intact erhaltener Fachwerkconstruction 
(Tab. 160). Die Fenster der unteren haben hohlprotilirte, mit einem Schaltcrfalz versehene Gewände. Leider 
ist mit der alten Eingangsthüre auch die sicher hier vorhandene Jahreszahl der Erbauung vernichtet, als man 
(inschriftlich 1824) diese unter Verlegung der Treppe an die Nordwand modernisirtc. Im Erdgeschoss führte 
ein von massiven Wänden eingefasster Gang zu der ehemaligen steinernen Treppe, deren Fortsetzung zu dem 
Fachwerkstocke als Klotztreppe noch wohl erhalten ist. Im Mittelstock sind die Wände von Faclnverk und 
starke achtseitige Säulen mit sehr steilen Kopfbändern stützen wie im Erdgeschoss einen mittleren Unterzug 
für die Balkendecke, während der Fussboden mit rothen hartgebrannten Ziegelplättchen belegt ist. In dem 
grösseren Raum ist der Rest eines Kamines, in dem kleineren ein Wandschrank mit zierlichem Beschlag 
(jetzt in der Sammlung des hessischen Geschichtsvereins zu Marburg), sowie die Disposition des Fensters 
"(Tab. 148), bemerkenswerth. Der Fachwerkstock scheint ursprünglich ein ungetheilter Raum gewesen zu sein, 
dessen Fensterötfnungen keine Fenster flügel, sondern nur Schaltern besassen. Er hat höchst wahrscheinlich 
s Zeughaus gedient, wozu ihn ein Ausgang nach dem fast in gleicher Höhe liegenden Kirchhof sehr 
eeeignet machte. Das Fachwerk dieses Stockwerkes ist unter weitgehender Verwendung der Aufblattungen 
statt Zapfen, mit auffällig weitem Pfostenstandf und geringer Holzstärke construirt, und gehört zu den ältesten 
erhaltenen Holzbauten des Regierungsbezirkes Cassel. (Detail in: Bickell, hess. Holzbauten. 4. Heft.) 
Der Innenbau des romanischen Bautheiles ist offenbar erheblich jünger als der Anbau, und dürfte an 
den Schluss des 15. Jahrhunderts zu setzen sein. Wann jener in Privatbesitz gelangte und die Südseite durch 
einen dem Podest der Freitreppe aufgesetzten Holzbau verdeckt wurde, ist aktenmässig nicht festzustellen; es muss 
ab_er den Formen des letztern nach im 17. Jahrhundert geschehen sein, wohl als man das Brauhaus aus dem. 
Spital (p. 79) 1656 wieder entfernte und in den Anbau verlegte. 
Die aus den Plänen ersichtlichen kümmerlichen Einbauten, müssen noch später angebracht sein, und 
gerade diese Fliekereien haben dem alten Bau die schwersten Schäden zugefügt, da überall ohne Rücksicht 
auf die Construction Thüren gebrochen, Schornsteine gezogen, ja sogar im Erdgeschoss die Frontwand um 
ca. 80 cm. ausgehöhlt wurde, um Platz für ein Bett  zu erlangen. Die Erhaltung der alten Front ist nur 
dem Umstand zu verdanken, dass der neue Besitzer die weiten Räume als Scheuer benutzen, und in dem 
Vorbau billiger Wohnräume anlegen konnte, als durch Ausbrechen von Fenstern in den dicken Mauern.
	        

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