Full text: Manuscripta musica

währenden Kasseler Kapellmeisterzeit eine Vielzahl von Kompositionen verfaßt, die er 
ausnahmslos in Stimmbüchern notierte. Anhand der Kompositionsdaten läßt sich feststel- 
len, daß manche dieser Stimmbücher über einen Zeitraum von 40 Jahren kontinuierlich be- 
schriftet wurden. Tief geprägt von der Musik des großen Josquin Desprez, hat Heugel dort, 
wo er Werke anderer Komponisten seinen Hss einfügte, mit Vorliebe auf solche Stücke zu- 
rückgegriffen, die sich auf die kontrapunktische Tradition der Josquinzeit beriefen (z. B. in 
40 24 auf Arthopius, Senfl, Verdelot, Sixt Dietrich, Wannenmacher, Alder, Brätel und Jos- 
quin selbst)7. Das soll jedoch nicht heißen, daß er sich gegen den Fortschritt völlig abge- 
schirmt hätte: 40 38 überliefert z. B. je vier Motetten von Lasso und Phinot. 
Heugel ist mehrfach Gegenstand größerer musikwissenschaftlicher Untersuchungen ge- 
wesen. Als erster widmete Willibald Nagel dem Komponisten eine eingehende biographi- 
sche Studies. Lange Zeit galt die Dissertation von Julius Knierim als verscholleng. Die Bi- 
bliothek ist jedoch im Besitz eines Exemplars, des einzigen übrigens; denn auch das des 
Verfassers ging im Krieg verloren. In jüngerer Zeit griff Konrad Ruhland das Thema Heu- 
gel wieder auf"). Eine auf meine Anregung hin entstandene Dissertation von Susanne Cra- 
merll setzt sich mit Heugels lateinischen Motetten auseinander. Leider hat keine dieser 
Publikationen eine Grundfrage der Heugelschen Biographie zweifelsfrei lösen können, die 
Frage nach seiner Herkunft. Während Nagel und Ruhland von Deggendorf als Heugels 
Geburtsort ausgingen, entschied sich Cramer für die Stadt Wetter, wobei ihre Berufung auf 
die Basler Matrikel von 1559-60 vielleicht doch etwas gewagt ist. Auch hier ist die For- 
schung zur Weiterarbeit eingeladen, auch im Blick darauf, daß man endlich einen Teil des 
Heugelschen (Euvre im Erbe deutscher Musik dokumentieren sollte. 
Gegen Ende des 16. Jahrhunderts ging man in Kassel für ein Jahrzehnt zu der schon fast 
nicht mehr zeitgemäßen Ingrossierung über. Die Anregung dazu mag von dem Hofkapell- 
meister Georg Otto ausgegangen sein, dem seit seiner Kapellknabenzeit in Torgau das Sin- 
gen aus Chorbüchern geläufig war. Allerdings hat Moritz diese auch finanziell aufwendige 
Notierungsform am Anfang des 17. Jahrhunderts wieder einstellen lassen, was auch mit 
dem Übergang zur venezianischen Vielstimmigkeit zusammenhing: Ein großes instrumen- 
tal-vokal besetztes Ensemble konnte nicht mehr aus einem zentralen Chorbuch musizie- 
ren. Die ersten Regierungsjahre M0ritz' von Hessen zählen ohne Zweifel zu den Höhe- 
10 
Currus GOTTWALD, Johannes Heugel als Musiksammler. Litterae medii aevi. FS für Johanne Autenrieth. 
Sigmaringen 1988, 315-328 
WILLIBALD NAGEL, Der Hofkomponist Johannes Heugel. Philipp der Grossmütige. Hrsg. von dem Hist. Ver- 
ein für das Großherzogtum Hessen. Marburg 1904, 353-390 
Juuus KNIERIM, Die Heugel-Hss der Kasseler Landesbibliothek. Diss. Berlin 1943 (ms) 
KONRAD RUHLAND, Johannes Heugel (um 1500-1585), ein Musiker aus Deggendorf. Deggendorfer Ge- 
schichtsblätter 1 (1981) 5-32 
SUSANNE CRAMER, Johannes Heugel (ca. 1510-1584185). Studien zu seinen lateinischen Motetten. Regens- 
burg 1994. Cramers Dissertation beruht auf meinen Katalogisaten. Deshalb und weil eine detaillierte Einar- 
beitung bei den einzelnen Werken aus Zeitgründen nicht mehr möglich war, wurden nur die Hinweise auf 
Cramers Ausgaben-Anhang nachgetragen. 
XIX
	        

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