Full text: Bucheinbände des XV. bis XVIII. Jahrhunderts

Wappen und Rollen, meist aber mit neuen geschmückt, seltener 
auch die gewöhnlichen weissen Schaflederbände. Es ist nicht 
möglich, hier die ermittelten Resultate auch nur summarisch 
wiederzugeben, die Typen zu beschreiben, welche unter ihm und 
seinem Sohn Moritz sich innerhalb des alten Blinddruckschemas 
entwickelten. Wichtig in unserem Sinn ist auch der lebhafte 
Austausch neuer reformatoriacher Schriften -- gebunden natür- 
lich - welcher mit Sachsen, Württemberg etc. _unterhalten 
wurde und viel Schönes nach Cassel brachte. 
Originell, aber ohne Einüuss auf weitere Einbände, ist die 
Taf. XIX dargestellte Art der durchbrochenen unterlegten Per- 
gamentdecken. Die Idee ist jedenfalls kunstgewerblich verwend- 
bar, doch wohl nur für Bücher, welche wenig benutzt werden 
sollen. 
Mit der Errichtung einer Druckerei in Cassel um das Jahr 
1600 durch, Wilh. Wessel, mehren sich auch die sicher be- 
glaubigten Casseler Einbände. In der Decoration derselben 
halten sich niederländische und französische Einiiüsse die Wage, 
nicht nur deshalb, weil die Geschmacksrichtung des Hofes die 
eine oder andere Richtung begünstigte, sondern vornehmlich, 
weil die Buchbinder sich aus den ihres Glaubens wegen ver- 
triebenen reformirten Franzosen etc. rekrutirten, weshalb es 
hierauf bezüglichen Akten, da diese wohl bei dem Schlossbrand 
zu Grunde gingen. Der Umstand, dass nur einzelne Bände dieser 
Decorationsweise, nämlich die zurückbehaltenen speciell auf 
pfälzische, bayrische Geschichte bezüglichen (cf. Stockbauer, Taf. 
VI u. XXXII, Adam, Bucheinb. F ig. 181 etc.) anderwärts zu finden 
sind, hat bisher diese für die Geschichte des Bucheinbandes in 
auch nicht auffallen kann, wenn neben unbehiliiichen Versuchen 
vollendete Leistungen, neben schlecht nachgeschnittenen Stem- 
peln solche von klassischer Feinheit vorkommen. Die Biblio- 
thek erhielt ihren grössten, an herrlichen Einbänden reichen Zu- 
Wachs durch die pfälzische Erbschaft im Jahre 1686. (cf. A. 
Dzmcker im Centralblatt für Bibliothekszvesen II 1885 nach Ar- 
chivalien hierüber näheres.) 
Carl Ludwig, der letzte Pfalzgraf aus der Linie Pfalz-Sim- 
mern, hatte die von ihm und seinem Vater gesammelte Heidel- 
Deutschland bedeutsame Werkstätte und Manier im Verborgenen 
gehalten, Für die Uebertragung des Styles le Gascon-Badier, 
Welchen ich mit dem Namen F iligranstyl bezeichnen möchte, 
nach Heidelberg mag die Vermählung der Schwester des 
Erblassers, der bekannten Lieselotte, mit Philipp I. von Orleans 
den Anlass gegeben haben. Bei der Ueberführung der Pfalzer 
Bibliothek wurde ein Catalog (von Beger, cf. Beschreibung zu 
Taf. XXVI) aufgestellt, welcher unter Mscr. litt. fol. 5 in Cassel 
noch vorhanden ist, und die zweifellose Provenienz festzu-- 
stellen gestattete. Den abgebildeten Bänden ist die bezügliche 
Signatur beigefügt. Den speciellen Nachweis, dass die ab- 
gebildeten 6 Bände , Taf. XXII-XXVI, einer Heidelberger 
Werkstatt entstammen, habe ich bei Beschreibung von Taf. XXII 
gegeben. Auch von der Privatbibliothek der Pfalzgräiin kam 
nachträglich (22j 6. 1698) ein Catalog nach Cassel, welcher sich 
noch in den Akten der Bibliothek befindet. i 
Die späteren Regenten vermehrten stetig die Bibliothek, 
und statteten die Bücher in dem Geschmack ihrer Zeit aus. 
Vorzüglichstes iMaterial und einfache noble Vergoldung mit 
Randborten und Mittelstücken, oft Wappen, sind die herrschen- 
den Vorzüge. Von Interesse sind einige mit reichen Rococo- 
ranken bedruckte Bände, welche Landgraf Friedrich II. aus 
Italien mitbrachte (cf. letzte Tafel). Noch unter Jeröme Napoleon 
wurde der Bestand an Incunabeln aus den eingezogenen west- 
fälischen Klöstern ansehnlich vermehrt. 
berger Hofbibliothek (nicht zu verwechseln mit der nach Rom 
entführten älteren Palatina) dem Landgraf Carl von Hessen testa- 
mentarisch vermacht. Nachdem durch geschickte Unterhand- 
lungen die über diese Erbschaft entstandenen Differenzen aus- 
geglichen waren, kam diese einschliesslich der von der Gemahlin 
des Kurfürsten, der Prinzessin Charlotte von Hessen-Cassel, hinter- 
lassenen Bücher gegen 4500 Bände starke Bibliothek im Sommer 
1686 nach Cassel. Sie umfasste auch Reste der alten Hof- 
bibliothek (für welche unter Otto Heinrich bekanntlich eine eigene 
Buchbinderei bestanden hatte), in den für dieselbe charakteristi- 
schen, wohlerhaltenen Kalblederbänden mit Stock und Rollen; 
prägung. (cf. Koch, die Hofbuchbinderei in Heidelberg im Archiv 
f. Gesch. d. deutsch. Buchh. 188g. p. 152, und Wilkeri, Gesch. d. 
Bildung etc. d. alten Heidelberger Büchersammlimgen. 1817.) 
Die neueren Aschaffungen sind im Styl le Gascon-Badier, 
jedoch mit besonderen originellen neuen Motiven bereichert, ein- 
gebunden. Pfälzische __Wappenstöcke, Vorsatzpapiere, wie sie 
nie in Frankreich verwendet sind, der gleichmässige Einband von 
Werken des allerverschiedensten Druckortes beweisen, dass sie 
Die Bibliothek war bei ihrer Gründung im Jahre 1580 in 
einem Saal der fürstlichen Canzlei aufgestellt, welche mit dem 
Schloss durch einen Gang verbunden-wan. 1585 kam sie in" den 
Oberstock des neuen, dem Schloss gegenüberliegenden Marstall- 
gebäudes, und nach Errichtung des neuen Museums unter Land- 
graf Friedrich II. in den Oberstock desselben, Wo sie sich noch 
beiindet. Sie nahm ursprünglich nur einen grossen, den ganzen 
Hauptilügel ausfüllenden Saal ein, welcher in der damals be- 
liebten Weise auch zur Aufstellung von sonstigen Kunstsachen, 
mathematischen Instrumenten etc. diente, und mit einer Galerie 
umgeben ist. Welcher Abstand zwischen einem solchen, seines 
geistigen Inhaltes würdigen Prachtsaal, und einer modernen 
Bibliothek nach dem allein seeligmachenden „MagazinsystemeW 
Zum Schluss möchte ich den Herren Vorständen der betr. 
Bibliotheken, welche mir in liberalster Weise die Benutzung 
ihrer Schätze erleichterten, an dieser Stelle verbindlichsten Dank 
abstatten. 
MARBURG, im März 
1892. 
ebenfalls aus einer Heidelberger Hofwerkstatt hervorgingen. 
Leider enthält das grossherzogliche Landesarchiv gar keine 
Dr. L. Bickell.
	        

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