Full text: Cassel

als fränkischer Königshof in die Geschichte ein und 
erhielt zu Anfang des 13. Jahrhunderts Stadtrecht und 
Mauern, die notwendige Voraussetzung für Handel 
und Wohlstand. 1247 wurde Heinrich I. aus Brabants 
Stamm, ein Enkel der heiligen Elisabeth, erster Land- 
graf zu Hessen und legte auf den Trümmern jenes 
alten Burgsitzes, dem Cassel seinen Ursprung ver- 
dankt, den Grund zu einem neuen Schloß. An dieses 
schloß sich der älteste Teil der Stadt unmittelbar an; 
aber schon in der zweiten Hälfte des I3. Jahrhunderts 
wurde diese durch Anlage der späteren Unterneustadt 
auf dem rechten Fuldaufer erweitert, bis dann im 
14. Jahrhundert Landgraf Heinrich II. einen dritten 
Stadtteil, die „Freiheit", anlegte. Schon bald ver- 
einigten sich diese drei getrennten Stadtgemeinden, 
deren jede ihr eigenes Gotteshaus, Rathaus und Schule 
besaßen, zu kommunaler Einheit. Eine vollkommene 
Vorstellung des damaligen mittelalterlichen Stadt- 
bildes mit seinen mitteldeutschen Bürgerhäusern haben 
wir heute nicht mehr; viele dieser Bauten sind dahin, 
und andere haben durch die einwandernden Vlam- 
länder und Franzosen eine Veränderung der Fassade 
erhalten. An Stelle des alten Schlosses steht jetzt der 
reizlose Justizpalast. Noch aber ragen aus jener Zeit 
die Brüderkirche, das einstige Gotteshaus der Karme- 
liter, der gotische Martinsdom, das Mausoleum der 
hessischen Fürsten, und, vom einstigen Bering der 
Stadt, der Druselturm in die Gegenwart. Weit mehr 
hinterließ uns die Renaissance ganze Häusefluchten 
von stattlichen Bürgerhäusern und von Monumental- 
bauten, Zeughaus, Renthof und Marstall, der zeitweise 
neben der Kunstkammer des Fürsten auch die Biblio- 
thek barg. Unter Landgraf Wilhelm dem Weisen er- 
lebte Cassel eine Zeit kulturellen Aufschwungs, die 
noch heute nachwirkt. Durch gewaltige Festungs- 
werke sicherte er die Stadt, so daß noch im 3ojähri- 
gen Krieg Cassel als einzige deutsche Stadt keinen 
Feind in seinen Mauern sah. Dieser geistreiche Fürst, 
der den Krieg für das verderblichste auf Erden hielt, 
gab Künstlern und Kunsthandwerkern reiche Auf- 
träge. Am meisten aber fesselten ihn die exakten 
Wissenschaften. Er ließ auf dem Zwehrenturm die 
erste Sternwarte der Welt errichten; galt er doch 
neben seinem Freund Tycho de Brahe, den er nach 
Cassel berufen hatte, als der bedeutendste Astronom 
der Zeit. Auch der Schweizer Burgi, der Erfinder der 
Logarithmen und des Pendels, arbeitete auf Veran- 
lassung des Landgrafen in Cassel. Dem Beispiel seiner 
Vorfahren folgend, zog Wilhelm auch Niederländer 
ins Land, die die Tuchbereitung zu neuer Blüte 
brachten. Venetianische Glaser wurden in einer eigenen 
Casseler Glashütte beschäftigt; selbst Koks wurde da- 
mals schon - im 16. Jahrhundert -- aus Braunkohlen 
erzeugt, und die Kultur der Weinrebe fand auf den 
Hängen der Stadt eine besondere Pflege. Das Lust- 
gärtlein unterhalb des Schlosses bildete den Anfang 
jener imposanten Parklandschaft, die sich in der 
Barockzeit zur Karlsau erweiterte. Bemerkenswert 
ist, daß der Landgraf schon damals Maximaltaxen zur 
Bekämpfung der Teuerung einführte. Auch Landgraf 
Moritz der Gelehrte öffnete zahlreichen Niederländern 
sein Land, die sich vornehmlich in der Hauptstadt 
ansiedelten. 1605 errichtete er das in seiner Fassade 
am Kunsthaus noch erhaltene erste feste deutsche 
Theater, in dem die englischen Komödianten den 
Casselanern Shakespeare vermittelten. Aber das glän- 
zende Hofleben war nicht von endloser Dauer. Die 
Nöte des 30jährigen Krieges führten den Ruin des 
Landes herbei, und erst unter dem genialen Land- 
grafen Karl wurde Cassel wieder eine der vornehmsten 
Städte in Deutschland. Auch er brachte durch An- 
siedlung französischer Hugenotten, denen er einen ganz 
neuen Stadtteil, die Oberneustadt, erbaute, das Ge- 
werbe zum Aufblühen; die Erzeugnisse der hessischen 
Leinenweberei, namentlich die unter dem Namen 
„hessians" bekannten gröberen Qualitäten, gingen da- 
mals in alle Welt. Das großartige Projekt eines 
Rhein-Weser-Kanals scheiterte an den Terrain- 
Schwierigkeiten. Dafür überzog aber ein Netz guter 
Poststraßen das Land. Die erste deutsche Gewerbe- 
schule, die Karl in Cassel gründete, vermittelte vor 
allem die realen Wissenschaften, und der Engländer 
Denis Papin, der Erfinder der Zentrifugalpumpe, der 
Taucherglocke und der Dampfmaschine, hat jahrelang 
in Cassel unter dem besonderen Schutz des Fürsten 
gearbeitet. Zwar schuf er noch kein eigentliches 
Dampfschiff, das erst 1787 Patrik Miller vom Stapel 
laufen ließ, wohl aber hatte Papin bereits 1707 in 
Cassel mit seinen Versuchen die bewußte Idee des 
Räderdampfschiffes erfaßt. Nach der italienischen Reise 
ließ Karl seine beiden Hauptschöpfungen, Karlsau und 
Wilhelmshöhe, erstehen; stellte er in jenen Hochwald- 
park den heiteren Barockbau des Orangerieschlosses, 
so wurde der Weißenstein, die spätere Wilhelmshöhe, 
durch die von dem römischen Architekten Guerniero 
im Stil des italienischen Spätbarock mit erstaunlicher 
Kunstphantasie errichtete Riesenkaskade und das 
Riesenschloß gekrönt, von dem aus, etwa 600 m über 
dem Meeresspiegel, auf hochragender Pyramide die 
über 9 m hohe kupferne Herkulesstatue weit in die 
Lande schaut. Ehe unter Karls Enkel Friedrich für 
Cassel die Glanzzeit des Rokoko anbrach, schuf Land- 
graf Wilhelm VIII., der einstige Gouverneur von 
Breda und Maastricht, die Casseler Galerie, die noch 
heute zu den bedeutendsten Europas zählt, und das in 
Waldeinsamkeit gelegene Rokokoschlößchen Wil- 
helmsthal. Noch ehe dieser köstliche Bau vollendet 
wurde, tobte eine der Schlachten des Siebenjährigen 
Krieges. um seine Mauern. Landgraf Friedrich Il. 
mühte sich, die Schäden dieses Krieges zu heilen. 
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