Volltext: Hessenland (1943)

Das neue 
Wieder einmal die „verkauften hessischen Landeskinder". 
Wie es scheint, ist der dem hessischen Fürstenhaus angetane 
Schimpf, seine Landeskinder nach Amerika verkauft Zu haben, 
unausrottbar. PH. Losch, dem wir eine eingehende Darstellung 
der hessischen und fremden Subsidienverträge verdanken*), 
ist selbst nicht optimistisch genug zu glauben, dieses schmähliche 
Gerede ganz zum Schweigen zu bringen, und noch im „Hessenland" 
l939, Heft 3/4, hat er wieder auf „Schandflecken, die auf die 
hessische Vergangenheit gemacht sind", hinweisen müssen. Man 
kann und muß es verurteilen, wenn die Landesherren des 18. 
und 17. Fahrst, welche über eine irgendwie bemerkenswerte 
Truppenmacht verfügten, so gut wie allgemein auf Grund von 
Subsidienvertragen ihre Soldaten in fremde Kriegsdienste ga 
ben (übrigens hat Friedrich d. Gr. sehr gern von dieser Übung 
Gebrauch gemacht!), denn es widerspricht unserem Gefühl durch 
aus, daß eigene Volksgenossen für fremde Interessen bluten 
sollten. Wenn aber immer wieder und nur ihm allein, nämlich 
dem Landgrafen Friedrich II. von Hessen, der Vorwurf ge 
macht wird, er habe Landeskinder verkauft, so ist das eine ge 
flissentliche Beschimpfung. Immer wird nur der Hessenfürst 
als ein ganz besonderes Scheusal hingestellt. Davon, daß auch 
der Vraunschweiger, Anhalt-Zerbster, Ansbach-Vahreuther, 
Waldecker Landesherr seine Soldaten im Jahr 1776 mit nach 
Amerika ziehen ließ, macht niemand Aufhebens, ganz zu 
schweigen von den Subsidienvertragen, welche andere Staaten, 
wie z. B. Österreich, Kurpfalz, Kurbayern u. a. mit Frank 
reich (!) abschlössen. Das Widerwärtigste in Beschimpfung der 
Hessen leistete sich aber jetzt in der vielgelesenen Zeitschrift 
„Volk und Welt" unter dem Titel „Kulturdünger" ein Pro 
fessor Eilhard Erich Pauls aus Lübeck. In sensationeller Auf 
machung malt er den Schacher mit Menschenfleisch aus, den 
seine kurfürstliche (!) Gnaden von Hessen getrieben haben soll, 
wobei es ihm nicht darauf ankommt, ihn gewaltsame Werbun 
gen in Thüringen (!) vornehmen zu lassen. (In Hessen bestan 
den sehr strenge Vorschriften gegen gewaltsame Werbungen.) 
30 000 seien es gewesen, die Zu Ehren des Sternenbanners 
oder der britischen Flagge gefallen seien, 5000 seien als Far 
mer drüben geblieben und 17 000 seien zurückgekehrt. In Wahr 
heit zogen noch nicht ganz 17 000 Hessen nach Amerika! Wann 
wird endlich die Verunglimpfung der Hessen ein Ende haben? 
1) Bärenreiterverlag Kassel 1938. 
Karl von Baumbach. 
Karl I u st i, Das Marburger Schloß (Veröffentlichungen 
der Historischen Kommission für Hessen und Waldeck XXI). 
Marburg (Elwert) 1942. 146 S. 30 Tertabbildungn und 54 
Tafeln. 
Über der Darstellung der Geschichte des Marburger Schlos 
ses schwebte bisher ein unglückliches Geschick. Friedrich Küch 
wurde durch den Tod verhindert, seine umfangreichen Vorarbei 
ten zu veröffentlichen. Einige Aufsätze, vor allem die in „Hes 
senkunst" 1921 und 1924, sowie die Tafeln im 8. Bande der 
Bau- und Kunstdenkmäler im Neg.-Bez. Kassel waren alles, 
was ihm herauszugeben vergönnt war. Carl Knetsch konnte 
sich nicht entschließen, etwas aus seinem reichen Wissen druk- 
ken zu lassen. Fetzt schließt endlich Fusti, beiden in Freund 
schaft verbunden und deshalb am besten mit ihren Gedanken 
und Plänen vertraut, die lang empfundene Lücke und legt eine 
umfassende und überaus gründliche Geschichte dieses wichtigen 
Baudenkmales vor. 
Fusti hat sich zu diesem Werk eine eigene Methode ge 
schaffen, die zu den glücklichsten Ergebnissen führt. Die Grund 
lage seiner Darstellung bildet der Berg selbst, der mit seiner 
ursprünglichen und mannigfach veränderten Gestalt die Anlage 
des Schlosses und der Befestigungen stärkstens beeinflußt hat, 
und dem deshalb eingehende Untersuchungen gewidmet sind.- 
Schon dadurch wird manches Problem aufgehellt. In müh 
samer Arbeit verfertigte Iusti dann zusammen mit dem Bild 
hauer Heinrich Nied zahlreiche Modelle. Neben die schriftliche 
und bauliche Überlieferung tritt damit die unmittelbare drei 
dimensionale Anschauung. So gelingt es, zahlreiche offene 
Rätsel der Vaugeschichte zu lösen. 
Das Ergebnis dieser Arbeitsweise ist überzeugend und in 
vielem anders, als man bisher glaubte, annehmen zu dürfen. 
Schrifttum 
Freilich bleibt die gisonische Turmburg auch fernerhin recht 
hypothetisch. Aber schon von der thüringischen Burg Ist ver 
hältnismäßig viel auf uns gekommen, namentlich im Südbau. 
Sehr interessant ist dabei die Anlage der sogenannten „Ratz- 
falle", einer Torbefestigung unter dem heutigen Saalbau, die 
bisher ganz unbekannt war. Mit dem Ausbau des Fürsten- 
jchlosses in der dritten Periode durch Heinrich I. nähert sich 
die Burg schon etwas mehr dem heutigen Aussehen. Sie er 
reicht es im 15. Jahrhundert in der 4. Vauperiode. Die spätere 
Zeit hat dann nur noch in Einzelheiten geändert und hinzuge 
fügt. 
Es ist nicht möglich, die Fülle des Neuen, die das Buch 
bringt, hier auch nur annähernd anzudeuten. Es läßt uns in 
seltener Geschlossenheit die Baugeschichte einer Burg von 
ihren Anfängen bis in die neueste Zeit verfolgen. Zahlreiche 
Tafeln und Zeichnungen erläutern dabei den Tert. Jeder, der 
sich nun mit Iustis Hilfe in die Geschichte dieses schönen 
Schlosses vertieft, wird ihm für seine Arbeit dankbar sein. 
ü h l h o r n. 
Kurt S ch a r l a u , Siedlung und Landschaft im Knüllge 
biet. Ein Beitrag zu den kulturgeographischen Problemen 
Hessens. Leipzig, Verlag von S. Hirzel, >941. X, 335 S., 
30 Abbildungen und 28 Karten. 12,— NM. 
Mit naturwissenschaftlichen Methoden und historischer Dar 
stellungsweise sucht in diesem Werk der Marburger Geograph 
Kurt Scharlau nach den Ursachen einer geographischen Erschei 
nung, des heutigen Siedlungs- und Landschaftsbildes. Sein 
Untersuchungsgebiet ist der Knüll, jener Landschaftsraum Nieder 
hessens zwischen Vogelsberg, Schwalm, Eder und Fulda, der 
trotz seiner räumlichen Begrenztheit eine Fülle der geographi 
schen und siedlungsgeschichtlichen Probleme bietet und unter der 
Hand des Verfassers gleichsam zum Schulbeispiel in Methode 
und Darstellung wird. 
Die erdkundliche Untersuchung steht naturgemäß an erster 
Stelle. Lage, Oberfläche und Gliederung, Klima, Bewässerung 
und Boden sind Gegenstände des ersten Teiles der Arbeit. In 
diesem Abschnitt erhält man einen Eindruck von der Vielgestal 
tigkeit und dem Reichtum der Oberflüchenformen dieses so 
wenig erschlossenen und doch landschaftlich so anziehenden Ge 
bietes, das durch die Gegensätzlichkeit zwischen Basalt im 
Westen und Vuntsandstein im Osten seine hauptsächlichsten 
Reize erhält. 
Der Verfasser ist bereits durch mehrere Arbeiten über die 
Probleme der Siedlungskunde bekannt geworden. Da er neben 
der geographischen auch die historische Methode aufs gründ 
lichste beherrscht, ist er zu solchen Untersuchungen besonders be 
fähigt. So ist es verständlich, wenn er im zweiten Teil dec 
Arbeit diesen Problemen den größern Raum widmet. Seine 
Untersuchung ist hier ebenso quellenmäßig gründlich wie me 
thodisch anziehend. In glücklicher Wechselwirkung von Geogra 
phie und Geschichte entsteht vor uns ein Bild der Siedlungs- 
Vorgänge, wie wir es vollständiger und tiefgreifender nicht 
erwarten können. 
Schon in der jüngeren Steinzeit erscheint der Knüll besiedelt, 
und zwar wohnen Band- und Schnurkeramiker nebeneinander. 
Die siedlungsfreundliche Vegetationsform des Gebirges lockte 
in der Bronzezeit zu weiterer Besiedlung, die sich vor allem an 
die Bergzüge und an die Verkehrswege anschloß. 
Eine eingehende vorsichtige Analyse der Ortsnamen ergibt 
für die frühgeschichtliche Zeit eine Besiedlung der gesamten 
Fläche des Knüll in wechselnder Dichte. Die vorherrschende 
Wirtschaftsform war die Waldweidekultur. Sie war durchsetzt 
mit Ackerbau. Auch jetzt sind die natürliche Beschaffenheit der 
Qberflächenformen und des Pflanzenkleides sowie die wirt 
schaftlichen Nutzungsmöglichkeiten richtunggebend für die Be 
siedlung. 
Bis zum Hochmittelalter ist eine weiter steigende Besied 
lungsdichte zu beobachten. Sie kann bereits in der fränkischen 
Zeit nachgewiesen werden. Später ist dann das Aufkommen 
der Städte von besonderem Interesse. Es wird in eingehender 
Darstellung auf wirtschaftliche und politische Ursachen zurück 
geführt. Dieser Abschnitt scheint mir besonders gelungen zu 
sein. 
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