Full text: Hessenland (51.1940/41)

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fache und die näheren Umstände sind uns nicht bekannt. 
Es kam aber Zu einem Sühnevergleich, dessen Bedingun 
gen durch einige Nitter und den Pastor in Londorf fest 
gesetzt wurden. Darin heißt es: Zum ersten soll Herr 
Heidrich — der Täter — gehen mit bloßem Haupte und 
tragen seinen Mantel auf seiner Achsel und -seine zwei 
Knechte mit ihm auch mit bloßen Häuptern und unge- 
gürtet und tragen 3 bloße Schwerter. Danach sollen 
gehen 70 Nitter und Knechte guter Leute, die zu dem 
Schilde geboren sind, und jeder soll tragen eine Kerze 
von einem Pfunde oder ein Pfund Wachses. Dieses 
Begängnis soll angehen an dem Schlag unter dem Berge 
(bei Großseelheim) bis an das Grab, wo Kraft Hobeherr 
begraben liegt. Dort sollen der Täter Heiderich von Dern 
bach und seine beiden Knechte niederknien und der Bru 
der des Erschlagenen, Nitter Volprecht Hobeherr, 
und seine Freunde sollen sie begnaden und aufstehen 
heißen. Dann sollen Heiderich und seine Knechte eine 
Fahrt zum römischen Hofe für die Seele des Erschlage 
nen machen, ihre Buße empfangen und Kundschaft brin 
gen (d. h. zum Beweise, daß sie die Fahrt ausgeführt 
haben). Ferner soll er ein steinernes Kreuz vor dem 
Kirchhof zu Seelheim errichten von 7 Fuß Höhe. Er soll 
den Kirchhof wieder weihen lassen. Er soll eine Nitter- 
prübende für eine von Volprecht Hobeherr zu bezeichnende 
Person gewinnen. Er soll die Bruderschaft von 600 Klö 
stern gewinnen und 2000 Seelmessen für das Seelen 
heil des Verstorbenen lesen lassen. Und schließlich soll er 
in bar erlegen am nächsten 13. Januar 200 Pfund Hel 
ler und am 1. Mai 172 Pfund Heller. 
Wenn wir die Fülle dieser Sühnebestimmungen über 
blicken, so sehen wir, daß der Täter eigentlich nach zwei 
Seiten hin Verpflichtungen übernimmt, einmal den Ver 
wandten des Toten und dann dem Toten selbst gegen 
über. Den Verwandten gegenüber durch Zahlung einer 
Geldsumme, gewissermaßen als Schadenersatz für den 
Verlust, den die Familie durch den Totschlag erlitten hat, 
und zwar nach der Anschauung des Mittelalters für die 
materielle Beschädigung. Der innere Wert des Menschen, 
der Charakter und seine moralischen Eigenschaften spiel 
ten dabei eine geringere Nolle, als seine Lebensstellung 
und seine ökonomische Bedeutung. Einen sehr naiven 
Ausdruck hat übrigens dieser ökonomische Standpunkt 
noch in der Witzenhäuser Halsgerichtsordnung aus der 
Zeit Philipps des Großmütigen gefunden. Dort heißt es 
in den Bestimmungen über die Mordklagesormel, das 
Gerüste, folgendermaßen: „Daruf sal der richter den 
borgemeister des rechten ermahnen. Der sal vor recht tei 
len, me solle den teter verschreien zu dren malen, und 
der schrei sal luden. „Heial ubir N. N., der meinen lie 
ben bruder uf des riches straßen und in mines gnedigen 
forsten land und gebide minen liben N. N. vom leben 
zum tode bracht hat, der mir vehele lieber was dan drei 
ßig phund." Diese Buße an die Verwandten ist natür 
lich der Nest des alten Wergeldes. Aber es sind nicht 
mehr die alten Wergeldtaren, die zu Grunde gelegt wer 
den. Schon der Schwabenspiegel hatte den Grundsatz 
ausgestellt, daß ein Mann nach seiner Würdigkeit oder 
Geburt und mit Nücksicht auf die Schwere der Tat sowie 
den erlittenen Schaden gebüßt werden solle. 
Alle übrigen Bestimmungen des Sühnevertrages sind 
Entschädigungen, die gewissermaßen dem Toten selbst ge 
leistet werden. Der Tote ist plötzlich dahin gegangen, er 
hat seine Sünden vorher nicht beichten, er hat nicht mehr 
für sein Seelenheil durch fromme Werke, Wallfahrten 
und Stiftungen sorgen können. Dafür muß nun der Tä 
ter eintreten und Schadenersatz leisten. Zunächst hat er 
das feierliche Begängnis zu leisten oder, wie es auch 
heißt, das Leichzeichen zu legen. Auch dies war eine 
Entschädigung für den Ermordeten, da die Beerdigung 
eines Erschlagenen sonst in aller Stille vor sich ging. 
Über dem Grabe mußte er die Verzeihung des Ermorde 
ten anrufen. Dann folgte die große Menge der from 
men Verpflichtungen, die Erwerbung von Bruderschaften, 
die den Toten der guten Werke der Klöster teilhaftig 
machen sollten, die Totenmessen, die Wallfahrten und 
schließlich auch die Errichtung eines Totenkreuzes, das 
ähnlich wie die Marterkreuze, die wir vor allem aus dem 
Alpengebiet kennen, die Gebete der Vorüberziehenden 
für den Toten veranlassen und damit dessen Seelenheil 
dienlich sein sollte. 
Nicht in allen Totschlagsühnen wird die Errichtung 
eines Kreuzes gefordert und nicht in allen werden Be 
stimmungen über die Größe und sonstige Beschaffenheit 
dieser Denkmäler getroffen. Von Wichtigkeit ist aber für 
uns die Bestimmung in einigen Sühneurkunden, so in 
einer Limburger vom Jahre 1380, daß an dem Kreuz das 
Wappen des Ermordeten gehauen sein soll und daß es 
auf die Stätte gesetzt werden soll, wo der Tote wund 
verblieben ist. 
Bei der Häufigkeit der Fehden und der raschen Taten, 
wie sie damals im Schwange waren, können wir uns 
nicht wundern, wenn den Fremden, die Deutschland 
durchreisten, die große Menge solcher Kreuze auffiel. So 
berichtet im Jahre 1556 der Jesuit ürsmarus Goissonius 
dem Stifter seines Ordens über eine gefahrvolle Neise 
durch Deutschland mit folgenden Worten: „Daß Näuber 
hier versteckt sind, haben wir leicht bemerkt, da wir auf 
solchen waldigen Wegen, die einst Hercyn. Wald genannt 
wurden, überall niedrige steinerne Kreuze erblickten, auf 
denen Schwerter, Äxte, Veile, Dolche eingehauen waren." 
Seitdem ist natürlich ihre Zahl sehr zusammengeschmol 
zen. Immerhin konnte im Kreise Marburg noch eine 
ganze Zahl festgestellt werden, von denen einige in den 
Abbildungen wiedergegeben sind. 
Nach all dem dürfen wir alle die Kreuze als Sühne- 
kreuze ansehen, auf denen sich Wappen oder Waffen, 
Beile und dgl. befinden, und von diesen können wenig 
stens drei nachgewiesen werden. Bei den andern ist die 
Bestimmung als Sühnekreuze nicht mit gleicher Sicher 
heit möglich, wenn auch bei den meisten der Aufstel 
lungsort ebenfalls dafür spricht, insofern es nämlich 
keine Grenzsteine sein können. Das Material ist natürlich 
heimatlicher Sandstein, die Form ist meist die einfache 
Kreuzform mit abgefasten Kanten. Leider war es bei 
keinem der Kreuze möglich, die Errichtung auf ein be 
stimmtes, urkundlich nachweisbares Ereignis zurückzu 
führen. 
Das älteste unserer Sühnekreuze steht in der Nähe 
von Cyriaxweimar an dem Wege zwischen Dreilinden und 
Hermertshausen. Es ist fast 1 Meter hoch und 25 Zen 
timeter dick und trägt am Kreuzungspunkt der Arme einen 
dreieckigen Schild mit drei mit der Spitze zusammensto 
ßenden herzförmigen Blättern. Die Stilkormen, nament 
lich des Schildes, weisen mit Sicherheit in das 14. Jahr 
hundert. Wem dieses Kreuz zuzuschreiben ist, kann nicht
	        

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