Full text: Hessenland (51.1940/41)

An der Spitze des ganzen Kriegwesens steht der Oberste 
Kriegsherr. Er führt den Krieg. Ihm obliegt aber auch 
die Sorge für die Heeresaufbringung und Heeresausrü 
stung im Frieden. In der Heerführung im Kriege unter 
stützt ihn der Oberste Feldhauptmann, der seinerseits wie 
der einen Oberst-Leutnant Zur Seite hat. Dieser ist we 
niger als Adjutant im modernen Sinne anzusprechen, 
als ein wirklicher Stellvertreter, der unter Umständen 
auch selbständig Entschlüsse fassen kann. Der Feldmar 
schall, dessen Aufgaben dann beschrieben werden, entspricht 
im Gegensatz Zu den eben beschriebenen drei Ämtern nun 
garnicht unsern heutigen Vorstellungen. Wir müssen uns 
vergegenwärtigen, daß der Hauptbestandteil des Namens 
ursprünglich eine niedrige soziale Stellung bedeutete und 
erst nach und nach Zu höherem Ansehen aufstieg. Hier 
haben wir es noch mit einer dieser Zwischenstufen zu tun. 
Noch ist der Feldmarschall nicht zur alles führenden Stel 
lung emporgestiegen. Er gehört aber schon zu den höheren 
Führern. Freilich sind seine Aufgaben eigentümlich zwie 
spältig. Er ist der Führer der Nennfahne, d. h. der 
Truppe, die dem Gros vorausmarschiert und -stürmt, um 
ihr Marsch und Angriff zu sichern. Daneben hat er aber 
noch Verpflegung und Lager unter sich und wird so zum 
Leiter der Intendantur, die freilich damals noch ganz an 
ders organisiert war als heute. Endlich gehört noch der 
Zeugmeister zu diesen höheren Offizieren. Er ist der Füh 
rer der gesamten Artillerie, die hier aber noch nicht zur 
selbständigen Waffe geworden ist. 
Es folgen nun die mittleren Befehlsstellen nach den 
damals vorhandenen Waffengattungen getrennt, zunächst 
die der Kavallerie, dann die der Infanterie. Die der Ar 
tillerie fehlen noch völlig, da diese ja, wie gesagt, noch 
nicht als besondere Waffengattung angesehen wurde. Sie 
182 
sind bei beiden gleich. An der Spitze einer jeden steht der 
Oberst. Das Wort ist hier noch in seiner ursprünglichsten 
Bedeutung zu nehmen. Der Oberste über alle Neiter oder 
über das Fußvolk ist also nicht in unserm heutigen Sinne 
Negimentskommandeur, sondern noch der Oberste über die 
gesamte Neiterei oder das gesamte Fußvolk. Das geht 
schon daraus hervor, daß es auch einen Obersten über 
alle Profosen gibt. Die Führer der taktischen Einheiten, 
deren Größe übrigens noch keineswegs feststand, sind die 
Hauptleute. Der Hauptmann der Neiter hat einen Leut 
nant, an dessen Stelle bei den Fußtruppen der Fähnrich 
tritt. Dieser hatte ja bei der damals äußerst wichtigen 
Funktion der Fahne eine sehr hervorragende Stellung. 
Die Bezeichnungen der unteren Chargen, Ouartiermei- 
ster und Wachtmeister, bei beiden Waffengattungen gleich, 
sind ganz wörtlich zu nehmen. Die Ouartiermeister haben 
die Quartiere auszumachen, zu verteilen und für Ordnung 
in ihnen zu sorgen. Die Wachtmeister stellen die Wachen 
aus und revidieren sie. Heute ist die erstere Bezeichnung ja 
nur noch in den hohen Nängen des Generalquartiermeisters 
und der Oberquartiermeister gebräuchlich. Wir haben hier 
ein weiteres Beispiel für das Aufsteigen eines Nanges, 
ebenso wie beim Feldmarschall. Der Wachtmeister dagegen 
ist gesunken und heute nur noch bei der berittenen Truppe 
üblich. Denn Ouartiermeister und Wachtmeister sind im 
16. Jahrhundert durchaus als Offiziere anzusehen, wäh 
rend heute ja letzterer zu den Unteroffizieren gehört. 
Natürlich ist diese Scheidung Zwischen Offizieren und 
Unteroffizieren in der damaligen Zeit noch nicht so scharf 
durchzuführen wie heute. Auch das Ämterbuch zeigt keinen 
dahingehenden Versuch, zählt vielmehr nach den oben 
genannten Ämtern Ziemlich unsystematisch noch einige an 
dere auf: der Knechte Feldweibel, die Weibel, Fouriere,
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.