Full text: Hessenland (51.1940/41)

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Das neue Sdjrifttum 
Die Vorarbeiten Zum Geschichtlichen Atlas von Hessen und 
Nassau haben eine wesentliche Fortführung erfahren. In der 
Reihe der „Schriften des Instituts für geschichtliche Landes 
kunde von Hessen und Nassau" sind, herausgegeben von E. E. 
Stengel, neuerdings von Th. Mayer und E. E. Stengel, 
einige Arbeiten erschienen, die hier eine kurze Würdigung fin 
den sollen. Es sind folgende: 
Anna Schröder-Petersen, die Ämter Wolfhagen 
und Zierenberg. Marburg (Elwert) 1936, XVI und 198 S. 
Preis geb. 14.— JIJi. 
Bernhard Helbig, Das Amt Homberg an der Efze. 
Marburg (Elwert) 1938, XII und 168 S. Preis geb. 11,40 
31JL. 
Wolfgang Müller, Die althessischen Ämter im 
Kreise Gießen. Marburg (Elwert) 1939, XVI und 217 S. 
Preis geb. 13.— JlJt. 
Zunächst ist das Werk von Schröder-Petersen zu 
behandeln. Die Arbeit ist weiter gespannt, als der Titel 
vermuten läßt. Siedlungsgeschichtlich ist das ganze Land an 
der unteren Diemel und ihren Nebenflüssen Twiste und Warme 
behandelt. Das Problem der Abgrenzung von Hessen und 
Sachsen steht hier im Mittelpunkt der Untersuchung. Sie ge 
nau zu Ziehen, wie verschiedentlich versucht worden ist, ist 
nicht möglich. Dafür dürfte sich aber in dem Namen des 
„pagu8 Hassorum" eine vorsächsische Zusammengehörigkeit 
des Landes an der Diemel mit dem an der Eder spiegeln, 
in dem erst nach der sächsischen Eroberung allmählich die Na 
men „provincia Saxoniae" und „Engern" zur Herrschaft 
gelangten. Ausgehend von der durch Wenck und Stengel fest 
gestellten Tatsache, daß hier eine weite Grenzzone vorliegt, 
die schon in frühkarolingischer Zeit unzweifelhaft sowohl 
sächsisch-engrisch als auch hessisch genannt wird, kommt die 
Verfasserin zu dem Schluß, daß von 897 an, wahrscheinlich 
aber auch schon früher eine geteilte Verwaltung des Hessen 
gaues bestanden hat, und daß das Diemelland nach dem Äus- 
sterben der Konradiner in zwei Grafschaften zerfiel. 
Um dieses Gebiet kämpften seit dem 11. Jahrhundert ver 
schiedene Mächte. Paderborn erwarb bis zur Mitte des 13. 
Jahrhunderts die Lehnsherrschaft über die Grafschaften Ever- 
stein, Schöneberg und Meiser-Schartenberg. Mainz, das seit 
dem Ausgang des 12. Jahrhunderts in dem gesamten Gebiete 
als Obertehnsherr erscheint, wurde Herr der Vogtei Hasun- 
gen und des Gerichtes Wolfhagen. Diesen gegenüber gelang 
es den zahlreichen Grundherren, unter denen die Gerichte der 
Wölfe von Gudensberg, der Spiegel zum Desenberge, der von 
Pappenheim, der von Kalenberg und Malsburg ausführlich 
dargestellt werden, nicht, einen, wenn auch bescheidenen Ein 
fluß zu behaupten. 
Die Landgrafen von Hessen begannen ihren Kampf gegen 
den Mainzer Gegner, wie wir so häufig im Kampfe um die 
hessische Landeshoheit beobachten können, von den Städten 
aus. Wolfhagen, zu Anfang des 13. Jahrhunderts gegründet, 
war ihr Ausgangspunkt- Grebenstein und Zierenberg wurden 
wichtige Etappen. Von hier aus wurden die Ämter Wolfhagen 
(das Freigericht wird in einem besonderen Abschnitt behan 
delt) und Schartenberg gewonnen. Sie sind die Basis für das 
weitere Vororingen der Landgrafen gegen die mainzischen 
Besitzungen im Norden Hessens geworden. 
Eine ganz andere territoriale Struktur zeigt das Amt Hom 
berg, das Bernhard Helbig bearbeitet hat. Die Gauge 
schichte gibt hier keine Schwierigkeiten auf- das bearbeitete Ge 
biet gehört eindeutig zum Hessengau, in dem hier der Vernagau 
festzustellen ist, eine Hundertschaft, deren Nachfolgerin die 
landgräfliche Villikation Homberg ist. Nach dem Zerfall der 
Gauverfassung haben die Grafen Werner die meisten Rechte 
in den Händen. Daneben aber können noch zahlreiche Be 
sitzungen der Grafen von Ziegenhain, geistlicher Herrschaften 
und des niederen Adels nachgewiesen werden. Neichsgut ist 
in Mardorf-Berge urkundlich belegt und kann darüberhinaus 
entsprechend Vethges Vorgang in einigen Heimorten erschlos 
sen werden. 
Die Landeshoheit der Landgrafen knüpfte an die Stadt und 
Villikation Homberg an. Um 1190 sind sie in den Besitz der 
Burg Homberg gelangt. Bald danach erscheint die Villikation 
schon zum Amte ausgebaut. Seine Organisation wird in 
einem besonderen Kapitel ausführlich geschildert. Verlief hier 
im Zentrum die Entwicklung verhältnismäßig gradlinig, so 
sind die Randgebiete erst spät und z. T. nach schweren Kämp 
fen besonders gegen Mainz der hessischen Landeshoheit un 
terworfen worden, so die Gerichte Wallenstein und Neuen 
stein, Burg und Gericht Falkenberg, das Gericht Nopperhau- 
sen und die Hersfeldischen Rechte in Nopperhausen. Sie alle 
sind auf Hersfeldische Grundherrschaft und ihre Rechtsnach 
folger Zurückzuführen. 
Zeigt die Arbeit Helbigs das Wachsen eines hessischen Herr 
schaftsgebietes von innen heraus, so ist im Gegensatz dazu 
das Gebiet, das Müller untersucht, aus mehreren Einheiten 
erwachsen. Schon von Anfang an lassen sie sich als Teile der 
Grafschaft an der mittleren Lahn und der Ohm-Lahn-Graf 
schaft feststellen. In ersterer entwickelte sich in Konkurrenz 
mit der gräflichen Amtsgewalt aus den konradinilchen oder 
später luremburg-gleibergischen Gerechtsamen die Territorial 
grafschaft Gleiberg. Auf Müllers Stellungnahme gegen meine 
These vom Ursprung der Grafschaft Solms aus der Grafschaft 
Gleiberg will ich hier nicht eingehen, da das im Nahmen die 
ser Anzeige zu weit führen würde. Doch behalte ich mir das 
für später vor. Das Lumdagebiet, das als Teil der Graf 
schaft Nuchesloh zur Herrschaft Gleiberg gehörte, kam in den 
Besitz der Herren von Mehrenberg und später der Grafen 
von Nassau. In Grünberg endlich übte der Landgraf die amts 
gräflichen Rechte aus, ohne daß wir wissen, wie sie in seinen 
Besitz gekommen sind. 
Hessen mußte sich in scharfem Kampfe gegen die zahlreichen 
kleinen Herrschaftsinhaber des Gebietes durchsetzen. Diese 
leiteten ihre Macht meistens aus der Niedergerichtsbarkeit, 
manchmal auch aus der Vlutgerichtsbarkeit und anderen Rech 
ten (vor allem Gebot und Verbot) her, während die Grund 
herrschaft eine geringe Nolle spielte. Sie hatten sich als 
Zwischenglied zwischen die gräfliche Gewalt und die Masse 
der Untertanen geschoben. Die Macht der Landgrafen nahm 
in Grünberg ihren Ausgang und griff von hier aus nach 
Nordeck hinüber. 1263 gelang die äußerst wichtige Erwerbung 
von Gießen. Nach und nach wurden dann von diesen Zentren 
aus auch die kleinen Gerichtsherren unterworfen. Am Ende 
des 16. Jahrhunderts war der Prozeß abgeschlossen und der 
hessische Territorialstaat in diesem Gebiet abgerundet. Er fand 
seine Organisation in den Ämtern Grünberg, Gießen und 
Nordeck-Allendorf a. d. Lumda. Die spätere Kreiseinteilung 
hat diese natürlich gewachsene Organisation dann zerstört. 
Allen drei genannten Arbeiten sind ein Kapitel über die 
Amtsgrenzen, die wichtigsten Urkunden, ein Verzeichnis der 
Beamten und Register beigegeben. Karten in der bekannten 
Ausführung vermitteln die nötige Anschauung. Wir werden 
demnächst über weitere, inzwischen erschienene Vorarbeiten 
zum geschichtlichen Atlas von Hessen und Nassau zu berichten 
haben. Prof. Dr. Uhlhorn 
Die Chroniken von Friedberg in der Wet 
ter au, herausgegeben von Christian Waas, Bd. I 
und II. Friedberg 1937, 1940- 351 und 422 S. 7.— und 
8.— MJl. 
Unsere anmutige Nachbarstadt Friedberg hat trotz einem 
reichen Geschichtserleben doch keinen Historiker von literarischer 
Kraft und Farbe hervorgebracht, der ihr etwa einen Platz 
in der Sammlung der „Chroniken der deutschen Städte" hätte 
verschaffen können. Wohl aber hat es zu allen Zeiten dort 
Heimattreue Männer gegeben, die, sei es für ihr eigenes 
Bedürfnis das Erlebte in einem „Hausbuch" aufzeichneten, 
oder auch für einen größeren Kreis die Chronikform wählten- 
nur ist hier von bösen Verlusten zu berichten. 
Aber nun findet sich heute in dem gelehrten Sohne der 
Stadt Professor Dr. Christian Waas ein Mann, der mit 
einzigartiger Wissensfülle und Arbeitskraft anhäuft, was ir 
gendwie von geschichtlichen Nachrichten aus einem halben 
Jahrtausend sich finden läßt — und bei der Publikation durch 
den opfermutigen Verlag Vindernagel unterstützt wird! Zwei 
stattliche Bände liegen schon vor, und auch den dritten und 
letzten möchte ich gerne noch erleben- vor allem auch um des 
Gesamtregisters willen, in dem den Außenstehenden meist nicht 
die Personalien, wohl aber die Hinweise auf geschichtliche
	        

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