Full text: Hessenland (51.1940/41)

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Kurhesscn selbst Schutz. Auch in Friedenszeitcn könne 
Preußen genötigt werden, plötzlich TruppenverschiebunZ»ri 
vorzunehmen, die eine vorherige Anmeldung nicht zulie 
ßen, z. B. wenn irgendwo am Rhein Unruhen ausbrächcn, 
dergleichen man schon zur Zeit der großen Gereiztheit 
wegen der kirchlichen Angelegenheiten") hätte erwarten 
können." Hiergegen hatte Kurhessen lediglich vorzubrin 
gen, es sei „störend und unrücksichtsvoll, wenn durch eine 
Residenzstadt ohne Vorwissen der Regierung Truppen 
durchmarschieren" (9. Dezember 1841). Run drängte aber 
die Zeit, das Wcihnachtsfest stand vor der Tür, und mau 
hatte den begreiflichen Wunsch, schleunigst zum Ende zu 
kommen. So einigte man sich auf eine erheblich kürzere 
Anmeldefrist, als sie Kurhessen ursprünglich verlangt 
hatte, und schritt am 20. Dezember zur Unterzeichnung 
des Vertrages. Die kurhessischen Bevollmächtigten konn 
ten wohl aufatmen, denn nach ihrem Bericht vom gleichen 
Tage war in Berlin eine gewisse Verärgerung entstanden 
wegen der jüngsten Forderungen ihrer Regierung. Dazu 
kam eine Verstimmung in den beteiligten preußischen Mi 
nisterien, die durch das lange Hinschleppen der Verhand 
lungen erzeugt war. „Wir haben", so schließt das Schrift 
stück, „bis zu dem Augenblick der Unterzeichnung dieser- 
halb in Sorge gelebt, um so größer ist nun unsere Befrie 
digung, daß wir das Ziel, wenn auch nur durch unsäg 
liche Mühen, endlich erreicht haben. Die Grundlage zu 
einer für Kurhessen so wichtigen Unternehmung ist gelegt, 
sie bedarf nun aber guter Pflege und eines tätigen Fort 
baues, um gedeihliche Früchte zu tragen." 
Schluß. 
Kurhessen hat bei den Verhandlungen über die Bahn 
Kassel—Halle nicht immer eine glückliche Rolle gespielt. 
Ucbergroße Vorsicht und Ängstlichkeit, vielleicht sogar 
Mißtrauen, veranlaßten den Kurprinzen mehrfach, 
eine Entscheidung, die von allen Seiten erwartet wurde, 
zu vertagen. Aus einer solchen Situation heraus schrieben 
Schweb es und v. Willens einmal: „Unsere Mit 
tel für diese Verhandlungen sind erschöpft und unsere 
Stellung den anderen Bevollmächtigten gegenüber un 
haltbar." Man kann es verstehen, wenn beide ein ander 
mal, als der Kurprinz aus seiner Zurückhaltung nicht 
heraustreten wollte, einen verzweifelten Schritt ankündig 
ten, um zum Ziel zu gelangen. Bezeichnend ist, daß dem 
Regenten nach dem Vertragsschluß die alten Bedenken 
wieder kamen, die Residenzstadt würde nicht die Bedeu 
tung im Verkehr erhalten, die ihr zukomme, und er sich 
mit dem Gedanken trug, die vertraglich vorgesehene Li 
nienführung noch nachträglich zu ändern. Wie zermür 
bend muß dieses dauernde Schwanken und Grübeln für 
ihn selbst gewesen sein, zumal ihn damals auch das Pro 
jekt der Main-Weserbahn unablässig beschäftigte. Das 
fortgesetzte Hinauszögern der Vauarbeiten veranlaßte 
eine scharfe preußische RoteH, die am 23. Januar 1844 
durch den preußischen Gesandten überreicht wurde. In ihr 
wird festgestellt, „wie entfernt die Kurfürstliche Regierung 
noch davon ist, diese wichtige Angelegenheit ins Leben 
treten zu lassen, vielmehr sonst die Absicht zu haben 
scheint, den Bau von Eisenbahnen durch ihr Gebiet gänz 
lich aufzugeben ... Die Kurfürstliche Regierung wolle", 
so schließt die Rote, „in ihrer Weisheit erwägen, ob die 
ser Erfolg mit ihren landesvüterlichen Absichten für des 
Landes Wohl übereinstimmt." — Endlich gab der Kur 
prinz seine Bedenken auf- man schritt zu Verhandlungen 
mit verschiedenen Großbanken, und es kam zur Gründung 
einer Aktiengesellschaft, der am 2. Oktober 1844 die Kon 
zession erteilt wurde, „die Bahn von Hönebach über Ro 
tenburg, Melsungen, Kassel bis Haueda zu bauen, des 
gleichen aus Verlangen der Kurfürstlichen Regierung eine 
Pferdezweigbahn von Kassel nach Karlshafen". 
Es darf aber nicht übersehen werden, daß der Kur 
prinz auf der anderen Seite einen nicht zu unterschät 
zenden Erfolg hatte. Bei den Verhandlungen machte be 
kanntlich Preußen, unterstützt von seinen Thüringer Tra 
banten und der Freien Stadt Frankfurt, den Versuch, 
ocn Bau der Main-Weserbahn über Marburg und Gie 
ßen zu verhindern und eine Linienführung über Fulda 
zu erzwingen. Damit wären aber alle Eisenbahnpläne 
Kurhessens umgeworfen worden. Hier standen Lebens 
fragen für das Land auf dem Spiel, und es ist ohne 
Zweifel der vom Kurprinzen verlangten offenen und ge 
raden Haltung in diesem Punkte zu verdanken, daß Preu 
ßen nachgab. Damit war aber nicht nur ein Projekt ge 
rettet, sondern auch ein Anschlag auf die Souveränität 
zurückgewiesen, die der Kurstaat damals noch mit Fug 
und Recht für sich m Anspruch nehmen konnte. 6 7 
6) Es handelt sich um den „Kölner Kirchenstreit", der we 
gen der Stellung der katholischen Geistlichkeit zu den gemisch 
ten Ehen entstanden war und 1837 seinen Höhepunkt erreicht 
hatte. 
7) Akten betr. Bau einer Eisenbahn durch n.e Kurfürst 
liche u. Großherzogliche Provinz Oberhessen nach Frankfurt 
a. M. — Min. d. ausw. Angel. Nep. D. Kl. VIII Abt. 4, 
Nr. 3 Bol. 1—3.
	        

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