Full text: Hessenland (51.1940/41)

in 
Abwanderung von Begabung in die Stadt auch in Bur- 
kerts Untersuchung erkenntlich. Es zeigt sich weiterhin 
in Buckerts Material, daß die Nachkommen der Abge 
wanderten die erreichte höhere soziale Stellung hielten 
und sich somit als Auslese höherer Begabung bewähr 
ten. Es hielt sich aber leider nicht die Kinderzahl, ob 
wohl gerade die Abwanderer kinderreichen Familien ent 
stammten. Im Gegenteil, die Kinderzahl nahm bei den 
Abwanderern in einer einzigen Generation um volle 
59,7 Prozent ab, weit mehr also, als die Kinderzahl 
allgemein abnahm: 
Durchschnittliche Geschwisterzahl je Familie: 3,4 bei 
dem Durchschnitt aller 1881—1910 geborenen Männer, 
5,85 bei den davon abgewanderten Männern der fünf 
Dörfer, 2,36 — Kinderzahl der Abwanderer, 2,77 — 
Kinderzahl der ansässig gebliebenen Männer. 
Die Abwanderung der Frauen ist zwar Zahlenmäßig 
stärker als die der Männer, doch ist sie meist nicht mehr 
als eine Wohnsitzänderung innerhalb des heimatlichen 
Raumes infolge Heirat. In Städte wanderten besonders, 
die Töchter der nicht so stark schollengebundenen Stände, 
der Handwerker und Arbeiter ab. Die Zuwanderung ist 
fast überall nur Zuwanderung aus anderen Dörfern, nur 
7,4 Prozent der Zugewanderten Männer und 1,2 Prozent 
der Zugewanderten Frauen kamen aus der Stadt. Ins 
gesamt gleicht in den von Vuckert untersuchten Dörfern 
die Zuwanderung nur 37,8 Prozent der Abwanderung 
aus, sodaß bei Abnahme der bis dahin noch ausreichen 
den Geburtenzahl ein absoluter Rückgang der Einwoh 
nerzahl eintritt. 
Schärfer als in Buckerts Untersuchung, die nicht aus 
reichend zwischen Abwanderung' überhaupt und Abwan 
derung in Städte schied, und die Auslesewirkungen nur 
aufgrund der ergriffenen Berufe feststellen wollte, schär 
fer kann man die Wirkungen dieser großen Binnenwan 
derung feststellen, wenn man von einem Durchschnitt der 
Schulleistungen aller 8 Schuljahre im Rechnen, Lesen. 
Deutsch als Maßstab der Begabung ausgeht. Diesen 
Weg habe ich einer Untersuchung des Kreises Fritzlar 
zugrunde gelegt, die mit der Kreiswaltung Fritzlar des 
RS.-Lehrerbundes in Gemeinschaftsarbeit aller Lehrer 
dieses Kreises 1937/38 durchgeführt wurde *). Es ging 
mir darum, die in Einzeluntersuchungen mehrfach be 
schriebenen Auslesewirkungen der Abwanderung vom 
Lande in einem geschlossenen Kreise und an möglichst 
großem Zahlenmaterial nachzuprüfen. So wurden in 
sämtlichen 44 Landschulen des alten Kreises Fritzlar 
8692 Schüler erfaßt, die 1910 bis 1930 aus der Volks 
schule entlassen wurden. Sie wurden nach den Ourch- 
schnittsschulleistungen aller Schuljahre (s. o.) in drei 
Gruppen eingeteilt 
A—gute Leistungen 3009 Schüler — 34,6 v.H. 
B—durchschnittliche Leistungen 4465 Schüler — 51,4 v.H. 
C—mangelhafte Leistungen 1218 Schüler —14,0 v.H. 
Von den 8692 Schülern wanderten 1753 Schüler — 
20,2 v. H. in Städte ab, wobei die kleinen Landstädte 
des Kreises (Fritzlar, Gudensberg) nicht mitgezählt sind, 
8) Hartmut Quchl: „Auslesewirkungen der Landflucht" in 
Volk und Nasse", Heft 9/1938. 
ebensowenig ein vorübergehender Aufenthalt (z. V. zur 
Berufsausbildung) in Städten. Von den Abwanderern 
gehörten zur 
Leistungsgruppe A (gut) 833 Schüler od. 47,5 vH. 
Leistungsgruppe B (Durchschnitt) 759 Schüler od. 43,3 vH. 
Leistungsgruppe C (mangelhaft) 161 Schüler od. 9,2 vH. 
Damit ist bereits wieder bewiesen, daß überwiegend 
Gutbegabte abwandern und daß der Anteil minder Be 
gabter an der Abwanderung gering ist. Daß diese 
Verteilung sich auspowernd auf die Begabung und in 
tellektuelle Wertigkeit der Bevölkerung des Kreises 
Fritzlar auswirken muß, erkennt man bei Berechnung des 
Anteils der Abwanderer an den einzelnen üeistungs- 
gruppen (die im wesentlichen einer Einteilung in Bega 
bungsgruppen gleichkommen würde). Es wanderten ab aus 
Leistungsgruppe A 833 Schüler, das sind 27,7 vH. 
Leistungsgruppe B 759 Schüler, das sind 17,0 vH. 
Leistungsgruppe C 161 Schüler, das sind 13,2 vH. 
Während also die Gruppe A (gut) mehr als ein Viertel 
an die Stadt für immer abgab, wanderten aus Gruppe 
B (Durchschnitt) nicht einmal ein Fünftel, aus Gruppe 
C (mangelhaft) aber nicht viel mehr als ein Achtel ab. 
Das sind deutliche und traurige Beweise für den Verlust 
der Landbevölkerung durch die Abwanderung in Städte, 
einen Verlust, der eine erhebliche Umschichtung der Wer 
tigkeit des Landvolks auf die Dauer nach sich ziehen 
muß, solange er nicht durch höhere Geburtenzahlen der 
Gruppe A ausgeglichen wird. Dafür liegen nun aus 
Hessen noch keine Untersuchungen vor, doch ist nach 
Einzelerfahrungen und dem Gesamtbild des Reichs leider 
bisher umgekehrt nur festzustellen gewesen, daß die Kin 
derzahl der Abwanderer in der Stadt stark Zurückging 
(vgl. Vuckert!) und daß die Kinderzahl des ansässig 
gebliebenen Teils der Gruppe A bei weitem nicht den 
Verlust intellektueller Begabungen durch die Landflucht 
ausgleichen konnte. Auch ein absoluter Einfluß auf die 
Volkszahl des Kreises an sich ist nicht zu leugnen, denn 
die Dörfer sind fast durchweg mit dem allgemeinen Be 
völkerungswachstum der Untcrsuchungszeit nicht mitge 
kommen. Während nämlich z. B. die Bevölkerung Fritz 
lars von 1871 bis 1925 um 34 Prozent auswuchs, nahm 
die Einwohnerzahl Lohnes sogar ab (1871: 733 Ein 
wohner, 1925: 664 Einwohner). 
Ein Vergleich der Nord-, Mittel- und Südabschnitte 
des Kreises ergab stets das gleiche Bild wie die Ge 
samtbetrachtung: die Abwanderung Begabter überwiegt 
bei weitem. Darüber hinaus aber fand ich, daß die Ab 
wanderung in Städte im Nordteil (die Dörfer rings um 
Gudensberg) nicht so stark ist, wie im Mittelteil (Dör 
fer um Fritzlar), und daß stärker als in Mitte und Nord 
die Abwanderung im Südteil des Kreises (die Dörfer 
um Iesberg-Zimmersrode-Zwesten) ist. Es wanderten 
ab aus 
Abschnitt Nord (Gudensberg) 
510 Schüler, das sind 15,6 vH. 
Abschnitt Mitte (Fritzlar) 
593 Schüler, das sind 22,8 vH. 
Abschnitt Süd (Zimmersrode) 
650 Schüler, das sind 23,0 vH.
	        

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