Full text: Hessenland (50.1939)

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auseinander: dann haben wir keinen Boden mehr und 
müßen uns der Weisung 65 66 67 68 * ) fügen, welche die Rückkehr 
in's Vaterland verfügt. Anders handeln wäre verstandes 
los ... 
12. Mainz, 9. 8 . Abends. 
... Die Nerven sind viel in Anspruch genommen worden 
und werden täglich auf die Probe gestellt. Ich bin fest 
und klar über die Frage, welche jeden Tag bestimmend 
die Zukunft des braven Corps zur Entscheidung an mich 
treten kann und bejahend für den Rückmarsch in die Hei 
mat ausgesprochen werden wird. So lange der Bundes 
tag formell noch besteht — dauert nur noch wenige 
Tage —, bezhws. der Marsch der beiden Feld-Schwa- 
dronen nach Mainz t:ß ) gesichert ist ergreife ich nicht die 
Initiative, gehe aber schon heute auf eine Verhandlung, 
wenn solche von Caßel aus angeregt werden würde mit 
der Bitte an den König ein 
1 ) den Versuch beim Kurfürsten machen zu dürfen Ihn 
zu bewegen uns unter dem Schutze seiner Proklamation 07 ) 
zu stellen, wobei ich bemerke, daß ich den Rückmarsch 
in's Vaterland nicht abhängig von der Entscheidung 
machen würde, 
2) den Kurfürsten mit dem Tage unseres Einmarsches 
in's Vaterland Seiner Haft entlaßen zu wollen, 
Einmarsch in die Garnisonen mit allen Ehren und 
Beurlaubung der Mannschaft daselbst, 
4) Eidesleistung erst nach abgeschloßenem Frieden, der 
die Neugestaltung Deutschlands anerkennt, 
5) Vermittlung des Königs die Entbindung von unse 
rem Eide Seitens des Kurfürsten. 
Hiermit haben sich die von mir nach Mainz berufenen 
Herrn v. Baumbach und General v. Schenk im Allgemei 
nen einverstanden erklärt 6S ) und sich auch davon über 
zeugt, daß ich nicht fordernd, sondern nachsu 
chend auftreten könne. Zur endgültigen Erzielung dieses 
mich sehr beruhigenden Einverständnißes mit den genann 
ten Herrn hat Pz. Moritz, der eine seltene Klarheit des 
Verstandes besitzt sehr viel beigetragen. Der Kurfürst 
könnte die Wahrung seiner Intereßen, in so weit diese 
in besondern bezüglich seiner Apanage, noch berücksichtigt 
werden, wahrlich keinem geschickteren Unterhändler als 
dem Prinzen anvertrauen. 
Also stehen wir am Ende eines Dramas, in welchem 
mir vom Verhängniße eine hervorragende Stelle ange 
wiesen war. Die Zukunft, vielleicht die Geschichte, wird 
richten. Ich aber habe die felsenfeste Überzeugung, daß 
ich mit Gottes Hife den rechten Weg eingeschlagen und 
inne gehalten habe. So gewiß, als schon heute die unter 
meinem Befehl stehenden 10 000 Mann dieses anerken 
nen, wird auch schon in nicht mehr ferner Zeit mein Ver 
halten vom Vaterlande und von den maßgebenden Krei 
sen gewürdigt werden. Vielleicht, aber selbst dieses glaube 
ich nicht zieht man mich über das Eine oder das Andere 
65) Preußens! 
66) Des zweiten Husarenregiments- vgl. Einleitung. 
67) Die Abschiedsproklamation des Kurfürsten vom 23.6., 
auf die sich schon General v. Werder s. Zt. (4.7.) bei seiner 
Aufforderung zur Heimkehr berufen hatte- sie war zweifellos 
auf die Armee nicht anwendbar. 
68) Am 8. und 9. 8. hatten mehrere Besprechungen zwischen 
Loßberg und den genannten Herrn stattgefunden. 
zur Rechenschaft, aber auch in diesem Falle bedarf ich 
keines Advokaten ri0 ). 
In bösen Tagen lernt man Gott erkennen, das ist ein 
altes, aber wahres Sprüchwort. Es hat sich bewahrheitet 
an mir. Fromm habe ich mich seinem Schutze anvertraut: 
Er hat mich nicht verlaßen, wohl aber geschützt. Selbst 
in der Frage, die allein kitzlich werden kann, nämlich die 
Verantwortung für das zur Mobilmachung und Existenz 
der Truppen beschaffte Geld, trifft mich keine Verant 
wortung. Herr v. Baumbach hat das Geld beschafft und 
habe ich keinen Thaler ohne Autorisation der Kriegs 
verwaltung verausgabt. Allerdings habe ich in den ersten 
Tagen zu Hanau die Filial-Caße zu Hanau und noch 
einige wenige Eaßen in den von mir behaupteten Lan 
destheilen zum Zweck der Sicherstellung der Existenz der 
Truppen mit Beschlag legen laßen. Das aber waren 
Eaßen, aus denen regelmäßig und auf verfaßungsmäßi- 
gem Wege die Gelder für Militär und Beamte verwen 
det wurden. Die Ausgaben für Beamte, Wegebau usw. 
habe ich der Caße nicht entzogen. 
13. Mainz, 11.8.66. 
... Gestern Nachmittag tranken wir den Cafck auf der 
schönen Anlage, wo das 2. Regt. spielte. Die Frauen 
des 3. Inf. Negts. waren stark vertreten... Die Damen 
des 2. Inf. Negts. sind auch fast sämtlich hier wie auch 
viele Damen von Caßel. Ich habe stets nach Kräften 
zu Sammlungen veranlaßt um die verheiratheten Un 
teroffiziere Zu unterstützen. Es scheint diesen aber nicht 
so ganz schlecht zu gehen, denn Haufenweise kommen die 
Unteroffiziers-Weiber hier an. Man könnte damit ein 
ganzes Fort besetzen, in welchem ich aber kein Comman 
dant zu sein wünschte. 
... Abends waren wir noch mit H. v. Baumbach und 
General v. Schenk Zusammen. Beide Herren sind heute 
abgereist. Baumbach fühlt das Unsichere seiner Lage 70 ). 
Verliert er Alles, dann tritt gewiß nicht der K. ein. Er 
verlangt Treue, aber er belohnt diese nicht. Es ist hart 
und wendet ihm viele Herzen ab, daß er Sein treues 
Corps in der schrecklichen Lage läßt. Ich bezweifle auch 
nicht, daß Er uns, wenn wir bis zum letzten mögli 
chen Augenblick ausharren und verlaßen dann von Al 
lem zurückgehen müßen, Verräther nennt. Wann kommt 
dieser Moment sicherlich? Meiner Ansicht nach in den 
nächsten Tagen, wo der Bund sich auflöst. Dann haben 
wir keinen Civil-Commißar, keine Kriegsverwaltung, 
kein Geld, kein Besatzungsrecht in Mainz, keine Mög 
lichkeit vom Kriegsherrn Befehle einzuholen. Es ist doch 
eine recht garstige Zeit 
14. Mainz, 19. 8. 66. Morgens 7 Uhr. 
... Da das Geschick der Armee an das des Landes un 
zweifelhaft gebunden ist, auch alle Autoritäten, an die ich 
durch den Willen des Kurfürsten gewiesen war thatsäch 
lich außer Wirksamkeit sind: so kann ich meinen bisheri 
gen Standpunkt nicht mehr festhalten und habe daher den 
69) Bismarck hatte die Absicht geäußert, General v. Loß 
berg „zur vollen Verantwortung zu ziehen" (Telegramm an 
Werder aus Brünn, 3. 8.). Wofür? 
70) Er ergriff daher die Gelegenheit, seinen Frieden mit 
Preußen zu machen, und fand sich am 17. 8. bereit, in Bis 
marcks Auftrag die Verhandlungen mit dem Kurfürsten zu 
übernehmen.
	        

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