Full text: Hessenland (50.1939)

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Künstlerin aus freier Hand und freier Phantasie inner 
halb ererbter Formen unter Obwaltung einer heute auf 
dem Lande Zusehends schwindenden Ehrfurcht vor dem 
Erbgut der Väter und Mütter. Und so wie sie zeitlebens 
Mittlerin Zwischen Bauern und Künstlern war, so schuf 
sie in ihren hochwertigen Gold-, Seiden- und Weiß 
stickereien die Brücke Zwischen Volkskunst 
und H o ch k u n st. Und hierin liegt der bleibende, näh 
rende und beispielgebende Wert ihrer Arbeiten! 
Dorfgeistes das Amt einer Stickerin der Würdigsten zu, 
vorausgesetzt, daß sie Erbin der Tradition ist. 
All diese Voraussetzungen hat Marthlies Dörr in über 
ragender Weise erfüllt und ihr Amt dadurch über sich 
selbst erhoben. Oer Nus ihres Könnens verbreitete sich 
mit den Fahren weit über ihren Heimatgau hinaus. Un 
terstützt durch ihre gelehrigste Schülerin, Frau Thiel- 
mann, schlug ihre Kunst eine Brücke hinüber Zu Stadt 
und Großstadt. Die Ziegenhainer Heimatausstellung 1935 
Martblies Dorr Von Heinrich Giebel 
Der Stand der Stickerin ist in den Schwalmdörfern 
ein traditioneller und sozusagen zünftiger. Wie der Stand 
des Ortsführers, Pfarrers, Lehrers, der Totenfrau, des 
Totengräbers, ja des adligen Gutsherrn einmalig und in 
höherem Sinne amtlich ist, so ist es auch der der Sticke 
rin, die Zugleich immer die Zurichterin des gesamten hoch 
komplizierten Hochzeitsschmuckes („Geschappels") der 
Bräute ist. Hieraus erklärt sich von vornherein die wort 
los betonte Würde derer, die ein solches Amt versehn. 
Und es ist in solchen Dörfern unmöglich, daß sich eine 
unwürdige Person solchen Amtes bemächtige. Unmerklich 
und ohne „Ernennung" schiebt das geheime Walten des 
wurde im Trachtenwesen gleichsam auf ihre Arbeit abge 
stimmt- der Rundfunksprecher kam in ihr Haus, um ein 
Gespräch mit ihr Zu übertragen- städtische Lehrerinnen 
wurden in amtlichen Kursen von ihr unterwiesen- nam 
hafte Maler beriet sie bei Auswahl der Modelle und 
Trachtenstücke — kurz sie wurde zu einer unentbehrlichen 
Kapazität ihres Faches, bei der man Rat fand. Was 
sie auf Reisen zu ihren Kunstfreunden gelernt (sie be 
suchte Prof. Vanlzer in Dresden, Prof. Sieveking in Zü 
rich, sah Hamburg und Lübeck, war mehrfach Gast bei 
Ubbelohdes in Goßfelden und Zellers am Chiemsee), das 
ließ sie in fortschreitender Verfeinerung in ihre Kunst ein-
	        

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