Full text: Hessenland (49.1938)

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den und durch teures Gartenland führen würde. Man 
solle nur kommen und die Örtlichkeit besichtigen! Eine 
gute Omnibusverbindung sei ausreichend. 
Am 14. November stimmte der Kurprinz einem 
Antrag des Ministeriums zu, sich mit der Omnibusver 
bindung zu begnügen. Mit Rücksicht auf Darmstadt 
wollte er nachgiebig sein. Aber weit gefehlt, wenn man 
glaubt, daß es dabei geblieben Ware. Jetzt (16. Novem 
ber 1844) verlangte er eine Schlechterstellung Frank 
furts bei der Verteilung etwaiger Überschüsse aus dem 
Bahnbetrieb: nur die Kosten für die erste Anlage der 
Eisenbahn und der Bahnhöfe sollte hierbei den Maßstab 
abgeben, nicht mehr, wie bisher vorgesehen, auch die 
Aufwendungen für die erste Anschaffung des Vetriebs- 
materials fArt. 12 des Vertrages). In der Tat, ein 
fein ausgeklügelter Plan, um für Kurhessen etwas her 
auszuholen- denn da es die längste Strecke und die 
meisten Bahnhöfe zu bauen hatte, mußte es gegenüber 
Frankfurt glänzend abschneiden, wenn das Vetriebs- 
material bei der Berechnung der aufgewendeten Kosten 
unberücksichtigt blieb! Das sollte ein Entgegenkommen 
Kurhessens bedeuten, und unter Berufung hierauf er 
wartete man in Kassel, daß das Großherzogtum aus die 
Freie Stadt „kräftig einwirken" werde (16. November 
1844). In Frankfurt hatte man aber nicht die Absicht 
nachzugeben. Nach einem Bericht des kurhessischen Bun 
destagsgesandten von Rieß fühlte sich die Frankfurter 
Negierung in ihrer Stellung absolut sicher. Nachdem 
die Main-Neckarbahn vertraglich festgelegt war, wußte 
man, daß die Main-Weserbahn auch gebaut werden und 
in das Frankfurter Stadtgebiet einmünden müsse. Trotz 
dem gelang es dem Großherzogtum, die Freie Stadt 
wieder an den Verhandlungstisch zu führen. Diese gab 
aber schon im Vorwege zu verstehen (19. November 
1844), daß die letzten kurhessischen Vorschläge für sie 
eine unerträgliche finanzielle Belastung bedeuten würden. 
Am 27. November 1844 begannen die Besprechungen 
Zwischen den aus den früheren Verhandlungen bekannten 
Kommissaren in Kassel. Zu den in den letzten Monaten 
aufgeworfenen Fragen äußerten sie sich folgendermaßen: 
1. Ein Hauptbahnhof in Bockenheim wurde von der 
Freien Stadt und dem Großherzogtum als unmöglich 
bezeichnet. Hier sei nur ein kleiner Bahnhof erforderlich 
als Sitz der kurhessischen Vahnverwaltung für die Ge 
bietsteile südlich von Gießen. 
2 . Die Freie Stadt erklärte, daß der künftige Bahn 
hof der Main-Neckarbahn 10 Fuß höher zu liegen komme 
als der geplante Bahnhof der Main-Weserbahn. Die 
gewünschte „unmittelbare Verbindung" sei nicht möglich, 
zumal da der Bahnhof der Taunusbahn dazwischenliege. 
Artikel 1 des Vertrages müsse in diesem Sinne geändert 
werden. 
3. Wenn der Separatartikel 1 — so führte der Be 
vollmächtigte der Freien Stadt weiter aus — „tunlichst 
eine bequeme unmittelbare Überlieferung der Personen 
und Güter von der Kassel—Frankfurter Bahn auf den 
Bahnhof der Friedrich-Wilhelm-Nordbahn bezw. der 
Taunus- und Main-Neckarbahn fordere, so müsse der 
Übergang auf die Friedrich-Wilhelm-Nordbahn sinnge 
mäß da stattfinden, wo diese in die Main-Weserbahn 
einmünde. Man könne nicht alle Personen und Güter 
von Frankfurt nach Leipzig unnütz über Kassel führen. 
4. Die Änderung des Art. 12 des Vertrages betr. Nicht 
anrechnung der Aufwendungen für das Betriebsmate 
rial wurde von der Freien Stadt abgelehnt. Sie fand 
hierbei die Unterstützung des Großherzogtums, das durch 
den kurhessischen Vorschlag ebenfalls geschädigt worden 
wäre. 
Bei diesen Verhandlungen sah sich S ch w e d e s, was 
er auch in seinem Schreiben vom 30. November zum 
Ausdruck brachte, mehrfach einer einheitlichen Front ge 
genübergestellt, die von der Freien Stadt und dem Groß 
herzogtum gebildet wurde. Für den, der die Entwicklung 
Die Lage der Bahnhöfe in Frankfurt a. M. 
der Dinge seit dem Abbruch der Verhandlungen im De 
zember 1842 verfolgte, bedeutete dies keine Überraschung. 
So riet S ch w e d e s zum Rückzug auf der ganzen Linie, 
der nun angetreten wurde. Aber in Etappen! Am hart 
näckigsten hielt der Kurprinz an der Forderung fest, daß 
der Art. 12 des Vertrages geändert würde. Da wurde 
in Kassel am 22. Dezember bekannt, daß das Großher 
zogtum das Verlangen Kurhessens abgelehnt habe, für 
alle Zukunft eine Bahnverbindung von Bayern mit Frank 
furt verhindern zu wollen. Eine solche Zusicherung, so 
erklärte man in Darmstadt, würde eine Unfreundlichkeit 
gegen Bayern und Österreich bedeuten, auch der Deutsche 
Bund würde aus strategischen Gründen dagegen Ein 
spruch erheben. — Das war ein schwerer Schlag für die 
Politik des Kurstaates, unter dem Druck der Verhält 
nisse ließ man in einer Sitzung des Staatsministeriums 
vom 31. Dezember auch die letzte Forderung fallen. So 
fort aber kam man mit einem neuen Ansinnen, das in diesem 
Augenblick geradezu unbegreiflich anmutet. Man ver 
langte einen in den Vertrag aufzunehmenden Vorbehalt 
des Inhalts, daß der Bahnhof der Main-Weserbahn in 
Frankfurt von den Bahnhöfen der Main-Neckerbahn und 
der Taunusbahn nicht weiter als 80 Fuß entfernt liegen 
dürfe. Sprach aus diesem Antrag wirklich Mißtrauen, 
oder wollte die kurhessische Negierung jetzt noch einen
	        

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