Full text: Hessenland (49.1938)

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toniftcn Oomenico Maralbottini vom Teatro S. 
Carlo di Napoli, am Klavier Professor Nenato Vir 
gil i o, den einstigen Begleiter Carusos. 
Auf instrumentalem Gebiet beherrschten die Pianisten 
weithin das Feld. Nicht weniger als fünf Berühmthei 
ten traten kurz nacheinander auf. Lubka Kolessa 
betonte das Objektive der künstlerischen Gestaltung. 
Sparsam ging sie mit subjektiven Zutaten um. Klarheit 
im Rhythmischen, Durchsichtigkeit im Technischen, Kraft 
im Anschlag und ein bewußtes Vermeiden der gedämpf 
ten Farben war das Beherrschende ihres Spiels. Diese 
betont männliche Wucht und die Grazie ihrer Erschei 
nung gaben Rätsel auf. Bei Claudio Arrau hin 
gegen stimmten Eleganz des Auftretens und des Spiels 
wundervoll überein. Die Materie, also die Tastatur und 
die von ihr in Bewegung gesetzte Mechanik, schien über 
haupt nicht vorhanden zu sein. Man sah die zierlich 
eleganten Hände in Tätigkeit- auf und ab eilten sie und 
wirbelten bei affektvollen Höhepunkten durcheinander, 
daß das Auge getäuscht wurde und viele Hände am 
Werk zu sehen glaubte. Von ihm hörte man wieder 
einmal den Klangzauberer des Klaviers, Franz Liszt, 
vollendet gespielt. Ein glänzender Lisztspieler ist auch 
Joses Pembauer. Sein Gestalten wurde durch ein 
höchst eigenwilliges Durchdringen der Werke ebenso be 
stimmt, wie durch die Fülle der ihm zur Verfügung ste 
henden Anschlagsarten. N a o u l K o c z a l s k i gab 
anläßlich seines 50jährigen Künstlerjubiläums — er 
spielte sein erstes Konzert mit fünf Jahren — einen 
Chopin-Abend, dessen schwacher Besuch zeigte, daß 
Chopin allein nicht mehr die Anziehungskraft wie in frü 
heren Zeiten besitzt. Richard L a u g s , der vor zwei 
Jahren sämtliche Klaviersonaten Beethovens aus dem 
Gedächtnis meisterte, hat nun ein ähnliches Riesenwerk 
in Angriff genommen. An fünf Abenden, von denen er 
drei absolvierte, bringt er Brahms gesamtes Klavier- 
schaffen! Und zwar wieder jrei aus dem Gedächtnis! 
Oie Neigung, sich in den Dienst eines einzigen Mei 
sters zu stellen, beherrschte auch die Jahresarbeit des 
Schroeder-Ouartetts, das nun nach 25 eige 
nen Konzerten über alle technischen und gestalterischen 
Kräfte verfügt, um Beethovens sämtliche Streichquar 
tette in einer Folge von fünf Abenden herauszubringen. 
Mit anspruchsvollem Programm stellte sich das Strub- 
Ouartett vor, das heute den allerersten deutschen 
Kammermusikvereinigungen zuzurechnen ist. Das K r o - 
mer-Quartett veranstaltete eine Iosef-Haas- 
Morgenfeier im Staatstheater, die das Bild des 
berühmten Komponisten durch ein entzückendes Diver 
timento, durch ein großes Streichquartett, Obocn-Soli 
und Lieder ergänzte, die Anny von S t o s ch sang und 
Joses Haas selbst begleitete. Eine zweite Morgenfeier 
hielt die Erinnerung an Ludwig S p o h r wach. Dr. 
Robert L a u g s, das Staatsorchester, Kammersängerin 
v. S t o s ch und Prof. Robert Reih- Weimar (mit 
Spohrs Originalgcige!) setzten sich für den einst in aller 
Welt gefeierten und nun auffällig vernachlässigten Kom 
ponisten, Dirigenten und Geiger ein. 
Die Reihenkonzerte des Staatstheaters leitete Dr. 
Robert L a u g s mit der Erstaufführung der Georg 
Schumann'schen Bach-Variatwnen ein, denen Beet 
hovens Violinkonzert — Professor Wilhelm Stroß - 
Berlin spielte es ausgezeichnet — und die erste Sym 
phonie von Brahms folgten. Das zweite Reihenkonzert 
machte mit der vorzüglichen Sopranistin Jo Vincent- 
Amsterdam bekannt und gab tüchtigen Jnstrumentalisten 
der Staatskapelle, Rolph Schroeder, Hans Brock 
mann, W. Kremer, W. Keller mann, Fritz 
Langer, Rudolf Wille und August L o h m a n n 
Gelegenheit solistisch hervorzutreten. Im Bußtagskon- 
zcrt faßte Dr. Laugs Mozarts letzten, von Todes 
ahnungen erfüllten Gesang, das Requiem, und Bruck 
ners erstes großes Chorwerk, die D-moll-Messe, zusam 
men, für den K o n z e r t ch o r des Lehrergesangvereins, 
eine fast über Menschenkraft hinausgehende Aufgabe. 
Bartholomäus Ständer. 
Ñus Uersfeld 
Ein umfangreiches Unterhaltungs-Programm hat die 
Vadesaison 1938 ausgefüllt und Kurgästen wie Einhei 
mischen m jeder Geschmackrichtung hin etwas geboten. 
Gerade dieser Sommer aber hat auch wieder gezeigt, 
daß ohne die Kulturhalle die Durchführung der künst 
lerischen und unterhaltenden Folge unmöglich gewesen 
wäre. Erfreulich ist es, daß die Ausstrahlung der Kul 
turhalle die Grenzen des Kreises Hersfeld bereits weit 
überschritten hat und sich die Schar der Stammbesucher 
mehr und mehr verstärkt. 
Den Mittelpunkt der Veranstaltungen des Hochsom 
mers bildete die — man darf schon sagen — traditio 
nelle Herenlied-Aufführung am Sonnabend, dem 30. 
Juli, deren eigener Reiz von jeher größte Anziehungs 
kraft ausübte, aber diesmal alle früheren Gestaltungen 
des Melodrams überbot. Denn jetzt war für das an 
Raum und Umgebung gebundene Werk ein eigener Stil 
gefunden worden. Der festliche Anzug des Sprechers war 
einer einfachen Mönschskutte gewichen und das die Oich- 
tung musikalisch untermalende Orchester war verdeckt. 
Oer neue äußere Nahmen paßte sich in Einfachheit und 
Schlichtheit der in Stein erstarrten Würdigkeit der Dom 
ruine an. Erstmalig war so der Versuch gewagt worden, 
den Sprecher des Herenliedes nicht mehr als Solijten 
auftreten zu lassen, sondern als den einfachen Erzähler 
eines packenden Geschehnisses. Musikdirektor Hans 
Petsch, in dessen Händen die künstlerische Gestaltung des 
Abends lag, hat damit erreicht, daß der Zuhörer nicht 
durch die geringste Ablenkung in dem künstlerischen Ge 
nuß gestört wird. Die klare, ungekünstelte Sprache fand 
eine sachlich-nüchterne Umrahmung und wurde dadurch 
zu unerhörter Wirklichkeit geführt. Fest steht, die bisher 
überlieferte Konzertform der Herenlied-Gestaltung hat 
nach dieser Probe in der eigenen Gesetzen unterworfenen 
Stistsruine eine würdige Ablösung gefunden, die aller 
dings die Möglichkeit einer weiteren Vertiefung durch 
aus offen läßt. Beethovens gewaltiges Tongemälde, die 
5. Sinfonie, gab diesem unlöschbaren Erlebnis den weihe-
	        
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