Full text: Hessenland (49.1938)

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Das kulturelle Schaffen unserer Zeit 
Rundfunk 
Unter den verschiedensten Landschaftssendunyen, die 
der Reichssender Frankfurt bzw. der Sender Kassel, im 
Lauf der letzten Jahre durchgeführt hat, nahm die Hör 
folge „Drum laßt uns wandern heut' am 
Weser ström!" (10.10) Zweifellos eine besondere 
Stellung ein. Wenn man früher oft auf die Ungunst der 
Sendezeit hinweisen mußte, so wurde hier bewiesen, daß 
es durchaus möglich ist, auch zu einer guten Abend 
stunde eine solche landschaftliche Hörfolge Zu bringen. 
Zum andern war die großzügige Durchführung mit eigens 
dazu geschriebener Musik besonders geeignet, die Wir 
kung des Ganzen zu erhöhen. Die Weser als Gchicksals- 
strom! Dieser Gedanke war das Leitmotiv der einstün- 
digen Sendung. Daß man sich in diesem Falle nicht dar 
aus beschränkte, die Weserfahrt — wie meist üblich — 
in Hannoversch-Münden beginnen zu lassen, sondern aut 
die Werra als Hauptguellfluß der Weser Zurückgriff, 
machte es möglich, die schicksalhaften Verkettungen und. 
geschichtlichen Ereignisse der Vergangenheit in ihren ur 
sächlichsten Zusammenhängen zu erfassen und zu gestal 
ten. Bunt bewegt im Wechsel von ausmalender und 
unterstreichender Musik, chronistischer Darstellung, szeni 
scher Illustration und landschaftlicher Gegenwartsbetrach 
tung konnte der Hörer diese Wanderung am Weserstrom 
vom Quellgebiet bei Meiningen bis zu den stolzen To 
ren der alten Hansestadt Bremen miterleben. — Führte 
diese Hörfolge in ein Gebiet, das mit seiner landschaft 
lichen Schönheit und der Eigenart seines Volkstums über 
die Grenzen Kurhessens hinaus weit bekannt ist, so war 
es besonders erfreulich, in der Sendung „Wald und 
Friede — F r i e d e w a l d" (2.11.) von einem eben 
so unbekannten wie reizvollsten Erdenwinkel Kurhessens 
zu hören: dem Seulingswald. Von den passionierten 
Wanderfreunden abgesehen, wird es wohl nur verhält 
nismäßig wenig Kurhessen geben, die das Glück genossen 
haben, an einem Sommertag den Seulingswald zu durch 
wandern und sich so seiner verborgenen Schönheiten be 
wußt zu werden. Wir kennen das idyllische Fuldatal bis 
zur Hohen Nhön hinauf, wir lassen uns von der Roman 
tik der Burgen am Werrafluß gefangen nehmen, aber 
jenes stille, einsame Waldgebiet, das als Bergbrücke Zwi 
schen diesen beiden Flüssen liegt, erleben wir Zumeist nur 
in einem flüchtigen Blick über seine blau in der Ferne 
schimmernden Kuppen. Und insofern hat Ludwig Wer 
ner, der Sänger des Seulingswaldes aus der Zeit um 
die Jahrhundertwende, nicht so unrecht, wenn er für diese 
seine stille und einsame Bergwelt den Namen „Verges 
sene Ecke" prägte. Alles das, was diese „Vergessene 
Ecke" in dem Erlebnis des Fremden besonders eindrucks 
voll lebendig zu erhalten vermag, hatte der Verfasser 
der Sendung, Heinrich K l a u s, in den Vordergrund 
gestellt: Historie und Volkstum. Neben den historischen 
Nückerinnerungen fesselte vor allem die aufschlußreiche 
Schilderung von Land und Leuten. Sinnvolle Sitten und 
Bräuche, die teils auf germanische Vorzeit zurückgehen, 
altüberlieferte Sagen, Märchen und Volkslieder wurden 
dem Hörer nahegebracht. Und die lustigen Schnurren aus 
der Sammlung Dr. Werners bewiesen, daß diese „Hinter 
wäldler" keineswegs verdrießliche und mißmutige Men 
schen sind, daß sie im Gegenteil über köstlichen Humor 
und schlagfertigen Witz verfügen. Und nichts konnte We 
sen und Charakter dieser Menschen besser verdeutlichen 
als die Worte der Hörfolge: „Uber allem, über Froh 
sinn und beschaulichem Ernst, steht die Liebe zur Heimat. 
Das Dorf, die Flur, der Wald ist für diese Menschen 
alles. In der Heimat ist ihnen nichts fremd, da ist alles 
lebendig- das Tote und Starre liegt draußen irgendwo 
in der Welt." — Unter dem Titel „Ich habe ge - 
bauet nach meinem Sinn" brachte der Kasseler 
Sender am 30. 10. eine volkskundliche Hörfolge nach 
einem Manuskript von H. Stelljes - Marburg. Der 
Verfasser hat das reiche Material, das dieser Sendung 
zugrunde liegt, im Auftrag des Museumsverbandes für 
Kurhessen und Waldeck auf Grund eigener Studien und 
Untersuchungen zusammengestellt. Es ist zu begrüßen, 
wenn heute, wo unser schöner hessischer Fachwerkbau wie 
der zu einer besonderen und verdienten Achtung gelangt, 
gleichfalls mit ihm ein altes hessisches Brauchtum der 
Gegenwart nahegebracht wird, das in den Hausinschrif 
ten und Tünchsprüchen der verschiedensten Jahrhunderte 
ein mannigfaltiges Bild der hessischen Lebenskultur ver 
mittelt. Hausinschriften studieren ist nicht nur für den 
Wissenschaftler, sondern für den Heimatfreund schlechthin 
aus gelegentlichen Wanderungen durch unsere Dörfer und 
Kleinstädte ein schönes und aufschlußreiches Beginnen. 
Wer erst einmal erkennt, wie bunt und mannigfaltig 
diese Inschriften sind, sowohl in der äußeren Gestaltung 
wie in ihrer Sinngebung, der blättert in einem Buch, das 
ein Heimatbuch im besten Sinne ist. Zu dieser Erkennt 
nis sollte die Hörfolge verhelfen und dürfte auch in wei 
ten Kreisen ein verdientes Echo gefunden haben. 
Maria C l a r. 
Ñus Rassel 
Theater und Ausstellungen 
Später als sonst begann in diesem Halbjahr das 
Staatslheater seine Spielzeit, da wichtige Bühnenarbei- 
ten vorgenommen werden mußten. Es ist erreicht, daß 
jetzt die Bühne in einem viel größeren Maße zur Ver 
fügung steht und größere Szenen mit stärkeren Auf 
geboten wirkungsvoller als vordem zur Geltung kommen 
können. Mit der Neueinstudierung der Meister 
singer wurde die Spielzeit eröffnet, und diese Auf 
führung, die Karl Eggert inszeniert hatte und der auch 
das Spiel leitete, die Richard Kotz als Kapellmeister 
betreute, bildete einen Erfolg, der Zunächst die guten
	        

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