Full text: Hessenland (49.1938)

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stehlen sie mir die Post aus. Ich gucke jetzt nach!" Da 
mit nimmt er entschlossen den Stuhl übern Kopf. 
Lauschend hält er noch eine Weile den grauen Kopf 
an die Kammertür — man sieht ihn deutlich stehen im 
hellen Mondlicht —, unten in derben Leincnunterhosen 
und Pantoffeln, oben mit einem wulstigen Halstuch, vom 
grauen Bart überweht, aus den Kopf den Binsenstuhl 
gekippt mit vier, wie Hörner drohenden Beinen, den 
Knüppel kurz gefaßt, — jetzt öffnet er die Tür, und die 
Stiegen knarren und knerzen unter seinen Schritten. 
Man hört ihn über den Steinflur schlürfen. 
Er rüttelt an der Hintertür. Da ist alles in Ordnung! 
Auch das Flurfenster ist fest geschlossen. — Im Post 
zimmer ist auch nichts Verdächtiges! Mit schweren 
Schritten steigt er schließlich wieder treppauf. 
„Das ist sonderbar, Mutter, ganz sonderbar! Da hö 
ren wir beide: das Fenster wird aufgemacht, einer tritt 
und poltert auf dem Kasten. Ich gucke nach — da ist nir. 
Da ist rein garnir!" kopfschüttelt er noch einmal. „Und 
wir könnten's doch beschwören, wir haben es deutlich 
gehört, alle beide!" — 
„Ach, Vatter, Vatter, ich hab's ja gleich gesagt: es 
ist der Jung! 
Ganz so, als wenn er heimlich vom Bierhaus käm 
oder von seinem Schatz und du solltest ihn nit hören! 
Ach, Vatter, im Frühjahr, eh' sie ihn zogen, wie manche 
Nacht hat da der Jung aus Angst vor dir auf dem 
Kasten geschlafen, weil er sich nit an unserer Kammer 
tür vorbeitraute! Und morgens ist er dann gleich in den 
Stall gewischt, wenn er dich herunterkommen horte. Mir 
hat er es allemal erzählt. Aber du warst ja immer so 
streng mit ihm, als wäre er noch ein Schuljunge! — Ach, 
Vatter, dies hat was zu bedeuten! Dem Jung ist was 
passiert, er hat sich angezeigt!" — 
„Ja, ein närrscher Kram ist das schon! Ganz närrsch." 
Noch immer steht der Alte und sinnt. Dann geht er an 
seine Hose vorm Bett und klaubt an seinen Taschen. 
„Was suchst' de denn, Vatter?" — „Kreide" knurrt 
der bloß. 
„Was willst de denn jetzt mit Kreide?" — „Auf 
schreiben, Mutter!" 
„Ja, was denn, Vatter?" — „Dem Jungen seine 
Stunde. Wer weiß, ob wir noch einmal im Leben was 
von ihm hören!" — 
Und er schreibt auf das altersdunkle Brett des Tür 
rahmens — lang genug ist der Posthalter dazu —: 
Den 27ten November 1812! 
„So, Mutter, da haben wir es alle Abend und jeden 
Morgen vor uns — bis an den Tag . . .!" 
„Ja, Vatter, bis an den Tag, wo du ihn in die alte 
Bibel schreiben wirst und ein Kreuz dahinter machst!" — 
In dieser Nacht schliefen die alten Leute im Posthause 
nicht mehr . . . 
Der Winter ging hin, es wurde Weihnacht. Da kam 
schlimme Kunde für den Posthalter und für viele Eltern 
im Hessenland: Des Korsen große Armee geschlagen, der 
Kaiser geflohen, das Heer in aufgelöster Flucht! — 
Als der Aufbruchswind den Schnee von den hessischen 
Bergen leckte, kamen die elenden halbverhungerten Flücht 
linge. Der Posthalter fragte jeden nach des Sohnes Ne- 
.giment, die alte Frau ließ keinen ungespeist von ihrer 
Tür und dachte heimlich: Vielleicht tut es anderswo 
eine Mutter mit meinem Jungen! — Als sie schon im 
Ort Zu Ostern rüsteten, da stand am lichten Abend ein 
fremder Krieger im Zwielicht des Flurs. Die Mutter 
ließ die Satte mit Sauermilch fallen und stürzte mit 
einem Schrei dem Soldaten entgegen. Es war der 
Junge —! 
Als er dann am Abend mit frischer Wäsche und in 
reinlichen Kleidern in dem Armstuhl am Ofen saß, Zwi 
schen der Mutter und der heimlichen Braut, fiel sein Blick 
auf den Türrahmen, wo sein Vater mit Kreide geschrieben 
hatte „den 27ten November 1812". 
„Was soll das bedeuten, Vater?" — 
Da erzählte ihm der Vater das seltsame Erlebnis der 
Spätherbstnacht. — 
„Vater — warte mal! Den 27. November? — Vater, 
das war ja ein Tag nach der Schlacht an der Beresina! 
Ganz recht! — Den Tag der Schlacht war noch offenes 
Wetter. Am nächsten Tag siel Schnee in schrecklichen 
Mengen, und zur Nacht schlug der Wind um auf Nord- 
ost. Es blies ein Sturm, so grausam, daß man dachte, 
man stünde nackend. Wir hatten uns in einem Hohlweg 
ein Feuer angesteckt. Das nasse Holz wollte schlecht bren 
nen. Feder drängte sich so nah wie möglich an das arm 
selige Feuer. Oer Wind pfiff uns durch die zerrissenen 
Lumpen. Wie ich mich da halberfroren ans Feuer 
streckte, dachte ich so aus Herzensgrund: Ach, könntest 
du jetzt daheim sein! Du wolltest ja garnit in deinem 
Bette liegen. Durch das Fenster in der Gasse wolltest 
du klettern und dich aus die Haferkiste legen und 
dann schlafen, einmal wieder ohne Angst und Not, schla 
fen, wie in mancher Nacht, vergangenes Fahr! — Ja, 
das hat schon seine Nichtigkeit! Am 27. November ist 
das gewesen. Und am anderen Morgen waren alle, die 
außen gelegen hatten, erfroren!" schloß der Sohn leise. 
Alle schwiegen in der Stube und sannen dem seltsamen 
Geschehen nach, wie die Stimme des gleichen Blutes vom 
Kind zu den Eltern vernehmbar sein könne über Hun 
derte von trennenden Meilen .... 
Die Einweihung des Neubaus des Staatsarchivs in Marburg 
am 22. Oktober 1938. 
Welche Bedeutung man überall der Errichtung des 
monumentalen Gebäudes des neuen Staatsarchivs in 
Marburg zuerkennt, zeigten die Einweihungsfeierlich 
keiten am 22 . Oktober. Der preußische Finanzminister, 
Staatsminister Prof. Dr. P o p i tz, war selbst zur Feier 
erschienen und gab damit der Feierstunde eine besondere 
Bedeutung. Mit ihm hatten sich in der baulich äußerst 
wirkungsvoll gestalteten Empfangshalle der Oberprüsi- 
dent unserer Provinz, Philipp Prinz von Hes 
sen, Gauleiter W e i n r i ch , SA.-Obergruppenführer 
B e ck e r l e, der Generaldirektor der Staatsarchive Dr. 
Zipfel, der Präsident des Neichsinstitutes für ältere 
deutsche Geschichte Prof. Dr. Stengel, Regierungs 
präsident von Monbart, Ministerialrat Dr. Nonn
	        

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