Full text: Hessenland (49.1938)

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Hessische Volkskunde 
Berichte und Anfragen 
Von Bernhard Martin 
Auf die bisherigen Anfragen sind nur wenige Ant 
worten eingegangen, ich bitte noch einmal herzlich um 
Mitarbeit an der großen Aufgabe einer hessischen Volks 
kunde. Portokosten können ersetzt werden. 
8. Sammlung des hessischen Liedgutes. 
Unsere Landschaft ist eine derer, die gerne singen, bei 
denen von altersher das Lied dem Volk nötig war für 
den Ausdruck seines Lebensgefühls. Unter dem heute 
noch gesungenen Liedgut ist sicher noch manches wertvolle 
Stückchen, das der Gegenwart etwas zu sagen hat. Für 
Aufzeichnung von Tert und Melodie wären wir sehr 
dankbar- aber der Tert ist uns auch allein wichtig, be 
sonders, wenn er von den Mädchen oder Burschen in 
Liederbüchlein zusammengeschrieben ist. Wir können aus 
diesen wertvolle Schlüsse gewinnen auf den Geschmack, 
die Sinnesart der Sänger. Wo sich solche Hefte finden, 
wären wir für Überlassung dankbar. Wir wollen sie ab 
schreiben und dann dem Besitzer wieder mit Dank zurück 
geben. 
9. Weihnachtsgebäck. 
Wo werden besondere Weihnachts- oder Reujahrs- 
brezel oder -gebäcke gebacken? Für wen? Welche Formen 
sind üblich? Wir wären dankbar, wenn man uns etwa 
Hasen, Hirsche, Männer mit Pfeife in je einem Stück 
übersendete. Alle Kosten werden gerne ersetzt. Wir 
wollen sie photographieren und wenn möglich aufbe 
wahren. 
Der Kus des Blutes 
Geschichtliche Erzählung aus der Franzosenzeit 
Von Adolf Häger 
Oer alte Posthalter des hessischen Marktfleckens ist 
noch einmal durch sein Revier gegangen, hat im Stall 
eine Weile den schnaubenden und Hafer mahlenden Gäu 
len zugesehen, hat am Hoftore den Kloben fester gesteckt, 
in dem Amtsstübchen nachgeschaut, ob für die Frühpost 
alles bereit lüge und ist schließlich die knarrende steile 
Treppe nach oben gestiegen, wo in der großen Wohn- 
und Schlafstube seine Ehefrau im Vürhangsbett schon 
ein wenig „eingebüffelt" war. 
Der alte Posthalter zog sich so behutsam aus, wie das 
seine steifen Knochen nur immer zuließen, um seine liebe 
Katrillis nicht zu wecken. Dann schliefte er unter das 
gewaltige Federbett und sprach halblaut seinen gewohn 
ten Abcndsegen, in dem er für seine Lieben alle betete, 
insbesondere aber für den Jüngsten, den der König von 
Westfalen im Frühjahr ausgehoben und der nun mit der 
großen Armee marschierte irgendwo in Rußlands Schnee- 
wüsten. 
Und wie der alte Posthalter dieses frohen, lieben Jun 
gen gedachte, der, noch nicht zwanzigjährig, für den 
fremden Machthaber in einen fernen Krieg ziehen mußte, 
da wurde des Alten Stimme lauter und drängender, als 
wollte sie den brausenden Sturm draußen übertönen, der 
sich aus Asiens Steppen ausgemacht, kalt und schneidend 
durchs deutsche Land fuhr und an den guten alten Holz 
ziegeln rüttelte, als wollte er sie herunterreißen. „Herr 
gott", flehte der Vater, „halt deine Hand über den Jun 
gen! Schütz ihn in dieser schlimmen Nacht! Und, wenn es 
sein kann, führ ihn gesund wieder heim!" — Aber in sein 
gläubiges Amen mischte sich das leise Schluchzen der 
Mutter und ihre rauhe Arbeitshand legte sich schwer auf 
seine knochige Rechte. 
Sie sprachen aber kein Wort weiter, die beiden Alten. 
— Was braucht es auch noch der Worte, wenn man 
vier Jahrzehnte alle Stunden miteinander gelebt hat? — 
Ihrer beider Gedanken gingen denselben Weg ostwärts, 
dem furchtbaren Korsen nach, gingen durch hundert und 
aberhundert Meilen durch Rußlands weite Ebenen, aber 
fanden nicht Ort noch Stätte, wo sie ihr Kind suchen 
sollten. Sie hörten vom nahen Turm den Schlag der 
Stunden. Es dröhnte schon die Mitternacht, und noch 
immer heulte der Wind sein wildes Lied, und noch war 
kein Tropfen vom linden Balsam Schlaf in ihre alten 
müden Augen gefallen. — 
Da — unten vom Hausflur ein knarrender Ton, als 
werde ein Fenster ausgeklinkt! Danach ein Poltern auf 
der großen Haferkiste darunter! Jetzt — der Wind hielt 
eine Weile den Atem an — kam es deutlich wie ein 
Stöhnen von unten heraus! Die Hand der greisen Ge 
fährtin hält seine Hand gepreßt: „Hast's denn gehört, 
Vatter? Was war das?" — „Ha! Was wird's sein? 
Spitzbuben sind's! Das Flurfenster hat einer aufgedrückt 
und ist auf die Haferkiste getreten. Muß einer sein, der 
die Hausgelegenheit kennt! Auf's Postgeld hat der s ab 
gesehn! Aber ich will ihm heimleuchten!" und schon ist 
der alte Kerl mit einer schier jugendlichen Gewandtheit 
aus dem Bett, langt vom Pfosten einen derben Prügel 
mit Lederschlaufe und packt den wackeligen Binsenstuhl 
am Schrank. 
„Ach, Vatter, Vatter, ich hab so' ne Angst", stammelt 
die Frau. „Was, Angst? Bin ich nit Kerls genung? Den 
Stuhl nehme ich über n Kopf, die Lehne vor's Gesicht, 
den Knüppel in die Faust — was kann mir da schon 
passieren!" 
„Ach, das ist's ja garnit, Vatter! Es war doch so 
närrsch, so, als wenn der Jung wieder mal heimlich nach 
Haus gekommen wär und wir sollten ihn nit hören. Ach, 
Mann, das hat was zu bedeuten! Was ist's bloß mit dem 
Jungen!" 
„Red kein dumm Zeug! Hab doch gehört, wie einer 
das Fenster aufgedrückt hat und auf den Kasten getre 
ten ist! Du schwätzt hier von Wanerdingern und unten
	        
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