Full text: Hessenland (48.1937)

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Schuppens in Amelose, Kreis Biedenkopf, das als letztes Strohdach in Oberhessen, 
mitsamt dem Haus, erst vor wenigen Jahren einem Wegebau Zum Opfer gefallen ist. 
Da die Endigung, die Zweifelsohne Pferdeköpfe darstellen soll, auch in Kirchvers, im 
Kreise Marburg, vorhanden war, auch auf allen Photographien und Zeichnungen von 
Strohdächern unserer Gegend Zu erkennen ist, scheint dies die für Oberhessen eigentüm 
liche Form der Giebelverzierung zu sein. Bei dem stattlichen Haus aus Kehna, Kreis 
Marburg, der Abbildung 2 sieht man links oben deutlich die vorstehende Latte (Brett) 
mit dem Keil. Auf vielen älteren Dächern sind übrigens die alten starken Eichenholz 
latten der früheren Strohdächer, für die Lattung des Ziegeldaches wiederverwendet, 
erhalten. Im Museum der Universität Marburg befindet sich ein Aquatinta-Blatt des 
Malers Friedrich Christian Neinermann (geboren zu Wetzlar 1764, gestorben 1835) 
aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts mit den beiden Burgen Vetzberg und Gleiberg 
bei Gießen. Auf den Häusern des Dorfes Vetzberg im Vordergrund sehen wir — ein 
wichtiger Beleg — ebenfalls die gekreuzten Windbordbretter der Strohdächer. Sogar 
ein fast Zweitausend Jahre altes Beispiel scheint uns erhalten zu sein. Bei den Aus 
grabungen auf der Altenburg bei Niedenstein,") die die Neste einer chattischen Burg 
anlage — wahrscheinlich der Burg des im Jahre 15 nach Christi Geburt von Germanikus 
Zerstörten Mattium, der Hauptstadt der Chatten — zu Tage förderten, fanden sich in 
einem alten Brunnen wohlerhalten zwei Eichenholzbretter, die scheinbar die ausgeschnit 
tenen Pferdeköpfe von Windbordbrettern sind (Abbildung 4).") 
Die Lebensdauer eines Windbordbrettes ist sehr begrenzt, keinesfalls hält es länger 
als das Strohdach selbst. Da man die Lebensdauer eines Stroh- oder Nohrdaches mit 
40 bis 50 Jahren, an besonders geschützter Lage mit 70 bis 80 Jahren annimmt, wird 
es kein Windbordbrett geben, das 100 Jahre alt ist. Wohl aber kann sich durch Jahr 
hunderte die immer wiederholte Form erhalten. Die einfache stilisierte Form der Abbil 
dung 3 wird dabei älter sein, als die naturalistischen Formen von Pferdeköpfen mit 
Zaumzeug und reichem Nankenwerk, wie sie sich in Niedersachsen häufig finden.") 
Ueber die Pferdeköpfe als Giebelzier ist viel geschrieben worden,") alle diese Be 
trachtungen gehen aber davon aus, daß es eine niedersächsische Angelegenheit 
ist, daß es sich um eine hervorstechende Eigenschaft „aus der heidnischen Zeit des 
S a ch s e n stammes" handelt, „dessen Hauptbestandteile das Noß noch heute im Wappen 
führen."") Man hat die geographische Verbreitung der Strohdächer beziehungsweise 
ihrer Giebelzier kartographisch aufgenommen und aus den heutigen Grenzlinien, ob 
Pferdeköpfe, ob Schwanen- oder Drachenköpfe, ob „Wendenknüppel" (Geckpfahl oder 
Firstsäule), ob die Pferdeköpfe nach innen oder nach außen schauen,") Nückschlüsse auf 
altgermanische Stammesgrenzen gezogen. Man will daraus die einstmaligen Grenzen 11 12 13 14 15 16 
11) Zeitschrift des Vereins für Hess. Gesch. und Landeskunde, Band 43, S. 9 ff. Die Aus 
grabungen auf der Altenburg bei Niedenstein. 
12) Die Abbildung stellte der Landesbauernschaftsverlag Kurhessen in Kassel zur Verfügung 
aus dein Aufsatz von W. Jordan, Zeugen altgermanischer Kultur in Kurhejsen, in Landvolk 
kalender 1936 für Kurhessen und Waldeck, Seite 46 ff. 
13) W. Vomann, Bäuerliches Hauswesen und Tagewerk im alten Niedersachsen. Weimar 1927. 
Abbildung 11 und12. S. 17 und ff. sehr gute Beschreibung der Konstruktion und Herstellungs- 
weise der Strohdächer in Niedersachsen. 
14) Dr. W. Peßler, Niedersächsische Volkskunde, Hannover 1922. S. 99 ff. 
15) W. Vomann, a. a. O. Seite 19. 
16) W. Peßler, a. a. O. Seite 102. R. Andree, Braunschweiger Volkskunde, Braun 
schweig 1901.
	        

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