Full text: Hessenland (47.1936)

Baum-Frömmigkeit. 
Ein Mensch germanisch-deutscher Art ist 
schwerlich vorstellbar ohne Liebe zum Wald, der 
ihm Lebensbedürfnis ist, und ohne tiefe Verehrung 
zu den herrlichen Gottesschöpfungen unserer 
Bäume. 
Welch ein Wunderwerk ist ein gesunder, gut 
entwickelter Baum, schon in seiner winterlichen 
Kahlheit, die gerade sein Wachstum besonders 
deutlich enthüllt.' Ist nicht jeder Baum ein Aus 
bruch der Erde, in welcher er mit seinen tausend 
Wurzelsträngen so unlösbar haftet, ein einziges 
beseeltes Streben hinauf und hinan zum Licht, 
in die Luft, die ihm beide Nahrung und Lebens- 
antrieb find? Wie ist der Erdgeborene und Erd 
gebundene so eifrig bemüht, einen möglichst großen 
Luft- und Lichtraum für fich zu erobern und die 
unzähligen atmenden, kochenden Werkstätten seiner 
Blätter darin auszubreiten.' Ich sehe förmlich 
Charaktere fich ausprägen, schon in der Winter- 
gestalt des Baumes. Der eine streckt fich steil und 
straff, als wolle er der Erde möglichst rasch ent 
fliehen und fich schier bis an den Himmel recken, 
mit schlanken, gleichlaufenden Ästen, ohne seitliche 
Verzweigung und Ausbreitung, gewachsene Gotik; 
der andere greift fast gierig um sich mit weit aus 
ladenden Armen, die keine Grenze anerkennen 
wollen; der dritte formt ein ruhevoll in fich selbst 
geschlossenes, harmonisch abgerundetes Ganzes, 
und was das leere Gerüst verrät, das erfüllt die 
volle Belaubung nur mit stärkerer Eindringlich 
keit. Wie verschieden zeichnet sich etwa das Ast 
werk der Roßkastanie und der Linde in den hellen 
Himmel.' Hier ein entzückend zartes, gebrochenes 
Filigranwerk, dort derbe und kräftige schwarze 
Umrisse wie in der Bleiverglasung eines Kirchen- 
fensterö.' 
Es ist wie ein Gebet, unter der Krone eines Bau 
mes auf dem Rücken zu liegen und durch sein 
Geäst und Laub hinauf ins Licht zu blicken. Es 
ist Erquickung, an der Quelle, am Brunnen un 
ter Lindenwipfeln zu fühlen, wie der Baum die 
milde Feuchte aus der Tiefe hinaufsaugt und uns 
zum frischen Trunk Kühle des Schattens oben 
drein spendet. Es ist Labsal fürs Auge, Bäume 
und Banmgrnppen an mancherlei Orten, auf ra 
genden Kuppen wie in weltverlorenen Winkeln, 
in eintöniger Ebene wie am bewegten Wasser 
träumerisch ruhen oder windgepeitscht wanken zu 
sehen. Wir find in Hessen reich an solch ausge 
prägten Gruppen, die oft noch von geschichtlicher 
Bedeutung umwittert find, wie das Kattenloh bei 
Von Martin Otto Johannes. 
Niederhone, am Gesegneten Born bei Albungen, 
die Mordhütte beim Zweiburgenblick an der 
Werra, um einige aus meiner Nachbarschaft zu 
nennen. Und was wäre menschliches Bauen ohne 
An- und Hineinwachsen der Bäume in Mauern 
und Dächer? Das Dorf, die Kleinstadt lugt aus 
dem Kranze blühender Obstbäume hervor, und aus 
schroffen Giebeln und roten Dächern heben fich 
geballte ^Wipfel, bald angeschmiegt, bald beschir 
mend. Kann man fich eine alte Stadtmauer den 
ken ohne Stämme, die neben ihr aufschießen, und 
ohne Laubkronen, die über sie hereinhangen? 
Die große Stadt, so naturfern sie ist, hat doch 
nicht ohne Schmuck und Segen der Bäume blei 
ben mögen. Kümmerlich ringen Baumreihen, den 
Fuß in Pflaster und Asphalt gebettet, in ruß- und 
säurerreicher Luft um ihr bißchen Leben zwischen 
den Häusermauern enger Straßenschluchten. 
Stolzer und freier schon öffnen sich breite Alleen, 
und die Höhe städtischen Baumdaseins erfüllt sich 
im höfischen, gesellschaftsfähigen Kunstwalde des 
Parks, in dem sich Baukunst und Baumwuchs 
vereinigen und durchdringen. 
So unvergleichlich schön ein Park sein kann, — 
Wer würde Wilhelmshöhe je vergessen, der seinen 
Gebirgshang durchstreifte? — uns lockt doch mehr 
der schlichte, freie Wald. Lange war er in schwe 
rer Gefahr, unser deutscher Wuld, entwürdigt 
und vevhäßlicht in einem öden Zeitalter des blo 
ßen Rechnens zu einer Baumschule und Holz 
fabrik. Aber wie unverwüstlich blieb selbst unter 
diesem Zwange das ewig-lebendige Wachstum.' 
Selbst in der Einerleiheit des rotstämmigen, lichten 
Föhrenwaldes, im schlank aufragenden, düsteren 
Fichtenbestande, in den von stlbergrauen Säulen 
getragenen Hallen des Buchendomes entdecken 
wir noch Reize über Reize. Zum Glück aber ist 
die Forstwirtschaft, durch Schaden belehrt, zur 
mehr natürlichen Pflege des Mischbestandes zu 
rückgekehrt, der wieder getreuere Bilder des deut 
schen Urwaldes heraufbeschwört. Gott sei Dank, 
daß sich hier Natürlichkeit, Schönheit und Wirt 
schaftlichkeit auf gleicher Ebene finden. 
Wer des Waldes bedarf, ist in Kurhessen 
glücklich dran; aber wie würde er in mancher an 
deren Gegend Deutschlands darben müssen! Die 
fruchtbarsten Landstriche sind leider mitunter die 
landschaftlich ödesten, und der Mangel an Wald 
scheint fich auch in den Menschen auszuprägen, 
die uns dort härter, nüchterner, berechnender vor 
kommen. In solcher Umgebung ist dann schon ein
	        

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