Full text: Hessenland (47.1936)

185 
ñus Franz Dingelstedts Zturm- und Drangzeit 
Von Paul Heidelbach 
Der gebildete Deutsche wird mit dem Namen Dingelstedts/ des 1881 verstorbenen 
Generaldirektors der beiden Wiener Hoftheater/ den wenige Jahre zuvor der Kaiser von 
Oesterreich in den erblichen Freiherrnstand erhoben hatte/ das Bild des Mannes ver 
binden, der als Theaterintendant in München, Weimar und Wien Großes geleistet hat, 
einmal durch die von ihm eingerichteten Gesamtspiele, bei denen die bedeutendsten 
Bühnenkünstler der Zeit mitwirkten, und dann durch seine szenischen Neuerungen und die 
berühmten Aufführungen der Shakespearischen Königsdramen, durch die er die Historien 
Shakespeares der deutschen Bühne gerettet hat. Wenn aber auch die Bühne, in deren 
Entwicklungsgang er entscheidend eingriff, für den einstigen kurhessischen Feldwebelssohn, 
den Kasseler und Fuldaer Gymnasiallehrer das Sprungbrett ungeahnter Triumphe wurde, 
der Theaterleiter hatte, wie sein Vorgänger Laube, seinen Weg von der Literatur 
zum Theater genommen. Hatte einst Laube als einer der Führer des „jungen Deutsch 
land" den literarischen Kampf für die Befreiung des Deutschen von patriarchalischer Be 
vormundung begonnen, so hatte Dingelstedt mit seinen „Liedern eines kosmopolitischen 
Nachtwächters" diesen Kampf gemeinsam mit den übrigen politischen Dichtern der vierziger 
Jahre fortgesetzt. Also neben und vor allem vor dem Theatermann stand der Poet, an 
dessen vielgesungenes „Weserlied" die Denksteine zu Münden und Ninteln erinnern. 
Erst 1846, als ihn der König von Württemberg zum Dramaturgen des Stuttgarter 
Hoftheaters machte, war Dingelstedt in amtliche Verbindung mit der Bühne gekommen. 
Im davorliegenden Jahrzehnt aber entfaltete er eine reiche dichterische Produktion- es 
gibt keine Gattung der Literatur, in der er nicht seine Karte abgegeben hätte, wenn auch 
nur, „um sich und der Welt zu Zeigen, was er gekonnt, wenn er gewollt hätte," und 
Julius Nodenberg trifft das Richtige mit dem Hinweis, daß Dingelstedts glänzendes 
Talent in der Jugend mehr versprochen als später gehalten hat. Die literarischen Zeit 
schriften seiner Frühzeit sind voll seines Lobes. „Dingelstedt", schreibt die Braunschweiger 
„MitternachtsZeitung" von 1837, „dessen frische lebendige Poesie, dessen Gewandtheit 
im Ausdruck, dessen Scharfsinn sich schon längst die gerechteste Anerkennung erwarben, 
schließt sich durch Geist und Talent nicht nur den besseren Schriftstellern Deutschlands an, 
sondern nimmt einen sehr ehrenvollen Platz unter ihnen ein", und Gutzkow beginnt in 
seinem „Telegraphen" (1838) eine ausführliche Besprechung der Gedichte des 24jährigen' 
„Unter den jüngeren Talenten, die sich in kurzer Zeit eine gesuchte und beliebte Stellung 
in der Literatur zu geben wußten, verdient Franz Dingelstedt mit besonderer Auszeichnung 
genannt zu werden". 
Es ist nicht ohne Reiz, die Entwicklung dieser seltsam zusammengesetzten Persönlich 
keit zu verfolgen. Mit 17 Jahren macht er als primus omnium auf dem damals vor 
trefflich geleiteten Ninteler Gymnasium sein Abitur und schließt das in Marburg wider 
alle Neigung auf Wunsch des Vaters begonnene Studium der Theologie mit einem 
hervorragenden Zeugnis ab. Als dann das Konsistorium den jungen Predigtamtskandi 
daten ablehnt, weil er „profane Lieder gemacht und Komödie gespielt habe", wendet er 
sich, immer noch dem Drängen des Vaters nach einem sicheren Staatsdienst folgend, 
trotzdem ihm längst der Schriftstellerberuf als Ziel vorschwebt, dem Lehrberuf zu, Zunächst 
in einer Privatanstalt. Hier, in dem englischen Erziehungsinstitut eines Kapitäns Trott 
Zu Ricklingen, nahe der vornehmen Residenz Hannover mit ihrem regen literarischen 
und künstlerischen Leben, beginnt sich von neuem der Schriftsteller in ihm zu regen.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.