Full text: Hessenland (46.1935)

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den sollte, lege ich den halbierten Büschmg neben 
die Hauptschüssel des Soupers!" 
Der reizende neckische Ton, der auch in den an 
deren Briefen von Wilhelmine von Schwertzell an 
Wilhelm Grimm sich offenbart 6 ), beweist, wel 
cher Beliebtheit sich Wilhelm Grimm im Kreise 
dieser hessischen Adelsfamilie zu erfreuen hatte, 
und wie sehr man seinen liebenswürdigen, lauteren 
Charakter zu schätzen wußte. Darüber hinaus 
aber bilden die Briefe zugleich einen wertvollen 
Beitrag zur Geschichte der prähistorischen For 
schung in Kurhefsen und ein erneutes Zeugnis 
dafür, wie die Brüder Grimm ihren Freundes 
kreis für die Erweckung der deutschen Vergangen 
heit zu interessieren suchten. 
6) Näheres darüber in meinem Aufsatz: „Wilhelmine 
von Schwertzell, die Jugendfreundin Wilhelm Grimms" 
(„Kasseler Post", Jahrg. 1929, Nr. 22z ff.). 
Karl Vollgraff, kurhessischer Kämpfer für Rasse, Volk und 
Prof. Adolf Günther - Innsbruck. 
Staat. 
i. 
Vor nunmehr 80 Jahren legte der Mann, 
von dem diese Zeilen haüdeln, einer fast völlig 
teilnahmslosen, ja vielfach ablehnenden Mitwelt 
den letzten Band eines auf größte Maße berech 
neten staatswifsenschaftlichen Werkes vor. Im 
selben Jahre hatte Graf Gobineau seinen „Essai 
sur F inégalité des races" abgeschlossen, eben 
falls fürs erste noch wenig beachtet. Während 
aber der Franzose zu immer größerem Ruhm ge 
langte und dies vor allem deutschen Forschern ver 
dankt, ist das deutsche Schrifttum bisher an dem 
Hessen Vollgraff ziemlich gleichgültig vorbeige 
gangen. Auch in seiner engern Heimat ist er fast 
unbekannt. Einem Fernersteheüden sei gestattet, 
vorläufige Ergebnisse einer ursprünglich ganz zu 
fällig zustandegekommenen Forschung dem Hessen- 
stamme, der sich Vollgraffs rühmen darf, zu 
treuen Händen zu übergeben. Der Zweck dieser 
Zeilen wäre erreicht, wenn die zuständige landeö- 
nnd stammeskundliche WifsenschaftSpflege sich 
eines (Warmes, der in jeder Hinsicht der ihre ist, 
bemächtigen und ein Versäumnis früherer Ge 
schlechter gut machen würde. 
Noch blüht die Familie Vollgraff, wenn auch 
nicht mehr im Marmesstamm, zwei Enkel und 
zahlreiche Urenkel leben. Der eine oder andere 
wird sich vielleicht noch an der endgültigen „Aus 
grabung" des fast Verschollenen beteiligen; in 
Familienbesitz zu Fronhausen befinden sich die An 
fänge eines Vollgraff-Archivs, das Preußische 
Archiv in Marburg und die dortige Universitäts 
bibliothek enthalten alles wesentliche, worauf die 
Forschung aufbauen könnte. Diesen Stellen ver 
dankt der Verfasser Material, das sicher auch 
Dritten zur Verfügung stehen würde. Darauf 
gestützt, hat er vor kurzem den Versuch einer 
wissenschaftlichen Gesamtwürdigung Vollgraffs 
unternommen *). 
Zwischen 1792, dem Jahr seiner Geburt in 
Schmalkalden, und 1863, dem Jahr des in 
Marburg erfolgten Todes, hat sich ein an äuße 
ren Ereignissen nicht eben reiches Leben gestaltet, 
das doch durchaus den Charakter des Kämpferi 
schen, des steten Strebens und der inneren Reife 
zeigt; von sieben Jahrzehnten sind fast fünf der 
wissenschaftlichen Adbeit gewidmet gewesen, die sich 
— soweit gedruckt— in mehr als einem Dutzend 
z. T. mehrbändiger Werke auf über 6000 Sei 
ten darstellt. Die äußeren Lebensdaten können 
hier nur ganz flüchtig verzeichnet werden: 1814 
Teilnahme am Feldzug als freiwilliger Jäger bei 
den Hessen; 1824 a. 0. Professor der Staatswis 
senschaften und Mitglied des (wohl vergessenen) 
Staatöwirthschaftlichen Instituts der Marburger 
Universität; 1833 — nach langem Kampf — 
Mitglied der dortigen Juristenfakultät (uüd spä 
ter deren Dekan); Heirat im selben Jahre (der 
Ehe entstammten drei Töchter, die sich alle ver 
heirateten); ein Jahr früher auf dem Markt zu 
Marburg öffentliche Verbrennung des im glei 
chen Jahr erschienenen Buches Vollgraffs: „Die 
Täuschungen des Repräsentativsystemö"; von da 
ab äußerlich kaum mehr Nennenswertes, indes 
i) Zu vergleichen: Adolf Günther, „Karl Fried 
rich Vollgraff, Kämpfer im Vormärz für Raste, Volk 
und Staat"; Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, 
Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen Reiche, 
Jahrgang 59 (1935), Heft ZZ, Seite 59~82. Beson 
ders sei auch aufmerksain gemacht auf die Ausführungen 
vor, Dr. Wilhelm Maurer, Marburg, in „Auf 
klärung, Idealismus und Restauration ",Bd. II, S. 187 
big 196, Studien zur Geschichte des neueren Protestantis 
mus, Heft 14. Allerdings liegt heute Veranlassung vor, 
neben die, aus der Zeit heraus verständlichen pessimisti 
schen Geschichtsauffassungen Vollgraffs auch seine hoff 
nungsvollen, aus Raste und Nation abgeleiteten Prog 
nosen zu stellen. In diesem Sinne ist einschlägig 
L. S ch e m a n n , „Die Rasse in den Geisteswisten- 
schaftcn", Bd. I (1927 S. 426 ff., Bd. III (1931) 
S. 178 f.
        

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