Full text: Hessenland (46.1935)

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Hierauf antwortete Wilhelm Grimm am 16. 
März 1625 mit folgendem Schreiben, welches 
sich in Pfeiffers „Germania" 22. Iahrg. (Wien 
1877) S. 382 ff. gedruckt findet und lautet: 
,,Ew. Wohlgeboren geehrtes Schreiben vom 
18. Februar habe ich von Willingshausen richtig 
erhalten. Zwar hatte ich dem Herrn von 
Schwerßell so genau als möglich beschrieben, wie 
er verfahren müßte, wenn er einen ordentlichen 
Abguß der Steine zustande bringen wollte; weil 
ich aber weiß, wie wenig man auf einem Land 
gute auf dergleichen eingerichtet ist, wo z. B. 
schwerlich feiner Gyps vorhanden sein wird, so 
erbot ich mich gleich, so bald ich selbst wieder hin 
käme, die Arbeit zu übernehmen. Sie können 
darauf rechnen, daß ich mein Versprechen halten 
werde, nur kann ich nicht versichern: in kurzer 
Zeit. Willingshausen ist zu entfernt (14 Stun 
den von hier), als daß in einem oder zwei Tagen 
die Reise abzumachen wäre, ich pflege gewöhnlich 
im Spätsommer die Familie, mit welcher ich 
seit lange freundschaftlich verbunden bin, auf 
einige Zeit zu besuchen; eher als dürften Sie eine 
Erfüllung Ihres Wunsches, insoweit sie von mir 
abhängt, nicht erwarten. 
Ich wiederhole nicht meine Ansicht über diese 
Zeichen, da ich mich schon in der Schrift über die 
Runen darüber geäußert habe, die Sie ohne 
Mäche werden erhalten können. Hätte nicht 
Herr Rommel vorher das Publikum darauf auf 
merksam gemacht und nach meiner Meinung 
allzugroße Erwartungen erregt, so weiß ich noch 
icht einmal, ob ich irgend etwas öffentlich davon 
gesagt hätte. Sie gedenken diese Steine im 
schlimmsten Fall als ^Warnungstafeln zu be 
nutzen, aber es kommt mir vor, als würde es eben 
so schwer fallen zu beweisen, daß der Augenschein 
trüge und diese Zeichen unbedeutend und zufällig 
seien, als das Gegenteil. Man thut recht, die 
sibirischen Zeichen genau abzubilden und bekannt 
zu machen, aber glauben Sie, daß man zu ir 
gend einem Resultat gelangt, wenn man aus ver 
schiedenen Weltteilen Zeichen, von denen man 
nur voraussetzt, daß es Buchstaben seyen, scharf 
sinnig vergleicht, ohne das geringste von der 
Sprache zu wissen, der sie angehören und mit 
dem innern Bewußtsein, auch nicht ein Wort 
davon lesen zu können? .... Was hat man da 
mit? Ich streite nicht ab, daß nicht jemand noch 
einen witzigen Einfall darüber haben könne und 
endlose Vermuthungen möglich seyen, aber ich 
glaube, bei dem gegenwärtigen Zustand der Lite 
ratur erwirbt man sich ein Verdienst, wenn man 
dergleichen zurückhält. Ich gestehe, daß die ge 
naue und richtige Erklärung eines einzigen der 
mit jenen deutschen Runen beschriebenen Gold 
bleche zu Kopenhagen in meinen Augen wichtiger 
und nützlicher sey würde, als die ausführlichste 
Abhandlung mit Vermuthungen über ein halbes 
Dutzend zweifelhafte, völlig unverständliche Zei 
chen Ich weiß nichts darüber zu sagen, 
oder was soll der Welt eine Vermuthung, auf 
die ich selbst keinen Werth lege, weil ich morgen 
und übermorgen und jeden folgenden Tag eine 
andere darüber äußern könnte? Und wir haben 
noch so viel Zeit zur Bearbeitung trefflicher und 
reichhaltiger Duellen nöthig, wo wir ohne 
Schwanken fortschreiten und eines sicheren Ge 
winnes uns erfreuen können". 
Dieser Brief läßt deutlich erkennen, wie unan 
genehm Wilhelm Grimm ein weiteres Forschen 
auf diesem Gebiet durch Professor Büsching war, 
und enthält mehr ein Abraten als Zuraten. Auch 
scheint es zu dem versprochenen Abguß der Ru 
nensteine nicht mehr gekommen zu sein. Denn 
durch den Tod von Frau von Schwertzell, der 
Mutter von Wilhelmine, war die Familie 
Schwertzell in tiefe Trauer versetzt, wodurch das 
Interesse an weiteren Ausgrabungen erlahmte 
und Wilhelm Grimm gehindert war, in diesem 
Jahr seine geplante Reise nach Willingshausen 
auszuführen. Ihm wird dieser Ausgang nicht 
unerwünscht gewesen sein, und Professor Büsching 
wird nach der deutlichen Abmahnung Grimmö es 
vorgezogen haben, keine weiteren Schritte mehr in 
dieser Frage zu unternehmen. 
Wie aus dem oben erwähnten Brief von 
Wilhelmine von Schwertzell an Wilhelm 
Grimm vom 18. Februar 1825 hervorgeht, hatte 
sie ihm den ersten Brief Büschings scherzhafter 
Weise als Geburtstagsgeschenk vermacht, ohne zu 
ahnen, daß kurz darauf noch ein zweiter Brief 
Büschings ankommen würde. In launiger Weise 
schildert sie bei der Aufzählung der für Grimm 
bestimmten Geburtstagsgeschenke seine Empfin 
dungen bei Empfang dieses eigenartigen Geschen 
kes: „Und von Willingshausen? Den Brief von 
Professor Büsching! Nun so freu ich mich doch 
ganz ausnehmend. Den hab ich mir 
lange gewünscht und nicht selbst anschaffen mö 
gen. Den will ich nun das ganze Jahr lesen, ihn 
in meinem eigenen Haushalt täglich auf meinem 
Tisch haben. Wo es einmal dunkel um mich 
herum wird, will ich mich nach ihm umsehn. 
Kommt ein Freund des Abends in Gefahr beym 
Nachhausegehn die Treppe hinunterzustürzen, so 
reiß ich ihn durch und lege eine Hälfte vor ihm 
her, und wenn mir einmal der Tisch gerückt wer-
        

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