Full text: Hessenland (46.1935)

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in Besitz genommen ist, da er glaubt, Sie hätten 
es ihm bestimmt, bey welcher Ansicht ich ihn anch 
lasse, ihm das Werk aber heimlich nnr leihe. Ich 
danke Ihnen gar herzlich, Sie lieber Grimm, 
welchen ^Worten Sie immer Glanben beimessen 
dürfen, wenn gleich ich Ihre Gabe wohl kanm 
znm dritten Theil verstehen kann. Es ist doch 
eine Arbeit von Ihnen, an der Sie nnter Leid nnd 
Freud in Sorgfalt weiter gebaut, die Sie mit 
großem Nachdenken nnd gewissenhaftem Nach 
schlagen zn Stande gebracht, die nicht allein ge 
lehrt, sondern anch frisch nnd lebhaft im Styl 
ist, wenn ich von dem, was ich darin gelesen, einen 
Schlnß anfs übrige mache. Die Zeichnungen 
aber habe ich mir recht besonders angesehen, weil 
Sie vorgaben nicht ordentlich zeichnen zn können. 
Unser alter Stein, der anch in der Abbildnng 
natürlich wie ein gebogener Arm ohne Schnlter 
nnd Hand anösteht, ist dnrch Sie zn hohen Ehren 
gebracht, nnd ich werde von nnn an mir einiges 
daranf einbilden, daß es einen Iettenberg nnd Rie 
sengräber in nnserer Gegend gibt. Aber das 
letzte Blatt bleibt Ihr.Trinmpf, nnd bei diesem 
wär ich ganz im Ansang beinah ans die dreiste 
Frage gekommen: Grimmchen! können Sie be 
schwören, daß hieran der Maler sLndwig 
Grimms keinen Strich gethan? Jetzt aber bin ich 
geneigt, Ihnen ganz allein den Rnhm znznerken- 
nen. Bei die Urne nnd die Steine wird Ihr Bnch 
niemals gelegt, indem mir die Kinder beide höchst 
merkwürdige Gegenstände ans meinem Zimmer 
in die Bibliothek hmansbnchstabiert haben, da sie 
es nicht mehr mit ansehen konnten, daß ich die 
schweren Steine beim Kehren nnd sonstiger Rän- 
merei bald hier bald dort hin trng, nnd wirklich 
steckte mich der Kinder Gleichgültigkeit gegen die 
Urne so weit an, daß ich ein Papier voll Asche 
nnd Granß ans dem hohen Bibliotheksfenster den 
VRnden preisgegeben. Das Übrige verwahrt 
aber der Ihnen bekannte geharnischte Mann". 
In seinem Bnch „Uber deutsche Runen" 
(S. 274 ff.) gibt Wilhelm Grimm folgendes 
Urteil über die geheimnisvollen Rnnen ab: „Sie 
(die fünf Steine) wnrden sämtlich anfbewahrt 
nnd ich kann sie ans eigener Anschannng beschrei 
ben. Alle fünfe bestehen gleich den übrigen in 
dem Hügel ans gewöhnlichem Sandstein nnd find 
Brnchstücke; es ist anch gar kein änßerlicher 
Grnnd da anznnehmen, daß sie einmal Znsam- 
menhang gehabt nnd ein Ganzes ansgemacht 
hätten, sie sind im Gegenteil von verschiedener 
Dicke. An einem könnte wohl eine Seite be- 
hanen gewesen sein, doch will ich darüber nichts 
entscheiden. Die Oberfläche, ans welcher sich die 
Zeichen finden, ist nicht vorher zngerichtet oder 
geebnet worden, sondern scheint so, wie sie sich 
gerave gefnnden hat, benntzt. Daher fallen die 
Zeichen mit natürlichen Rissen nnd Unebenheiten 
znsammen nnd sind manchmal schwer zn unter 
scheiden. Was nnn diese selbst betrifft, so 
machen sie obenhin betrachtet den rohen Eindrnck, 
als sey mit einem Werkzeng von Eisen ans dem 
Stein willkürlich hin nnd her gehanen nnd ein 
gegraben, oder, wäre es weiche Maste gewesen, 
als habe sich etwa die Spnr von Vögeln einge 
drückt. Es sind lanter neben nnd ans einander 
gelegte, bald flacher, bald tiefer gehanene Spitzen 
nnd Keile, wobei doch anch krnmme nnd halb- 
rnnde Züge vorkommen. Dies alles spricht ge 
gen eine Bedentnng nnd für eine bloß znfällige 
Entstehnng derselben; ans der andern Seite aber 
mnß man die Ubereinstimmnng ans allen fünfen 
berücksichtigen nnd nach genaner Betrachtnng 
kann ich nicht anders glanben, als daß einige Fi- 
gnren vorsätzlich eingegraben sind, zn welchem 
Zwecke es anch immer mag geschehen seyn; wo- 
rans aber natürlich noch nicht folgt, daß es 
Schriftzeichen find." 
Grimm teilt dann noch mit, datz Anfang des 
Jahres 1819 Herr Forstmeister Fritz von 
Schwertzell (der Brnder von "Wilhelmine) in dem 
T8ald bei Spangenberg einen Stein gefnnden 
habe, dessen Oberfläche ähnliche Zeichen enthielt. 
Er kommt dann mit dentlicher Polemik gegen 
Professor Rommel zn dem Schlnß: „Ans welche 
Seite man sich anch neigt, immer ist bei der 
Möglichkeit einer Bedentnng dieser Zeichen nnd 
da schon manches nnbestimmte oder vergrößernde 
Gewicht davon ins Pnbliknm gekommen ist, die 
Pflicht da, eine sichere Nachricht darüber zn ge 
ben". Er schreibt den Grabhügeln wegen der 
Roheit der Masse nnd der Form an den Urnen 
nnd der Einfachheit der Konstruktion ein sehr 
hohes Alter zn nnd glanbt sie in die heidnische 
Zeit versetzen zn dürfen. Er glanbt, daß eö chat 
tische Gräber seien wegen der Ähnlichkeit mit den 
nordischen nnd weil die Chatten bis heute nie 
mals ihre ursprünglichen -Sitze gewechselt hätten. 
Auf heidnisches Alter glanbt er anch deshalb 
schließen zu dürfen, weil man vor nicht langer 
Zeit in der Nähe des Grabhügels einen Donner 
keil gefnnden, der die Vermutung eines minde 
stens neunzehn hundertjährigen Alters gestatte. 
Uber den Fund eines Donnerkeils berichtet 
Wilhelmine von Schwertzell an Wilhelm 
Grimm in einem Brief vom i6. Februar 1625. 
Es mnß sich also hier nur um einen andern Fund 
handeln, weil der von Grimm erwähnte Donner 
keil schon vor 1821 gefnnden worden war. Sie
        

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