Full text: Hessenland (46.1935)

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flbb. 18. Friedhof in Niederwalgern 
Aufnahme von Neg.-Baucat Abel 
in der Laubkrone auf und trägt seine Kräfte hin 
ab zur Wurzel, damit sie stark werde, in Treue 
den Stamm empor zu treiben aus dem steinge 
faßten irdischen Boden. Man kann wohl keinen 
lebendigeren Ausdruck finden für die Begriffe 
„Treu und Glauben", die allem deutschen Recht 
zugrunde liegen: gläubig offen den himmlischen 
Machten, treu den Aufgaben der Erde.' 
Jacob Grimm gibt als Gerichtsbänme Eichen 
und Linden an. Mw find in hessischen Dörfern 
nur Linden bekannt geworden. Vielleicht war es 
so, daß die Männer, die jeden Augenblick bereit 
waren, die Pflugschar mit dem Schwert zu ver 
tauschen, beim Gaugericht, das über Krieg und 
Frieden zu entscheiden hatte, unter dem Bann 
Thors tagten, während sie als Dorfgemeinfchaft 
im Zeichen von Friggas Baum zusammentraten, 
der Göttin des heimischen Herdes und der Herzens 
sphäre. Was der Bauer mit der eigenen Ge 
richtsbarkeit verloren, spricht Jacob Grimm im 
Jahre 1654 mit den Worten aus: „Im inneren 
Deutschland, seit er sein hergebrachtes recht nicht 
mehr selbst weisen kann, ist der bauersmann ver- 
dumpft, er denkt beschränkter und nimmt am ge 
meindewesen geringeren theil: wer in unseren tagen 
noch die letzten Überreste unveräußerten markver- 
fassungen in Westfalen oder in der wetterau kennen 
lernte, mag es bestätigen, daß ein anständiges selbst- 
gefühl und eine ausgezeichnete tüchtigkeit dem be- 
wohner solcher gegenden eigen war". Heute gibt 
wenigstens in der Rechtsprechung des Anerben 
gerichts nach dem Reichserbhofgesetz der Bauer 
wieder den Ausschlag.' 
Der F e st p l a tz liegt außerhalb des Dorfes 
(Abb. 22), doch mag manche alte Gerichtslinde 
zur Tanzlinde umgewandelt worden sein. Die 
sommerlichen Feste spielten sich vornehmlich im 
freien Felde ab, während zur Winterszeit der Ge 
werbefleiß und die mancherlei Zweige einer uner 
schöpflich reichen Volkskunst im Hause gepflegt 
wurden, umsponnen von der tiefen, geheimnisvollen 
Weisheit deutscher Sagen und Märchen. 
Drei Elemente haben das deutsche 
Bauerndorf in seiner stolzen Selbständigkeit auf 
gebaut: 
Der Hof als Mittelpunkt der Wirtschaft 
auf dem heimischen Boden, im Rhythmus des 
Zahreölaufö und im Verband der Familie, 
Friedhof und Kirche als Stätte der 
geistigen Einkehr, der Pflege der Werte der 
Ewigkeit, 
ctbb. 19. Friedhof und Kirche in Fronhausen 
Eigene Aufnahme
        

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