Full text: Hessenland (46.1935)

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Kbb. 16. vorfstraße in Langendiebach 
Aufnahme von Kreisbaumeister Ltübing 
verhaltene Kraft des Bauerntums ruht in diesen 
Bauten, die um den Ernst deö Geheimnisses weiß. 
Aus dem Mutterboden dieser Kraft sind immer 
wieder die Großen unseres Volkes hervorge 
wachsen, die Schöpfer unserer gotischen Dome so 
wohl wie ein Johann Gottlieb Fichte. -— 
In der Gestalt, die das spätere Mittelalter 
ihnen gegeben, sind Friedhof und Kirche in 
den hessischen Dörfern oft stark befestigt, 
als Zufluchtstätten bei feindlichen Überfällen. 
Während die Steinmauern vieler Friddhöfe wohl 
kaum je einen Verteidigungswert gehabt haben, 
find andere mit Schießscharten und TDehrgang, 
zuweilen sogar mit Wehrtürmen versehen. In 
V i e d e r w a l g e r n im Kreise Marburg (Ab 
bildung i6) stützt sich die steinerne Wehr des 
hoch über der Straße gelegenen Friedhofs auf 
starke Futtermauern und Strebepfeiler. Crum 
bach bei Kassel zeigt doppelten Manerring mit 
rundem Bergfried. Der Gedanke, das Heiligtum 
durch Wehranlagen zu schützen, findet sich ja schon 
in sehr alten Zeiten. Die Befestigung der Fried 
höfe und Kirchen scheint aber in der Hauptsache 
zur Zeit des Burgenbaus aufgekommen zu fein, 
namentlich an Hauptstraßen und in gefährdeten 
Grenzbezirken, dann aber auch in Dörfern, in 
denen sich Herrenhöfe angesiedelt hatten, deren 
Sicherheit durch die Befestigung des Friedhofs er 
höht wurde. Vielfach wurden die Kirchtürme zu 
Wehrtürmen ausgebaut, sodaß ihre Bekrönung 
kleinen Festungen gleicht (Abb. 19). Meist waren 
die Dörfer wohl mit Dornenhecken und Gräben 
umgeben, zuweilen, namentlich im Kreise Hanau, 
auch mit Mauern und Türmen. Solche Dörfer 
gewinnen durch ihre streng geschlossene Form fast 
das Ansehen befestigter Städte. In ihre Wehr 
anlagen wurden Kirche und Friedhof mitunter 
einbezogen. 
Wenig beachtet geblieben sind bisher die Ge 
richts st ä t t e n deö hessischen D 0 r - 
f e ö. Und doch hatte jedes größere freie Bauern 
dorf sein eigenes Gericht, das auch für die kleine 
ren Vachbardörfer zuständig war. Vach Jacob 
Grimm b) war das Gericht nrspriinglich 
„Volksversammlung, in welcher alle öffentlichen 
angelegenheiten der mark, des gaus und der land- 
fchaft zur spräche kamen, endlich auch zwistig- 
keiten beurteilt und büßen erkannt wurden. Im 
Heidentum mit religionsgebräuchen verbunden. 
Gleich den opfern wurde das recht öffentlich 
unter freiem Himmel dargebracht, im beisein der 
freien männer und durch sie gewiesen. Seit der 
bekehrung znm christlichen glauben fiel nun aller 
unmittelbare bezug der gerichtsverhandlung auf 
den gottesdienst weg oder mußte erst von neuem 
gestiftet werden: aber eine menge mittelbar heid 
nischer Volksgewohnheiten und die öffentliche 
rechtspflege blieb erhalten. Dem gericht wurde 
Heiligkeit und ein besonderer friede beigelegt. 
Vach wie vor versammelte sich an herkömmlicher 
stätte in marken, ganen und landschaften das 
freie Volk, um über geringere oder wichtigere an 
gelegenheiten unter leitung seiner selbstgewähl 
ten richter zu ratschlagen und zu entscheiden." 
Die Gerichtsstätte lag meist inmitten des Dor 
fes nahe oder in Verbindung mit dem Friedhof, 
auf einer Anhöhe oder auch am fließenden Mmf- 
ser. In Ebsdorf (Abb. 20) liegt sie östlich des 
ungewöhnlich großen Friedhofes und ist mit ihm 
durch eine Treppe verbunden. In V 0 l l mars 
hausen bei Kassel liegt sie am fließenden Bach, 
nicht weit vom Friedhof auf der Höhe (Abb. 21). 
Die Gerichtsstätte zeigt einen erhöhten, in Stein 
umfriedeten Unterbau, meist rund mit Tisch und 
Bänken aus Stein, überragt von einem hohen 
Baum. Der Baum fängt das Licht des Himmels 
3) a. a. O. 
ctbb. 17. vorfstraße in Roßdorf 
Aufnahme von Kreisbaumeister Atübing
        

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