Full text: Hessenland (46.1935)

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aber längst vorbei, nur das Schotterwerk Seiferts 
ist noch in Betrieb, Torf wird nur für die benach 
barten Bäder gewonnen. 
Der Mensch selbst wohnt im Tal oder höch 
stens am Hang, nur einige Gasthöfe sind auf die 
Höhe vorgestoßen. An der Wasserkuppe war es 
der Segelflugbetrieb, der hier mehrere Gaststätten 
entstehen ließ, an wenigen anderen Stellen ent 
standen Rhönklubhütten, die besonders für den 
Wintersport, für den die Rhön vorzüglich geeig 
net ist, Bedeutung haben. 
Nach kurzem Betrachten der geo 
logischen Geschichte der Heimat 
waren sechs verschiedene Land 
schaften erkannt und beschrieben 
worden: Basaltflächen im W e st e n , 
Bnntsand st eintafeln, Fuldaer 
Becken, F l i e d e n i e d e r! u n g , R h ö n - 
Vorland und Hochrhön, Jetzt muß 
volkstumknndliche Sonderforschung einsetzen, um 
zu prüfen, wieweit nicht nur Völker in groß- 
Die Anlage 
des hessischen Dorfes. 
(Schluß) 
Damit sind die Grundformen des hessischen 
Dorfes der älteren Zeit genannt. Im 17. und 18. 
Jahrhundert haben die hessischen Fürsten regel 
mäßig geplante Siedlungen angelegt, die nicht 
mehr in den Rahmen dieser Betrachtung fallen. 
So wurde Schwabendorf im Kreis Mar 
burg „Auf der Schwabe" 1867 für französische 
und wallonische Familien, W aldensberg 
(Abb. 14) im Kreise Gelnhausen 1699 für TDal- 
denser gegründet usw. 
Aus diesen einfachen, aber reicher Abwandlung 
fähigen Grundlagen, wächst organisch das Stra 
ße n b i l d heraus durch die Reihung der Höfe in 
lebendigem Rhythmus. Wo die Höfe sich mit der 
Breitseite zur Straße öffnen, entsteht eine beson 
ders abwechslungsreiche Reihe: Wohnhausgiebel 
— Hof — Stallgiebel (Abb. 15); wo sie nach 
der Tiefe angeordnet find, sieht nur der Wohn 
hausgiebel an der Straße, vom Nachbarhause 
durch den Hof getrennt (Abb. 16). Nie aber find 
solche Reihungen schematisch durchgeführt. Durch 
die Krümmung der Straße, die Höhenbewegung 
des Geländes entsteht ein immer neuer Wechsel 
der Lage und sede Aufgabe ist aus den natürlichen 
Gegebenheiten heraus organisch und ursprüng- 
räumigen Landschaften, sondern auch Volksge 
meinschaften auf engbegrenztem Raum Eigenhei 
ten und Eigenarten annehmen. Viele Unterschiede, 
die einem zwischen benachbarten Dörfern auffal 
len, sind geschichtlich bedingt, vieles aber auch 
verursacht der Boden und die Lebensmöglichkeit, 
die er bietet. Und da sollen vorstehende Ausfüh 
rungen Anregung und Grundlage geben zu hei 
matkundlichem Forschen. 
Ein Wunsch sei noch zum Schluß geäußert. 
Gerade heute setzt durch Freiwilligen Arbeitsdienst 
und Notsiandsarbeiten eine gründliche Umgestal 
tung der Heimatlandschaft ein, Gewässer wer 
den begradigt, die blockbestreuten Huten der Rhön 
verschwinden. Da wäre eö sehr erwünscht, wenn 
kleine Gebiete als Naturschutzflächen erhalten 
würden, damit auch unsere Enkel noch erkennen 
können, wie ihre Vorfahren einst wirtschaften 
mußten, mancher Brauch und manche alte Sitte 
wird so verständlich, dazu wird auch praktischer 
Forschung oft ein Vergleichsobjekt unentbehrlich 
sein. 
Von Oberregierungs- und -baurat Dr.-Ing. G e ß n e r , 
Geschäftsführer des Lanvesplanungsverbandes Kassel. 
lich gestaltet in unbekümmerter Schaffenslust, da 
inan ja unmittelbar aus den reichen Ouellen ein 
heitlichen Volkstums schöpfte, in stetiger Entwick 
lung des von den Vätern Überlieferten. 
Strenger und „städtischer" wirkt die Reihung 
niedersächflscher Giebelhäuser z. B. in Rhoden 
im Kreise Arolsen (Abb. z), die nur durch eine 
schmale Brandgafse getrennt find, öder von Häu 
sern, die in mehr oder weniger geschlossener Reihe 
die Traufe der Straße zuwenden und den Hof 
hinter dem Hause mit einer Durchfahrt zugäng 
lich machen, wie in Roßdorf im Kreise Hanau 
(Abb. 17). Nirgends aber herrscht eine starre, 
der Wirklichkeit aufgezwungene Fluchtlinie, nie 
besteht ein flauer, schematischer Abstand zwischen 
den Häusern. Entweder liegt eine Hofbreite zwi 
schen ihnen oder sie rücken nahe zusammen. Stets 
bestimmt der s 0 z i a l e O r g a n i s m u s der 
D 0 r f g e m e i n s ch a f t die Gestaltung! Das 
ist neben aller Zerstörung künstlerischer Werte 
wohl das Schlimmste an der Verunstaltung unserer 
Dörfer, das jedes Gefühl für den sozialen Zusam 
menhang verschüttet und sein lebendiger Ausdruck 
in der Ortsgestaltung totgeschlagen ist! Solange 
das nicht klar erkannt wir), kann von organischer 
Neugestaltung keine Rede sein.
        

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