Full text: Hessenland (46.1935)

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ausgezeichnet nicht nur durch eine köstliche Frische 
und Unmittelbarkeit in seinem Wesen, durch 
Herzensgute und Hilfsbereitschaft, einen urwüchsig 
quellenden Humor, sondern auch durch seine viel 
fachen Liebhabereien, die mindestens auf dem Ge 
biete der Erforschung der heimatlichen Trachten 
zu bedeutsamer Leistung geführt haben. Es 
waren wohl feine Lebenslust, verbunden mit der 
ihm ganz selbstverständlichen Neigung zu allem 
Idealen, seine Heimatliebe, die innere Nrenschen- 
nähe, die bald einzeln, bald zusammen wirkten 
und ihn zum Musizieren, zum Malen und zur 
leidenschaftlichen Jagd veranlaßten und die ihn 
auch zu den Bauern auf das Land und zur 
Trachtenforfchung trieben. Seine Herkunft aus 
einer alten Niederhesstschen Pfarrerfamilie — 
er wurde 1868 zu Rotenburg an der Fulda 
geboren — der Ortswechsel in seiner Beamten 
laufbahn, die ihn von Schmalkalden nach Corbach 
i. Waldeck, nach Neustadt bei Kirchhain und 
schließlich nach Marburg, wo er auch schon die 
Schule besucht hatte, führte, gaben ihm besondere 
Voraussetzungen und Möglichkeiten dazu. 
Seine Kenntnisse auf dem Gebiete der heimat 
lichen Trachten und der Volkskunst überhaupt, 
die Vertrautheit mit der Landbevölkerung, nutzte 
Geheimrat Böhlau, der ehemalige Direktor des 
Landesmuseums in Kassel, aus, indem er ihm in 
großzügiger Weise den Auftrag zur Beschaffung 
der heute berühmten Trachtensammlung des Lan 
desmuseums, zum Erwerb der Volkskunstsamm 
lung und zur Einrichtung der Bauernstuben des 
INuseums anvertraute. Zu diesem Zweck wurde 
Wessel von 1911 an bis zum Kriegsausbruch 
jährlich auf mehrere Monate von seiner Behörde 
beurlaubt. Es war ja noch die Vorkriegszeit, die 
ein Arbeiten aus dem Vollen heraus erlaubte, in 
der die Mittel zum Aufbau des Hessischen Lan- 
vesmuseums von vielen Seiten her flössen, nicht 
zuletzt auch durch die rege Teilnahme und Förde 
rung des Kaisers. Wefsel hat damals Einzig 
artiges und Hervorragendes geleistet. Auch in 
den späteren Jahren, vor allem in der Zeit seines 
Ruhestandes in Marburg, hat Wefsel unermüd 
lich ans diesem Gebiete weitergearbeitet; ein gro 
ßer Teil der Volkskunstsammlung des Hessischen 
Geschichtsvereins, die 1927 von der Universität in 
ihr Museum im Iubiläumöbau übernommen 
wurde, ist Emil Wessel zu verdanken. Auch dem 
neuen Museum ließ er seine Kenntnisse zugute 
kommen. Immer wieder brachte er kostbare und 
seltene Trachtenstücke; die ganze Trachtensamm 
lung des Museums, dem er aus innerster Nei 
gung sich zugehörig betrachtete, bestimmte und 
lnventaristerte er in selbloser TOeise. Auf das 
gewissenhafteste und genaueste nahm er die Be 
schriftungen vor — eben auf Grund der Proto 
kolle, die er bei den Bauern selbst aufgenommen 
hatte. Unser Bild zeigt ihn, wie er noch im Juli 
1934 in Römershausen bei Gladenbach eine alte 
Bäuerin ansfragt. Daß er nun die Zusammen 
stellung der Trachtenstücke, mit der im Mar- 
burger Museum in Kürze begonnen werden soll, 
nicht mehr selbst bewerkstelligen kann, wie er eö 
sich so sehr gewünscht hatte, ist ein unersetzlicher 
Verlust. 
Von den mannigfachen Begebenheiten und Er 
lebnissen bei seinen Forschungs- und Einkaufsfahr-
        

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