Full text: Hessenland (46.1935)

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Die Anlage 
des hessischen Dorfes. 
Von Oberregierungs- und -baurat Dr.-Jng. G e ß n e r , 
Geschäftsführer des Landesplannngsverbandes Kassel. 
Wo die Eder nach Aufnahme der Schwalm 
ihren Lauf nach Norden wendet, um sich in die 
Fulda zu ergießen, ragt am Ostrand des Tales, 
von alten Erinnerungen träumend, der stumpfe 
Kegel des Heiligenbergs empor, weit hinaus- 
jchauend in den Chattengan, der heute die nieder 
hessische Senke genannt wird. 
Da liegen die alten Götterberge, dem Wodan 
und dem Donar geweiht, da liegt in ihrem Schutze 
Nsaden, das alte Ntathanon mit dem Gau 
gericht auf der Minder Heide, da liegt die frühere 
Hauptstadt Gudensberg, da liegt Metze, das alte 
Mattium, der Fest- und Opferplatz, auf dem im 
Jahre 15 n. Chr. Germaniens die Chatten über 
fiel, im Westen die Türme von Fritzlar, dem alten 
Frioislar, wo Winfried die Donar-Eiche fällte, 
und im Norden vor den Höhen des Reinhavds- 
waldes die neue Hauptstadt Kassel: es ist das 
Kernland hessischer Siedlung, das 
hier, eingebettet in die hessischen Berge, der Blick 
umspannt. 
Von hier stießen die Chatten vor nach Westen 
zur Lahn nach Oberhessen und Marburg, nach 
Norden zur Diemel nach der Warburger Börde, 
nach Osten zur Werra nach dem Ringgau und 
nach Süden zur oberen Fulda nach Heröfeld und 
Fulda und über den Distelrasen hinaus zur 
Kinzig. ^ 
Sie siedelten im Tal und beteten auf den be 
waldeten Höhen zu ihren Göttern. 
Das freie Bauerndorf wurde durch die 
Dorfgemeinschaft gegründet, die aus einer großen 
Familie oder mehreren versippten Familien be 
stand. Acker, Wiese und Wald bilden die 
Nt a r k und gehören ursprünglich als ungeteilter 
Besitz der Dorfgemeinschaft. Das liegende Gut 
klbb. 1. „Fränkischer Hof" in Ebsdorf Eigene Aufnahme 
ist Gemeingut; was die Fackel verzehrt, die „Fahr 
nis", ist persönliches Eigentum. Dazu gehört bas 
hölzerne Haus. Der Ackerboden wurde nach Lage 
und Beschaffenheit in verschiedene „Gewanne" ge 
teilt. Jeder Hofbesitzer erhielt in jedem Gewann 
ein Stück zugewiesen. Diese Anteile bildeten zu 
sammen die Hufe von 20—40 Morgen Größe. 
Die Bestellung geschah gleichmäßig im Flur- 
zwang. Daher konnten Wege zwischen den ein 
zelnen Anteilen entbehrt werden. Als jedoch später 
auch der Acker persönlicher Besitz wurde, machte 
die über die Gewanne verstreute Lage der Teil 
stücke sich störend bemerkbar. Wald und Wiese 
aber blieben im Gemeinbesitz als Allmende noch 
lange erhalten. „Dem Hirten liegt an der ganz- 
heit des landeigenthnms, dem bauer an der ver- 
theilung, der Wald weicht dem acker, das vieh dem 
getreide", sagt Jacob Grimm x ). 
In seinen „Ansiedlungen und Wanderungen 
oeutscher Stämme" 1 2 ) hat Bvilhelm Arnold eine 
umfassende Ortsnamenforschung gegeben, die in 
den Hauptzügen ihrer wichtigen geschichtlichen Er 
gebnisse wohl heute noch durchaus zu Recht be 
steht. Die meisten Flußnamen, sowie einzelne Na 
men von Bergen und Ortschaften weisen auf die 
Kelten hin, die ein paar Jahrhunderte vor Christus 
das Land den Chatten räumten. Von da an unter 
scheidet Arnold nach den Ortsnamen drei Haupt 
abschnitte. In der chattischen Urzeit bis 400 
n. Chr. werden in loser Verknüpfung mit dem 
Boden, bei der die Weidewirtschaft überwiegt, die 
offenen Niederungen der Eder, Fulda, Diemel, 
der Schwalm, der Sinn und der Kinzig besiedelt. 
Die zahlreichen Ortsnamen ans dieser Zeit sind 
einfach und endigen, soweit sie nicht späterhin ab 
geschliffen oder verstümmelt worden sind, auf die in 
der weiteren Entwicklung der Sprache verloren 
gegangenen Silben affa, aha, lar, loh, mar, tar. 
Es folgt der Ausbau im Stammlande vom 
5. bis zum 8. Jahrhundert, die Zeit, in der die 
Herrschaft der Franken im Lande Fuß faßt. Sie 
kommen zunächst als Bundesgenossen, dann als 
Herren und unter ihrem Schutze erfolgt im 
8. Jahrhundert die Bekehrung der Chatten zum 
römischen Christentum, die Begründung der Klö 
ster Amöneburg, Heröfeld und Fulda. Die Be 
siedlung des Landes wird dichter, neue Dörfer wer 
den in die Feldmark hineingebaut, man beginnt 
1) Deutsche Rechtsaltertümer. 
2) Marburg 1875.
	        

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