Full text: Hessenland (46.1935)

solutismus mehr und mehr befestigen sollten 
und die darauf erfolgte Regierungs-Veränderung 
und Thron-Besteigung von Phil. Ludwig eintraf, 
machte solche durch ganz Deutschland ja durch 
ganz Europa den lebhaftesten Eindruck, und ver 
ursachte, daß allenthalben ein Streben für befsere 
Anerkennung der Menschen-Rechte bei allen civi- 
lifierten Völkern rege geworden, — damit der so 
erduldeten Willkür von Seiten der Fürsten ein 
Ende gesetzt würde. 
Auch in unserer sonst so friedlichen Stadt 
Hanau regte fich dieser Geist und alles wünschte 
Gesetze zu erhalten, welche gleich verbindlich für 
Volk als auch für den Fürsten seyen. 
Die Bürgerschaft sammelte deshalb zahlreiche 
Unterschriften des Inhaltes, daß man von dem 
Fürsten ein Grundgesetz verlangen sollte, welches 
den Zeit-Verhältnissen angemessen die Rechte des 
Volkes feststellen und jeder Willkür Grenzen 
setzen würde. 
Dieses Gesuch wurde am 14. Sept. dem Ma 
gistrat der Stadt eingereicht und in Folge dessen 
eine Deputation aus 4 Mitgliedern erwählt, die 
die desfallfige Vorstellung an den Kurfürsten brin 
gen und den Inhalt nach allen Kräften befördern 
sollte. 
Zu dieser Deputation ward gewählt: Herren 
I. D. Walther, I. D. Toussaint, Böhm und 
meine Wenigkeit. Wir reisten am 15. Sept. 
1830 nach 10 Uhr abends von hier ab — und 
fuhren über Fuld u. Hirschfeld (sic!) allwo wir 
den Magistrat zu gleichen Schritten bereit fan 
den, u. kamen am 17. früh Morgens in Cafsel an. 
Mehrere Tage vorher hatten in 
dessen auch in Eassel bereits tu 
multartige Auftritte in derselben 
Absicht statt ge funden, nämlich 
eine land ständische Verfassung von 
dem Fürsten zu verlangen, welche 
derselbe auch nolens volens am 
13. Sept. M orgens dem M a g i st r a t 
bei eicker außerordentlichen ver 
sammelten V0lk-M" enge auf dem 
Friedrichsplatz versprach, und somit 
sich der Tumult in den lautesten Jubel ver 
wandelte. 
Unser Gesuch, nämlich den Provinzen Hanan 
und Fuld gleichmäßig diese ^Wohltat zu erthei 
len, wurde erst am 21. genehmigt und am 22. 
konnten wir erst die desfallsige Urkunde ausgefer 
tigt erhalten, worauf die Deputation am 23. 
morgens die Rückreise antrat und am 24. abends 
7 Uhr in Hanau ankam. 
Wir begaben uns sogleich auf das Rathaus, 
um Rechenschaft von unserer Sendung abzulegen, 
erfuhren aber zugleich, daß die ganze Bevölkerung 
in der größten Gärung wegen unseres langen 
Ausbleiben war. — Kaum waren 5 Minuten 
verstrichen, als sich auch der Martkplatz mit 
Menschen gefüllt hatte. Herr Bürgermeister 
Eberhard mußte mehrmalen der versammelten 
Menge die vom Fürsten eigenhändig vollzogene 
Willfahrung unserer Bitte verlesen, worauf auch 
die Bürgerschaft hinsichtlich unserer Mission ihre 
Zufriedenheit äußerte. 
Wiegen der im Jahr 1824 auferlegten außer 
ordentlichen Lasten, namentlich der sogenannten 
Mauth oder Lizent-Erhebung hatte fich der Un 
wille schon seit lange geäußert. Der freie Ver 
kehr ward durch die dadurch erzeugte Sperrung 
der Zolllinien so erschwert, daß unsere Fabriken 
beinah gänzlich aufhören mußten und deshalb 
Nahrnngslofigkeit und Armut der unteren Elaste 
vermehrt wurde. 
Da diese so drückende, sonst nie gekannte An 
stalt eine von denjenigen war, die gegen alles 
Recht und gegen alle Remonstration mithin ge 
waltsam und willkürlich mit Hintansetzung des 
mit der Stadt bestehenden Vertrages eingeführt 
war, so war eö jetzo der Ausbruch einer nach lan 
ger Knechtschaft wieder frei atmenden Menge, 
die nunmehr dieses so allgemein verhaßte Institut 
ebenfalls gewaltsamerweise wieder aufheben 
wollte. Dieses geschah noch am nämlichen Abend 
unserer Rückkehr am 24. September 1830 gegen 
9 Uhr, wo die Menge nach der Stadtwaage 
zog, wo das Haupt-Bureaux sich befand. — In 
wenigen Minuten ward eine völlige Zerstörung 
aller Acten und Meubel vorgenommen und vor 
dem Hanse damit ein Autotaphium gehalten. Zu 
bemerken ist dabei, daß die Garnison stille Zu 
schauerin verblieben ist, wodurch dieser jedenfalls 
ungesetzliche Act, auf welchen leider noch so viele 
andere gefolgt find u. wovon unsere Nmchkom- 
men noch lange erzählen werden, vollzogen wer 
den konnte. 
125 Jahre Hensthel & Sohn, Kassel. Br»°° 
Europas größte Lokomotivfabrik, die in Kassel die Feier des 123jährigen Bestehens, bei welcher 
beheimatete Maschinenfabrik H e n s ch e l & Gelegenheit die größte, bislang in Europa über- 
S 0 h n A.G., beging am 28. September d. I. Haupt gebaute Lokomotive, eine Maschine für 
183
        

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