Full text: Hessenland (46.1935)

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seinen Grund, daß die Vervielfältigung in der 
Regel durch Schreiber und Kopisten erfolgte, was 
den Ilmfang der Auflage aus finanziellen Grün 
den beschränkte. Im übrigen hatten aber auch die 
solchergestalt öffentlich Geschmähten ein nahelie 
gendes Interesse, diese sie auf das peinlichste be 
rührenden Schriftstücke möglichst restlos in ihren 
Besitz zu bekommen, um sie zu vernichten. 
Im Jahre 1577 ergingen wirksame reichsgesetz- 
liche Verbote gegen diese Art der Epistolographie, 
die längst als ein Mißbrauch der Publizität er 
kannt worden war. 
„Wer nicht liebt die Katz ..." 
Aufgezeichnet in Eitelborn, Ilnterwesterwald, von Johanna Arndt. 
(Der Volksmund und die Katze.) 
Ein heiliges Tier war die Katze unsern ger 
manischen Vorfahren wie den Ägyptern, bei denen 
sie wohl das heiligste unter den vielen als göttlich 
verehrten Tieren war. Ob nur aus Gründen der 
Nützlichkeit — Ratten- und Mauseplage — ist 
nicht sicher zu sagen. Der andere und tiefere Grund 
ist wahrscheinlich der, daß die Katze wie kein an 
deres Tier „ein wandelndes Geheimnis" ist. Von 
allen Haustieren ist fie allein ein Stück unver 
fälschter Natur geblieben; nnbeeinflußbar, voller 
Selbstbestimmungsdrang und unabhängig vom 
Menschen. Dazu kommt ihre körperliche Schön 
heit und anmutige Gewandtheit, die sorgfältige, 
fast zärtliche Pflege ihres Körpers; ihr fremder, 
rätselvoller Blick; ihr nnhörbarer Gang; ihre 
Stummheit und Trägheit am Tage, ihre Raub 
züge und Liebeöfahrten und die unheimlich wilde 
Stimme zur Nachtzeit. So konnte sie einerseits 
als heiliges Tier Verehrung genießen und später 
im Mittelalter entgegengesetzt das unheilige Tier 
des Teufels und Genossin der Hexen werden, wie 
sie im Aberglauben vielfältig heute noch ge 
spenstisch fortlebt. 
Von diesen beiden Seiten der Betrachtung aus 
gesehen zeigt sie das Volksmärchen. Da 
hat fie oft den gespenstigen, unheimlichen Zug, 
„blickt wild mit ihren feurigen Augen und schreit 
greulich". (Ein Beispiel ist das „Märchen von 
einem, der auszog, das Fürchten zu lernen".) In 
anderen NIarchen tritt fie als dem Menschen 
freundliche und hilfreiche Gestalt auf. („Das 
Kätzchen mit den Stricknadeln", „Der gestiefelte 
Kater", „Der arme Müllersbursch und das 
Kätzchen".) Aber auch ohne wunderbare Züge, 
ganz einfach als „Frau Katz von Kehrewitz" ist 
sie vielfältig im Märchen zu finden, („Katze und 
Nraus in Gesellschaft", „Die Bremer Stadt- 
mnsikanten", „Die Hochzeit der Frau Füchsin"). 
Auch im alten Volksbuch spielt sie ihre 
Rolle. Da heißt in der „wunderseltsamen Hi 
storie von den Schildbürgern" (1598) das letzte 
Kapitel „Wie die Schildbiirger einen Maus- 
hnnd und hiermit ihr endliches Verderben kau 
fen": Des Maushnnds wegen verbrannte ganz 
Schilda bis auf ein Haus, „und kam gleichwohl 
die Katz davon". 
Unbekannt und gefürchtet wie seinerzeit in 
Schilda ist der „Maushund" bei uns nicht; zu 
mal auf dem Lande hat jedes Hans feine Katze, 
die als unentbehrliche Mäusejägerin — denn sie 
„lebt mit Eifer dem Beruf der Mänsetötung", 
geschützt und gepflegt wird. Und diese Schätzung 
verrät sich in mancher volkstümlichen Re 
densart und im S p r i ch w or t. „Die Katze 
im die Frau gehöre ins Haus", und jeder weiß: 
„TLenn die Katz fort is, danze die Ntäns off m 
Disch rim". Ihrer Tüchtigkeit im Mänsefang 
znlieb sieht man ihr die gelegentlichen Räubereien 
in der Vorratskammer und ihr Gelüste nach dem 
süßen Rahm nach: „Katze, die net schnaufe 
(naschen), dun auch net mause (Mäuse fangen)." 
Wohlgenährt, mit dichtem glänzendem Fell — 
„so fett, dat se glitzert" — möcht jeder seine Katze 
haben, denn: „En schöne Katz ziert'ö ganze Haus". 
Und man glaubt, daß die Vernachlässigung der 
Katze sich straft; wenn'ö an einem Hochzeitstage 
regnet, heißt es halb scherz-, halb ernsthaft: „Die 
Braut hot die Katz net gut gefirert (gefüttert)!" 
Dem Katzenfeind traut man auch in anderen Be 
ziehungen nicht viel Herz zu: „Wer nicht liebt die 
Katz, liebt auch nicht sein' Schatz". 
Bis zu einem gewissen Grade bewahrt die Katze 
immer ihre Selbständigkeit. Wenn sie aber 
„mehr am Hanse hängt als am Menschen", so 
ist es nicht ihre Schuld; denn bei verständnisvoller 
Behandlung ist sie sehr erziehungsfähig, zärtlich, 
anhänglich und treu. Das Hochdeutsche Wort 
von den „Katzen, die vorne lecken und hinten 
kratzen", — der Ausdruck „falsch wie eine Katze", 
„katzenfreundlich" sind nicht berechtigt und werven 
korrigiert durch ein anderes Wort: „Die Katze 
nur kratzt, wenn man sie tratzt (neckt, quält)". 
Ihre feinen Nerven und ihr starkes Freiheitsge 
fühl vertragen keine plumpe Neckerei und ver 
ständnislose Ouälerei; sie wehrt sich dagegen, und
        

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