Full text: Hessenland (46.1935)

Johann den Loewenstein seiner Betrachtung und 
seinem Jngrim über den wortbrüchigen Fürsten in 
folgenden leidenschaftlichen Worten Ausdruck: 
„Allen Menschen geistlichen und weltlichen 
Standes sei zu wissen, daß der hochgeborene Fürst 
Herr Ludwig, Landgraf zu Hessen, mir Johann 
von Loewenstein keinerlei Schriften zugesandt 
oder überhaupt eine Klage gegen mich erhoben 
hat, mir ein ehrenvolles Geleit versagt und es 
nicht gewagt hat, rechtmäßig mit mir zu ragen; 
so will ich, da ich ihm die Entscheidung geboten 
habe, vor meine gnädige Herren die Kurfürsten, 
vor etliche Grafen, Ritterschaft, oder vor den 
Rat zu Frankfurt gehen. Denn ich meine: der 
Wind, der von Judas ausging, als er sich er- 
henkte, habe ihm vor seinen Ohren und Augen 
geblasen, daß er seine Ehre weder sieht noch hört. 
Er gedachte billig seines frommen Alters und 
seiner fürstlichen Ehre und ließ mir widerfahren, 
was er und die Seinen mir in unverschuldeter 
Sache getan haben in seinem Geleit wider Gott, 
Ehre und Recht: zu der Zeit, als ich in gutem 
Glauben unter Zuficherung des Geleites in sein 
Schloß geladen wurde, an einem Essen teilzu 
nehmen. Darum soll man ihn hier schändlich mit 
seinem Wappen gemalt hängen lassen, solang 
bis er mir Buße geleistet hat nach Erkenntnis 
frommer Leute, was er und die Seinen mir an 
unverschuldeten Dingen zugefügt haben, nach 
vorgeschriebenem Maß, nnd bitten alle, die vor 
beigehen und die ihn gemalt hängen sehen, nm 
die Wohltat, daß sie ihn hängen lassen; er wolle 
es mir denn zuschreiben, seiner mächtig zu sein, 
daß er mit mir zu gleichem ungefährlichen Tage 
zusammenkommen solle, zur Entscheidung über die 
Ehre seines Geleites oder über das Recht. Gege 
ben unter meinem Siegel auf den Dienstag vor 
unser lieben Frau Geburtstag anno 1438". 
Ist Ton und Inhalt dieses Scheltbriefes schon 
im höchsten Grade beleidigend, so wird der An 
griff auf die Ehre des Landgrafen noch verstärkt 
durch das dem Schreiben folgende Schand- 
gemälde. Auf ihm steht man den Landgrafen an 
den Galgen gehenkt, und zwar mit dem Kopf 
nach unten. Damit wird diesem Fürsten der 
schimpfliche Tod durch den Strang gewünscht, 
und zwar in einer besonders grausamen Art. 
Doch hiermit ist das Rachegefühl des Gekränkten 
noch nicht befriedigt. Denn neben dem Landgra 
fen steht man das Wappenschild seiner Familie 
an den Galgen gehenkt, und zwar ebenfalls um 
gekehrt, womit symbolisch zum Ausdruck ge 
bracht werden soll, daß seinem gesamten Ge 
schlechte ein schimpflicher Untergang gewünscht 
wird. 
Solche Scheltbriefe find für die Erkenntnis 
der Kultur des Mättelalters von großer Bedeu 
tung. Sie zeigen uns den mittelalterlichen 8lUen- 
schen von einer ganz anderen Seite, als wir ihn 
uns nach den Frömmigkeit atmenden Skulpturen 
der Grabsteine in den Kirchen vorzustellen ge 
neigt sind. Man muß sich dabei erinnern, wie 
im Mittelalter verfeindete Fürsten und Ritter 
vor Beginn des Kampfes, ähnlich wie die home 
rischen Helden, einander mit Hohn- und Schimpf 
worten auf das äußerste zu reizen pflegten; — 
läßt doch auch der genaue Kenner der mittelalter 
lichen Sitten des Rittertums, Tasto, den zum 
Zweikampf mit Argant erscheinenden Tancred 
seinem Gegner beleidigende Worte („elende 
Seele", „in welchen Räuberhaufen hast Du Dich 
versucht") zurufen. (Das befreite Jerusalem 
6,37)- 
Da die Scheltbriefe für die breiteste Oeffent- 
lichkeit bestimmt waren, wurden sie, in zahlrei 
chen Stücken hergestellt, überall da zum Aus 
hang gebracht, wo ein besonders lebhafter Ver 
kehr stattfand, z. B. an Rathäusern, Prangern 
oder Kirchentüren. Daß uns nur wenige solcher 
Briefe erhalten geblieben find, hat offenbar darin 
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