Full text: Hessenland (46.1935)

168 
spiele werden gezeigt haben, daß unter Zugrunde 
legung eines weiteren Wüstungsbegriffes sich für 
die Deutung der Duellen neue Perspektiven er 
geben. 
Ähnlich wie Landau einst zur Sammlung 
aller vorhandenen Nachrichten über Wüstungen 
aufrief, soll heute der Ruf von neuem in alle Teile 
des hessischen Landes ergehen, den gleichen Fragen 
komplex, der sich um das Werden und Wesen der 
Wüstungen rankt, wieder aufzugreifen. Eine 
große Anzahl von Fragen find dabei zu lösen, und 
zwar nicht nur die nach den Ursachen der Wüstun 
gen, über die hier garnicht gesprochen worden ist, 
sondern vor allem jene Fragen, die sich unmittel 
bar und durch eingehende Kenntnis der alten Ört 
lichkeiten und ihrer Geschichte beantworten lassen, 
wie es an einigen Beispielen näher zu erläutern 
versucht wurde. Von weiteren wichtigen Fragen 
seien nur die nach dem Verbleib der Feldmark und 
der Bewohner der wüstgewordenen Dörfer ge- 
Schulbeispiel eines Grabhügels 
Unser Bild zeigt den Ouerschnitt und Südteil 
eines Grabhügels der sogenannten Urnenfelderzeit, 
den das Ntarburger Vorgeschichtliche Seminar 
in Distrikt 55 des Staatsforstes Mnrbnrg im 
Sommer 1935 freilegte. Der Hügel, heute wie 
der in ehemaliger Form aufgeschüttet, ist um 
looo v. Chr. errichtet. Inmitten einer gesäuber 
ten und verebneten Fläche (i) wurde eine Grube 
von Z5 Zentimeter Tiefe ausgehoben, in die man 
die Uxne (6) einbettete. Von den stehenden Stein 
plättchen, mit denen die Grubenwand ausgefüttert 
wurde, ist links der Urne noch eines zu erkennen. 
Die Urne selbst barg außer der Äsche des ver 
brannten Toten sieben kleine Beigefäße, Tassen 
und Schälchen. Ein weiteres Beigefäß ist auf dem 
Bilde zwischen Wandstein und Urne zu sehen. 
Den Verschluß des Äschengefäßeö bildete eine 
größere Schüssel. Nach Zuschüttung mit Sand 
umbaute man den engeren Grabplaß mit einem 
Kranz größerer Steine (3), dessen dem Be 
schauer zugewendeter Teil auf unserem Bild ent 
fernt ist, um den Blick in die Grabtiefe freizu 
geben. Einige starke plattige Blöcke, wagrecht auf 
gelegt, ergaben die Decke dieser mittleren Anlage. 
In weitem Kreis von 10 Meter Durchmesser 
wurde nun ein äußerer Kranz (2) zum Teil sehr 
ansehnlicher Steinbrocken aufgehäuft, der, ur- 
nannt, die sich oft aus Flurnamen und heute noch 
gebräuchlichen Bezeichnungen für bestimmte Orts 
teile ermitteln lassen. Manche Wüstungsgemein 
den haben sogar ihre Selbständigkeit als rechtliche 
Körperschaft, als Sondergemeinden, bis in das 
vorige Jahrhundert hinein bewahrt. Nicht in 
jedem Fall, der zu solchen und ähnlichen Fragen 
anregt, wird jedoch eine befriedigende Lösung 
immer gleich möglich sein, aber auch gerade die 
ungelösten Probleme aufzuzeigen, ist wichtig. Die 
Schriftleitung des „Heffenland" nimmt Beiträge 
jeder Art über diesen Gegenstand entgegen und 
wird von Zeit zu Zeit in zusammenfassenden Ver 
öffentlichungen Bericht erstatten. Jede Mrt- 
teilnng und Beobachtung über eine einzelne Wü 
stung ist ein Baustein zur Schaffung einer hessi 
schen Wüstungskunde, die zum Fundament einer 
wissenschaftlichen Siedlungskunde gehört und mit 
dieser zusammen der Lösung heimatwifsenschaft- 
licher Fragen überhaupt dienen will. 
mit Urnengrab. 
Von Gero von Nt erhärt. 
sprünglich von außen sichtbar, die Erdaufschüt 
tung (5) des Hügels zusammenzuhalten und zu 
gleich die Friedung des Grabplatzes zu bilden 
hatte. Als die Aufschüttung bis zur Höhe der 
beiden Steinkränze gediehen war, übermantelte 
man den gesamten Bau mit einer unregelmäßigen 
Schicht kleinerer Steine (4), um endlich die Hü 
gelwölbung mit reiner Erde zu vollenden. Die 
Meßlatte in der Bildmitte liegt auf dem zur 
Zeit der Ausgrabung höchsten Punkt des Hügels, 
doch hat mau im Auge zu behalten, daß die ur 
sprüngliche Höhe etwas größer war, da im Laufe 
der Jahrtausende die deckende Erde nach allen 
Seiten abfloß, wobei der äußere Steinkranz ver 
schüttet wurde und der Hügel au Stattlichkeit 
verlor. Grabhügel mit Urnenbestattung find eine 
Besonderheit der Marburger Gegend. Brauch 
der Urnenfelderleute war, ihre Toten in Gruben 
beizusetzen, deren Lage nur durch kleine Erdhäuf 
chen bezeichnet ward, etwa so, wie unsere heutigen 
Gräber nur eben mit der bei Anlage des Grabes 
ausgehobenen Erde überschüttet werden. Die äl 
tere Bevölkerung der reinen Bronzezeit dagegen 
bettete ihre — unverbrannten — Toten auf ebe 
ner Erde und errichtete über dem Grab stattliche 
Hügel mit Steinbauten, wozu sehr erhebliche 
Ntafsen von Steinen und Erde zusammengetra-
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.