Full text: Hessenland (46.1935)

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und können damit dem Nachweis von partiellen 
Ortöwüstungen dienen. Beispiele sind der Görz- 
häuser Hof bei Michelbach und der Hof Radenhau 
sen bei Amöneburg. Landau hat eine Anzahl 
von ihnen bereits zu seinen Wüstungen gerechnet, 
wobei er sich allein auf diese Änderung der Sied 
lungsbezeichnung beruft; streng genommen ist ein 
solches Verfahren erst heute gerechtfertigt. 
Unter Verkennung des partiellen Wüstungs- 
charakters find aber andererseits historische Anga 
ben, die von dem zeitweiligen Wüstliegen heuti 
ger Dörfer im ausgehenden Nkrttelalter berichten, 
unter Zugrundelegung der bisherigen Auffassung 
des Wüstenbegriffes falsch gedeutet worden, da 
diese urkundlichen Erwähnungen zwangsläufig 
mit „unbewohnt" oder „von den Bewohnern völ 
lig verlassen" gleichgesetzt worden sind. Rückschlüsse 
von diesem Ausmaß sind jedoch übereilt und hal 
ten einer kritischen Nachprüfung meist nicht 
stand. Wenn z. B. Steindorf im Knüll 1537 
als Wüstung und 1583 als Hof angeführt wird, 
dann ist der Schluß, daß dort zu dem letzge 
nannten Zeitpunkt „wieder" ein Hof war 15 ) 
nicht berechtigt, denn es läßt sich auch für 1537 
nachweisen, daß dieser Wohnplatz nicht gänzlich 
aufgegeben war, da „Cuntz freundt" aus der auf 
der Wüstung vorhandenen Ntühle zinst 16 17 18 ). Die 
Bezeichnung Wüstung verschwand erst, wenn die 
unbesetzten Güter wieder voll besetzt waren, wie 
im Fall des Dorfes Hauptschwenda im Knüll. 
Dieses wird 1506 noch als wüst genannt^), 
1342 lassen sich dort dann 12 Bauern nachwei 
sen ls ), und als 1556 anläßlich eines Grenzstrei 
tes zwischen Hessen und Dörnberg das oberaulische 
Weistum ans dem Fahre 1419 revidiert wird, 
heißt eö 19 ): „Heintzfchwende diese Wustennnge, 
Nota 1356 ist item ein Dorf". Fand aber nur 
eine teilweise Neubesetzung statt, dann erhielt sich 
auch oft die Bezeichnung Wüstung 20 ). So wird 
beispielsweise im Jahre 1732 noch den 8 Be 
bauern des Hofes Rückersfeld, der Restsiedlung 
eines früheren Dorfes, ihr Landstedelbrief für die 
„Wüstung" Rückersfeld erneuert 21 ). 
13) R cimer, H. Hist. Ortslexikon S. 4.56. 
16) StAM. Hornberger Salbuch von 1337. 
17) Reimer, H. Hist. Ortslexikon S. 212. 
18) StAM. Türkensteuerrechnung des Gerichts 
Oberaula. 
ig) StAM. Ortsreposttur Oberanla. 
20) Diese Tatsache erklärt auch die Feststellung 
Landaus (Wüstungen S. 391), daß ein neuange- 
bautes Dorf, „ungeachtet des Neubaus, auch noch 
langchin die Bezeichnung einer Wüstung behielt und 
sonderbar genug oft sogar eine neue Wüstung genannt 
wird". 
21) StAM. Kammerarchio XI, Generalia: Land- 
stedelbriefe. 
Als partielle Ortswüstungen sind aber nicht 
nur die Relikte der bäuerlichen Gehöfte anzu 
sehen, hierher gehören vielmehr auch die große An 
zahl von Wüstungskirchen, deren Schicksal nach 
dem Abwandern der Bewohner ein ganz verschie 
denes gewesen ist. In den Fällen, wo ein Kirch 
dorf wüst wurde und nur die Kirche als Rest 
siedlung auf der ehemaligen Dorfstätte erhalten 
blieb, entstand ein Siedlungöbild, das in seiner 
Eigenart charakteristisch für die Wüstungsperiode 
des ausgehenden Nkittelalters ist: „Wo sich 
früher menschliche Wohnungen um eine Kirche 
geschmiegt hatten, stand jetzt ein einsames Gottes 
haus und daneben nur mehr ein Pfarrhaus und 
eine Küsterwohnung auf der verlassenen Stätte. 
In nicht wenigen Fällen haben auch die Pfarrer 
das wüste Dorf verlassen, besonders bei geordneter 
Abwanderung der Bevölkerung, und in einem 
zur Pfarrkirche gehörigen Dorf Wohnung ge 
nommen" 22 ). Wohl nur selten verlegte man die 
Kirche selbst nach dem Wüstwerden des Dor 
fes 23 ); die Kirchen auf den Wüstungen verfie 
len meist und wurden dann in gleicher Weise wie 
viele verfallene Burgen als bequem zu nutzende 
Steinbrüche ausgebeutet. NTanche Wüstungs 
kirchen haben jedoch auch weiterhin ihrer religiö 
sen Zweckbestimmung gedient und sind in vielen 
Fällen sogar noch heute in Benutzung wie z. B. 
die Kirche der Wüstung Oberrode, die noch jetzt 
den Gemeinden Niederbreitenbach und Liederbach 
zum Gottesdienst dient 24 ). 
Wieder andere Wüstungskirchen sind im Laufe 
der Zeit zu einer eigentümlichen Bedeutung ge 
langt, sie wurden zu besuchten Wallfahrtskirchen. 
L a p p e 25 * ) steht die Ursache hierfür darin, daß 
im Volk das Verständnis für den Ursprung und 
die Bedeutung dieser alleinstehenden Kirchen ge 
schwunden war, und daß sich der Glaube verbrei 
tete, der Besuch dieser Orte wäre mit der Er 
langung besonderer Gnaden verknüpft. Abge 
sehen von diesen religiösen Auswirkungen ist da 
durch das Schicksal des zugehörigen Dorfes viel 
leicht auch einmal gewandelt worden, wie wir es 
für das Dorf Hauptschwenda vermuten dür 
fen 2 Z. Zu der dortigen Kapelle der heiligen 
22) Lappe, I. Kirchen auf Wüstungen. Zeit 
schrift d. Saoignystftg. f. Rechtsgesch. Bd. 34. Kanon 
Abtlg. III, (1913) S. 165. 
23) Landau, G. Wüstungen S. 103 gibt dies 
für die Kirche der Ortswüstung Breitingcn bei Roten 
burg a. d. Fulda an. 
24) Landau, G. Wüstungen S. 261. 
23) Lappe, I. Kirchen auf Wüstungen, S. 207. 
26) Vgl. S ch a r l a u, K. Wüstungskirchen im 
Knüllgebirge, (in: Der Knüllgebirgsbote 1932, Nr. 4 ; 
*933, Rr. i.)
        

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