Full text: Hessenland (46.1935)

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Auffassung über die Wüstungserscheinungen die 
nen. 
partielle I I partielle 
totale y y totale 
OrtSwüstung Flurwüstung 
Totale Wüstung 
Orts- und Flurwüstung bedingen sich in ge 
wisser Weise wohl gegenseitig, sie stehen aber in 
keiner direkten Abhängigkeit voneinander, die mit 
der Entstehung des einen Typus nun auch zwangs 
läufig die Bildung des anderen verursacht. Die 
Tatsache eines immer wieder feststellbaren Konser 
vativismus, der sich gerade in den SiedlnngSwerken 
des Menschen äußert, das Festhalten an der zäh 
erarbeiteten Scholle, muß uns davor bewahren, 
das Wüstungsschema allzu „schematisch", als eine 
gesetzmäßige Entwicklungsfolge, zu betrachten. 
Die Ursachen der Wüstungen sind vielgestaltig, 
und je nach dem besonderen Charakter des Wü- 
stungövorganges find daher die im Landschafts 
bild sichtbaren Auswirkungen verschieden. Ge 
meinsam ist ihnen allen aber eine Veränderung 
deö Siedlnngsbildes im negativen Sinn, deren 
partielles oder totales Stadium für einen durch 
die geschichtliche Überlieferung gegebenen Zeit 
punkt uns die ausgestellten Wiistnngstypen zu er 
mitteln gestatten. 
Der Vorteil dieser neuen Wüstungsnomenkla 
tur scheint mir vor allem aber darin zu liegen, 
daß mit der folgerichtigen Auflockerung und Er 
weiterung des bisherigen Wüstungsbegriffes un 
ter Zugrundelegung der quellenmäßigen Bezeich 
nungsweise die Mannigfaltigkeit der Wüstungs 
erscheinungen besser erfaßt werden kann. Die 
Deutung des Begriffes „wüst — unbesetzt" lehrt 
uns, daß durch eine Verminderung der bewohn 
ten Hof- und Hausstellen auch eine Verringe 
rung der Bewohnerzahl einer Siedlung vorliegt 
und weist uns damit auf die Bedeutung des ur 
sächlichen Zusammenhangs hin, der zwischen Wü 
stungserscheinungen und Bevölkerungsverhält 
nissen besteht. Die bereits angeführte Tatsache, 
daß die Entsiedlung, sei es für eine einzelne Sied 
lung oder für deren Gesamtheit innerhalb eines 
Gebietes, ja durchaus nicht immer das Endsta 
dium deö Wüstungsvorganges, die totale Wü 
stung, zu erreichen braucht und in einer Vielzahl 
der Fälle auch garnicht erreicht hat, zeigt, daß 
das Hauptproblem in der Aufzeigung der partiel 
len Wüstungserfcheinnngen sowohl für den 
Wohnplatz als auch für die Flur liegt. Weiter 
ergibt sich vom Standpunkt einer entwicklungs 
geschichtlichen Auffassung der WüstungSerschei- 
nungen, daß die bisher geforderte Beschränkung 
auf den Typus der Ortöwüstung eine Einen 
gung des Wüstungsbegriffes auf einen Sondec- 
fall darstellt. Der Begriffsumfang der Wü 
stungsdefinition muß aber folgerichtig auf alle die 
jenigen einmal vorhandenen Siedlungswerke des 
Menschen ausgedehnt werden, die zum Bestand 
eines früheren Siedlnngsbildes gehört haben. 
Diese Wertung muß maßgebend sein, denn die 
Wüstungsforschung kann sich nicht darin er 
schöpfen, sämtliche historischen Wüstungsbelege zu 
sammeln und ihre alte Örtlichkeit im Gelände 
möglichst genau festzustellen suchen, sondern sie 
muß in erster Linie den Zweck verfolgen, die Re 
konstruktion des Siedlnngsbildes einer Landschaft 
für einen früheren Zeitraum durchzuführen. Die 
Mehrdeutigkeit in der Auffassung des bisherigen 
Wüstungsbegrifses und die Unstimmigkeiten in 
seiner Anwendung sind die Folge davon, daß inan 
die Wüstungserscheinungen fast ausschließlich von 
den Gegenwartöverhältnifsen aus betrachtete, wäh 
rend aber doch ihre Bewertung aus den zeitge 
schichtlich bedingten Umständen früherer Sied- 
lungöverhältnifse erfolgen muß. Ihre zweifellos 
einstmals vorhandene und nicht ihre in der Folge 
zeit bis zur Gegenwart geschwundene Bedeutung 
muß daher der Betrachtung zu Grunde gelegt 
werden. 
Erst dann ergibt sich die Berechtigung, heutige 
Einzelfiedlungen, wie Höfe, Mühlen und dergl., 
wenn sie Rest- oder Zeugenfiedlung von einstigen 
Dörfern find, zu den Wüstungen zu zählen: sie 
find im Sinne der hier entwickelten Auffassung 
partielle Ortöwüstungen. Erst wenn diese dann 
eingehen und damit der Wohnplatz der Sied 
lung „völlig vom Erdboden verschwunden" ist, 
entsteht mit diesem Zeitpunkt eine totale Orts 
wüstung. Von zwei Wüstungen braucht man nun 
nicht mehr zu sprechen. Aber auch die Fälle, wo 
der geschichtliche Wüstungsbeleg nicht vorhanden 
und nur aus anderen Hinweisen eine Verringe 
rung der bäuerlichen Gehöfte eines Dorfes zu er 
schließen ist, lassen sich nun erfassen. Die Än 
derung der Siedlungöbezeichnnngen von Dorf zu 
Hof, oft auch der ^Wechsel der Ortsnamenen 
dungen von -hausen zu -Hof oder -dorf zu -Hof 14 ), 
zeigen uns eine Entsiedlung des Wohplatzes an 
i 4 ) 3 - 23 - der heutige Volkershof im Gutsbczirk Jm- 
inicheuhain (Kreis Ziegenhain) ist die Restsiedlung von 
Folkersdorf (vgl. Landau, G. Wüstungen S. izH- 
Oie Namensänderung ging über Hof Volkirsdorf, Hof 
zu Fulckersdorf und Hof Volckershausen zu Volkershof 
(vgl. Reimer, H. Hist. Ortslerikon. ( 5 . 4 ^ 5 )-
        

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