Full text: Hessenland (46.1935)

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leistet wurde; sie waren, wie M ortensen^) 
für die samländischen Verhältnisse eingehend nach 
gewiesen hat, vielfach zu anderen Gütern geschla 
gen und wurden von dort ans mitbestellt, „als ob 
sie besetzt wären". Der Ausdruck wüst bedeutet 
denn auch „unbesetzt", d. h. die so bezeichneten 
Güter eines Grundherren waren ohne Pächter xl ). 
Verstehen wir die urkundliche Ausdrucksweise 
in diesem Sinn, dann wird es ohne Schwierigkei 
ten verständlich, wenn „Wüstungen" als bewohnt 
und bebaut nachweisbar sind. Dann ist es nicht 
notwendig, sofort anzunehmen, daß ein Dorf „vom- 
Erdboden-verschwunden" ist oder seinen Dorf 
charakter eingebüßt hat, denn für den Grund- 
Herren war das Dorf eine Wüstung, wenn auch 
nur ein relativ geringer Bruchteil seiner Güter 
unbesetzt war. Die Bezeichnung „wüste Höfe" und 
„wüste Häuser" ist dann ebenfalls nicht mehr miß 
verständlich. Auch die Tatsache, daß Dörfer zu 
einer Zeit, wo sie sicherlich nicht mehr an ihrem 
ursprünglichen Platz vorhanden, die Wohnplätze 
also „völlig vom Erdboden verschwunden" waren, 
und doch noch in gleicher Weise wie zweifellos be 
stehende Siedlungen in Urkunden und Handschrif 
ten genannt werden, ist nun ebenfalls zn erklären. 
Die Lage des Wirtschaftszentrums, der Hofstel- 
len, ob innerhalb oder außerhalb der Gemarkung, 
war für die Bezeichnungsweisen Dorf, Hof und 
Wüstung belanglos, denn die bäuerlichen Be 
hausungen, die in den WeiStümern des Mkttel- 
alters nicht als Liegenschaft sondern zur fahrenden 
Habe gerechnet wurden 10 11 12 ), waren ein accestori- 
scher, ein mehr nebensächlicher Bestandteil der 
Siedlung. Der in den Ouellen für eine Siedlung 
gebrauchte Ausdruck Wüstung besagt zunächst 
lediglich, daß die Zahl der dort vorhandenen 
bäuerlichen Güter nicht voll besetzt ist und ge 
stattet erst in zweiter Linie Rückschlüsse auf das 
teilweise oder gänzliche „Nicht-mehr-vorhanden- 
sein" des Wohnplatzes. 
Der 2VüstungSvorgang, den wir im Hinblick 
auf die Verringerung der bewohnten Hofstellen 
als eine „Entstedlung" bezeichnen wollen, brauchte 
ja garnicht das Endstadinm, die „totale OrtS- 
10) Mortensen, H. SiedlungSgeographie des 
Sanilandes. Forschungen z. dtsch. Landes- u. Volks 
kunde. Stuttgart 192P 
11) Vgl. Lamprecht, K. Deutsches Wirtschafts 
leben im Mittelalter. 3 Bde. Leipzig 1885/86. Bd. I. 
S. 130: „ man einer ein wüst oder empfeng- 
lich gut verbauen wil " 
12) Kotzschke, R. Grundzüge der deutschen 
Wirtschaftsgeschichte bis zum 17. Jhd. Leipzig u. Ber 
lin 1921, S. 95. 
Wüstung", wie ich diesen genannt habe 13 ), zn er 
reichen, sondern konnte in einem früheren Sta 
dium zum Stillstand gelangen und damit zur 
Bildung von „partiellen Ortswüstungen" führen. 
Die partielle Ortswüstung wird entwicklungsge 
mäß, wenn sich der Wüstungsvorgang über 
einen längeren Zeitraum erstreckt, der totalen 
Ortswüstung vorangehen. Doch braucht diese 
Vorstufe überhaupt nicht zur Ausbildung zu 
kommen, sei es, daß ein Dorf geschloffen an eine 
andere Stelle verlegt, sei es, daß es aus anderen 
Gründen in kurzer Zeit zum Verschwinden ge 
bracht wird. 
Können wir so die einzelnen Phasen des 
Wüstungsvorganges in ihrer sichtbaren Auswir 
kung auf den TVohnplatz der Siedlung erfassen, 
so ist die nächste Frage, welche Wüstnngöerschci- 
nnngen bei der Feldflur zu beobachten sind. Wir 
unterscheiden auch hier ein „partielles" und ein 
„totales" Stadium der „Flurwüstung", je nach 
dem Grad der Außerdienststellnng der Wirt- 
schaftsfläche, die entweder als unmittelbare Folge 
erscheinung oder als wirkende Ursache der Ent 
stedlung aufzufassen ist. Je nach der besonderen 
Eigenart des Wüstungsvorganges wird es dabei 
zur Entstehung verschiedener Flurbilder kommen, 
das bedeutet, die die Flur betreffenden Wüstungs- 
erscheinnngen werden unmittelbar in einer Ver 
änderung der Physiognomie des Landschaftsbildeö 
zum Ausdruck gelangen. Wird eine Flur völlig 
oder nur in einzelnen Teilen aufgegeben, nicht 
ivieder neu ausgestellt und sich selbst überlasten, 
dann ändert sich ihr pflanzliches Kleid durch 
Verwilderung von Nutzpflanzen, durch Be 
deckung mit Heide und Gebüsch, durch Bestockung 
und Verwaldung: Unland und Wald breiten 
sich auf der alten Kulturfläche ans. Die 
NutzungSmöglichkeit für den Menschen ist da 
mit auf ein Minimum eingeschränkt: wo sich 
früher fruchttragende Acker dehnten, liegen nun 
Odlandstrecken, die allenfalls noch zur Hute benutzt 
und manchmal mit jahrelangen Unterbrechungen 
auch wieder einmal ausgestellt werden. Der Grad 
der Ertenst'vierung der Bewirtschaftung kann dabei 
verschieden sein; die Flnr wird selten völlig auf 
gegeben, es entstehen also meist partielle Flur- 
wüstungen. 
Eine „totale IVüstung" liegt vor, wenn die 
gesamte Siedlung, also ihr Wohnplatz und ihre 
Feldflur wüst wurden. Das folgende „Wn- 
stnngsschema" soll der Veranschaulichung meiner 
13) Scharlau, K. Beiträge zur geographischen 
Betrachtung der Wüstungen. Bad. geogr. Abh. 10. 
Freiburg u. Heidelberg 1933.
        

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