Full text: Hessenland (46.1935)

Dorf heran, dann war zu entscheiden, ob man so 
gar diese vorhandene dörfliche Niederlassung auch 
eine Wüstung nennen sollte. Ähnlich liegen die 
Dinge auch in den Fällen, wo durch die Zerstörung 
eines Dorfes durch Krieg, Brand oder Seuchen 
Jahre und Jahrzehnte bis zu seinem Wiederauf 
bau vergehen konnten. 
Man suchte diesen Einwänden dadurch zu be 
gegnen, daß man einmal die „Verwüstungen" 
durch Kriege, Fehden und ähnliche menschliche 
Willkürakte als unwesentlich im Hinblick auf die 
Gesamtheit der Wüstungen bezeichnete, da dadurch 
nur ein vorübergehendes Wüstliegen der Sied 
lungen verursacht wurde. Weiterhin erklärte man, 
daß durch das Zusammenschrumpfen eines Dorfes 
der „Verlust des Dorfcharakters" bedingt und daß 
in dieser Tatsache überhaupt das kennzeichnende 
Merkmal für die Anwendung der Wüstungsbe 
zeichnung gegeben sei. Die Vuellenbetrachtung 
läßt uns aber an einer Reihe von nachweisbaren 
Fällen erkennen, daß auch dieses Kriterium nicht 
entscheidend ist. Es werden dort auch Dörfer als 
wüst genannt, wenn nur ein Teil der Hofstellen 
von ihren Bewohnern aufgegeben worden ist; es ist 
dabei sowohl von „wüsten Höfen" in geschloffen 
vorhandenen Dorfverbänden wie auch von „wüsten 
Häusern" in den Städten die Rede. Das Ver 
schwinden des TLohnplaßes ist also nur eine zwar 
charakteristische und die augenfälligste, aber keine 
notwendige Erscheinung des Vvüstungsvorganges. 
Diese auf Grund unmittelbarer Omellemmter- 
suchungen gewonnenen Ergebnisse zeigen, daß sich 
eine wissenschaftliche Wüstungsforschung nicht ein 
fach auf die Endzustände eines zeitlichen Vorgangs 
beschränken kann, ohne daß man diesen „Wüstungs 
vorgang" selbst einer eingehenden Betrachtung 
unterzieht. Die sich daraus ergebende Feststellung, 
daß der Wüstungsvorgang des ausgehenden Mit 
telalters im wesentlichen in einer bloßen Ver 
legung der bäuerlichen Wirtschaftsgebäude an eine 
andere Stelle unter Beibehaltung der alten Wirt 
schaftsfläche bestanden hat, offenbarte aber mit 
aller Deutlichkeit den relativen Charakter und die 
ünhaltbarkeit eines Wüstungsbegriffes, der als 
Wesensmerkmal das völlige oder teilweise „Vom- 
Erdboden-verschwnnden-sein" menschlicher Sied 
lungen herausstellte. Schon Landau hatte im 
Hinblick auf diese „Umsiedlungen" und „Über 
siedlungen" Zweifel an dem Wnstungscharakter 
der verlegten Wohnplätze geäußert 7 ). Es ent- 
ftefyt auch mit Recht die Frage, was denn nun 
eigentlich durch einen solchen Vorgang wüst ge- 
7) Landau, G. Wüstungen S. Zgl. 
worden war. Die Siedlung als geschlossener Ver 
band war geblieben, in ihrer Wirtschaft und Ver 
fassung, wie Lappe nachgewiesen hatH, keine 
Änderung eingetreten. Eine solche Feststellung 
scheint zunächst alle unsere bisherigen Vorstellun- 
gen auf den Kopf zu stellen. 
Die Auslegung, die man ganz allgemein der 
Bezeichnung wüst gibt, versteht darunter immer 
etwas Chaotisches und Ungeordnetes, eine physto- 
gnomische Ausdrucksweise, wie sie z. B. als „wüste 
Gegend" gebraucht wird H. Diese Auffassung be 
einflußt die gesamtem Vorstellungen von den 
Wüstungserscheinnngen, und eö sind nur wenige 
Versuche unternommen worden, die quellenmäßige 
Ausdrucksweise auf ihren Begriffsinhalt näher zu 
untersuchen, um auf dieser Grundlage eine ivis- 
senschaftliche Begriffsbildnng aufzubauen. Wenn 
wir unter „Siedlung", wie bereits oben gesagt, 
Wohnplaß und Wirtschaftöfläche zu einer Einheit 
zusammenfassen, dann muß man folgerichtig auch 
bei dem Begriff „Brüstung" beide Komponenten 
unterscheiden. Aus dem urkundlichen Vnellen- 
material hat sich denn auch ergeben, daß die 
Wüstungserscheinungen der Feldflnr, die man bis 
her kaum beachtet hat, für die entwicklnngsge- 
schichtliche Deutung der Wüstungen von größter 
Bedeutung sind. Nicht von dem ehemaligen 
Wohnplaß der Siedlung sondern von ihrer Feld- 
flur her sind die mittelalterlichen Bezeichnungen 
Wüstung, wüst und ähnliche Benennungen zu ver 
stehen. Der bestellte und bebaute Grund und 
Boden bildete das eigentliche Kapital der Grund- 
Herren und ihm galt ihr Hauptinteresse. Wird 
nun aber zu einem Zeitpunkt eine Siedlung quel 
lenmäßig als wüst aufgeführt, so ist der Schluß, 
daß damals die Acker einer solchen Siedlung un 
bestellt und außer jeder Kultur und daß die zu 
gehörigen Hofstellen verschwunden waren — also 
alles „wüst und leer" war — noch keineswegs mit 
absoluter Sicherheit berechtigt. Die als wüst ge 
nannten Güter waren vielfach garnicht unbestellt, 
wie die Tatsache zeigt, daß oft Zins von ihnen ge- 8 9 
8) Lappe, I. Die Ncchtsgeschichte der wüsten 
Marken. Einleitung zu: Die Wüstungen der Provinz 
Westfalen. Leröff. d. Hist. Koni. f. d. Proo. West 
falen. Münster 1916. 
9) Vgl. z. B. Walther, H. Mit den Flurna- 
nien zurück in die Vergangenheit. Grimniaer Pflege III 
(1924) Nr. 8 . u. 9: „Für gewöhnlich pflegte man 
Fluß- und Bachläufe, sodaß es auffallen mußte, wenn 
ein Lauf verwildert (Sperrung d. Verf.) war. 
Während der Streitigkeiten um die Fischereigerechtig- 
kcit an der Mündung der Förtger Bach, gerieten Bach 
und Bachlanf in schlechte» Zustand, sodaß inan ihn nicht 
besser als mit dem Namen „Das wüste Wasser" zu 
bezeichnen wußte". 
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