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aus ungezwungenen Redeweise gesprochen und sich
so gar nicht in Szene zu setzen versuch,, wie ver
schiedene seiner damaligen Kollegen. Ich habe ihn
nie von seinen Väerken, seinen Reisen oder sonsti
gen Erlebnissen sprechen hören, obgleich er damals,
als ich öfter mit ihm zusammen war, schon sechzig
Jahre alt war, viel gearbeitet und viel erlebt hatte,
er war schon fünfzehn Jahre ordentlicher Professor
der Kunstgeschichte in Berlin. 1859 hatte er sich mit
Zi Jahren mit der ungefähr gleichaltrigen Gisela
von Arnim, Tochter Achims v. Arnim und der
Bettina geb. Brentano, verheiratet. Gisela kam
eines Tages zu spät zum Mittagessen nach Hanse
und wurde deswegen ermahnt, sie bedauerte die
Verspätung und sagte: „ich konnte nämlich nicht
früher kommen, denn ich habe mich eben mit Her-
man Grimm verheiratet" und „wo ist der Her
man?" „Der ist auch nach Hause gegangen". An
scheinend konnten sie damals noch keinen eigenen
Hausstand gründen, Herman hat sich erst 1870
als Privatdozent für neuere Kunstgeschichte in
Berlin habilitiert, 167Z wurde er ordentlicher
Professor. Gisela Grimm starb kinderlos in,
April 1889 in Florenz und ist dort beigesetzt.
Herman Grimm hat Romane und Novellen
geschrieben, die wohl kaum noch bekannt sind.
Seine Hauptwerke sind: Leben des Michelangelo,
Goethe, Homers Ilias und eine große Zahl von
Estay's. Sein Michelangelo liest sich wie ein
Roman und ist eine Kulturgeschichte der Zeit, in
der Michelangelo, seine Vorgänger und seine
Nachfolger gelebt und gewirkt haben, Goethe ist
1877 erschienen, daher natürlich in manchen Ein
zelheiten überholt, wird aber als Ganzes von
Goethekennern als das Goethewerk angesehen, das
am meisten in die Persönlichkeit Goethes einge-
drungen ist und für lange Zeit maßgebend bleiben
wird. Homers Ilias zeigt eine liebevolle, ver
ständnisinnige Vertiefung in die Homerische
Die Neue Schütz-Gesellschaft.
Schirmherr: Kgl. Hoheit Prinz Philipp
von Hessen.
Das Heinrich Schütz-Jahr 1935 hat weiteren
Kreisen der hessischen Landschaft — zumal durch
die Schütz-Feiern in Kassel, Marburg und Dil-
lenburg — einen Begriff von der Größe und Be
deutung des Meisters gegeben, weiterhin aber
auch seine enge Zugehörigkeit zum hessischen Lande
ins Bewußtsein gebracht, sodaß es am Platze sein
dürfte, die Leser dieser Zeitschrift einmal auf die
Arbeit der Neuen Schütz-Gesellschaft hinzuweisen.
Dichtkunst und aus den Essays tritt eine erstaun
liche Vielseitigkeit hervor. Sie sind bis in die
letzte Zeit seines Lebens, wo er sich einen etwas
eigentümlichen Stil angewöhnt hatte, in der ein
fachen, flüssigen Art geschrieben, wie Michelan-
gelo, Goethe und Homer. Man hat immer das
Gefühl, als ob er die dort niedergelegten Gedan
ken gar nicht anders hätte anssprechen können.
Herman Grimms Anschauungen über Kunst,
Schönheit und Geschichte find so eigentümlich, daß
fie hier Erwähnung finden mögen. Ausgehend von
Schinkels Ausspruch: „Kunstwerke sind die fein
sten historischen Quellen" sagt er: „wäre Bis
marcks Buch (Gddanken und Erinnerungen) nicht
zugleich ein hohes Kunstwerk, so würde nichts über
das Emporkommen des Deutschen Reiches und
unsern Kampf gegen Frankreich Geschriebenes
existieren, das die ungeheuren Ereignisse klar zu
machen im Stande wäre. Die lebenden Deutschen
begriffen nur zum Teil, was sie erlebten." Und
weiter: „Kunst ist nicht etwas, was der Durch
schnittsmasse der Menschen, den Neigungen und
Fähigkeiten jedermanns entspricht, Kunst ist die
Äußerung höherer Begabung". Nach der Schil
derung von Savonarola's Verbrennung sagt er im
Michelangelo:
„Dergleichen wir den Geist von Fiesole's Ge
mälden mit den Predigten Savonarola's so emp
finden wir am schärfsten, was Fiefole besaß und
was Savonarola fehlte, was ihn bei seinen Geg
nern so furchtbar verhaßt machte. Ein heiliger
Eifer für das Gute, Wahre, Sittliche, Große ent
flammte fein Herz, aber daß ohne die Schön
heit das Gute nicht gut, dag Wahre
nicht wahr, das Heilige selbst riicht
he i l i g sei, dag entging ihm."
So durchdrungen war er von der Überzeugung,
daß in der Beeinflussung der Manschen die Schön
heit am mächtigsten und durch nichts anderes zu ^
ersetzen sei.
Von Herbert Birtner.
Aus kleinen Anfängen heraus wurde die Neue
Schütz-Gesellschaft im Jahre 19Z0 gegründet als
„Verein zur Pflege und Verbreitung der Musik
aus dem Zeitalter des Frühbarock, insbesondere
der Werke von Heinrich Schütz". Neben der
Veröffentlichung von Neuausgaben Schützscher
Werke und solcher aus seinem Umkreis, die als
Jahresgaben an die Mitglieder verteilt wur
den, führte die Gesellschaft vier große Veranstal
tungen durch: die Heinrich Schütz-Feste in Celle
1930, Berlin 1931, Flensburg 1932