Full text: Hessenland (46.1935)

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Drittels des Monats Oktober gefeiert, häu 
fen fich aber besonders um den i8. Oktober. — 
Der Tracht der einzelnen Kirmestage lückenlos 
gerecht zu werden, würde eine Abhandlung für fich 
allein beanspruchen (z. B. tragen am Freitag 
die Mädchen weiße Leinenschürzen). Wir begnü 
gen uns darum mit der Tracht der Hauptfest 
lichkeit, mit der des Süßen Branntweins. 
Dazu wird von Mädchen und Burschen das 
neuste und beste Zeug angelegt. Beide Geschlech 
ter benutzen neue kalblederne Schnallenschuhe, die 
Märdchen sogenannte Kletzschuhe (Kletz — Ab 
sätze), bei denen die hohen, spitzen Absätze ziemlich 
weit unter den Fuß gerückt find, und weiße, baum 
wollene Zwickelstrümpfe. Feuerrot, mit großen gold 
gestickten herabhängenden Enden versehen, leuchten 
die Strumpfbänder der Mädchen. Dazu haben 
die Schönen 9—12 rotgerandete und mit roten 
Bändern benähte („geschlangte" und doppelge- 
schlangte) Röcke angelegt, deren oberster aus 
schwarzer, geglänzter Beiderwand besteht. Auf 
der dunkelblauen Schürze prangen den Hüften zu 
viereckige goldgestickte Platten („Ecken") und die 
rotseidene Schwälmer „Gchürzenschnur" (— 
Banv um die Mätte — Taille). Das blaue 
Mullmieder wird auf der Brust von einem Sam 
metleibchen bedeckt. Um den Hals schlingen fich 
mehrere Reihen Krällen; darüber erblicken 
wir ein rotes Seidentuch und über dem Rücken 
gewöhnlich das aus Bändern fächerförmig zusam 
mengesteckte „Brett", das so angeordnet ist, daß 
seine Breitseite den Rücken bedeckt und die 
Schmalseite im Nmcken steht. Den Kopf ziert 
die feldmohnrote neuste Betzel, die von zwei schwar 
zen „reserigen" (blumigen) Betzelbändern festge 
halten wird, die am Ende eine handbreite feuer 
rote Stickerei zeigen. 
Die Burschen benutzen gewöhnlich, wie bereits 
gesagt, ebenfalls kalblederne Schnallenschuhe, (be 
sonders betuchte (reiche) ziehen ihre langen Stie 
fel an). Zu diesen Schuhen gehören weiße baum 
wollene Zwickelstrümpfe. Die Schenkel bedecken 
die neuesten weißen Schwälmer Leinenhosen, die 
Brust ziert die „Rote Weste". Der reich rot 
gestickte Kittel, das an den Zipfeln, die über die 
Brust hängen, ebenso reich rotgestickte schwarz 
seidene Halstuch und die „Gammetse Kappe" 
(Otterpelzmütze) (soweit noch vorhanden) oder ein 
graubraunes Filzhütchen vollenden das Bild eines 
Schwälmer Kirmesburschen. Nacht selten steht 
man die jungen Männer auch im Weißen Kittel 
oder im Ärmelding, die Tracht versunkener Tage 
der Schwalm. 
10. Wintertracht. 
Es ist Winter geworden. Das Schneelila- 
ken bedeckt Dorf, Flur und Wald. — — — 
Angebracht dürfte es sein, auch ein paar 
Worte über die Wintertracht junger und älte 
rer Leute anzufügen. Die Mädchen benutzen zu 
den weißzwickeligen Wollstrümpfen an Stelle des 
Seidentuches das wollene „Rosentuch" und bei 
Gängen „über Feld" selbstgestrickte weiße wollene 
„Fingerlingshandschuhe". Altere Frauen gebrau 
chen eine stahlblaue Flanelljacke und einen kapeö- 
artigen, geblümten Mantel. Die Männer haben 
ounkclblaue Wollgamafchen, Fausthandschuhe, 
einen dunkelen Überzieher und Schaltuch, neuer- 
oings auch wohl einen dunkelgrünen Bozener 
Mantel an. 
Zur Gpinnstube gehen Mädchen und Bur 
schen in der Sonntagsnachmittagstracht mit den 
Abänderungen, die die Jahreszeit erheischt. 
11. Tracht des Beerdigungsganges. 
Unsere Trachtenstudie geht dem Ende zu. 
Der alte Meierhanse Ellerhäd ist vor drei 
Tagen gestorben, seine Frau schon vor ein paar 
Zähren, und heute soll er beerdigt werden. Er 
liegt barhäuptig im Sarg. Die Kinder haben 
ihm ein Schirtingkleid anfertigen lasten, das 
bis über die Füße reicht. Ein ähnliches Ge 
wand trugen auch damals die Eller, nur batte 
man eine Betzel aufgesetzt. Der Sarg wird 
auf zwei Stangen mit Stricken gebunden und 
so von vier Trägern zu Grabe getragen. Diese 
find gekleidet wie die übrigen Männer der 
Trauergesellschaft, ste benutzen Dreimaster und 
Schwarzen Rock, in besten oberstem Knopfloch 
am Hals ein Strauß Gartenhain (Artemi- 
sia abrotanum) steckt. Von nah und fern 
find die Verwandten herbeigeeilt, ihrem guten 
„Vetter" (— Onkel) Hanshin die letzte Ehre 
anzutun. — — — — — — — — — 
Die Frauen tragen Schnallenschuhe, die am 
Riegen mit weißem Schafleder eingefaßt sind, 
wollene Zwickelstrümpfe mit kleiner („linker") 
Zwickel, schwarz eingefaßte Röcke und eine 
schwarze Wollkrepschürze. Die Jacke besteht aus 
schwarzem Tuch oder Kaschmir. Auf dem Kopf 
fitzt der stahlblaue Schleier, wie wir das beim 
Abendmahlsgang kennen lernten. 
Die UUänner benutzen ebenfalls kalblederne 
Schnallenschuhe. Die gekauften Strümpfe find 
aus dunkelblauer Wolle gestrickt, darüber sitzen
        

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