Full text: Hessenland (46.1935)

grün oder silbern aussehen, in feuerroter Farbe 
oder in Gold.) 
Der Bräutigam hat den Schwarzen Rock an, 
von dessen obersten Knopf auf der rechten Brust- 
seite ein farbiges Seidenhalötuch herabfließt, und 
den mit der „Lost" (Strauß aus künstlichen Blu 
men, Goldflitter usw.) geschmückten Dreimaster. 
Die Unterarme der Braut und die Hände des 
Bräutigams stecken in weißen baumwollenen „Fin 
gerlingshandschuhen", die Oberarme zieren Ros 
marinsträußchen, die mit weißem Zwirn angebun 
den werden. 
Klostnesch Odei und Perresch Eckerd find ein 
unbescholtenes junges Paar, ihnen kommen darum 
alle Ehren eines solchen zu. Anders steht's um 
Hännse Hänns und Finke Barwelejs (Barbara 
Elisabeth). Bei denen ist schon etwas Kleines 
auf dem Wege. Daher erscheinen ste nach dem 
Gottesdienst in gewöhnlicher Sonntagstracht zur 
Kopulation in der Kirche. Barwelejs trägt eine 
schwarze Beßel und darüber wohl (wenigstens 
ehemals) ein krämerdutenartiges Gebilde mit 
stumpfer Spitze aus stahlblauem Mull („Zieh 
haube"). Daher die Bezeichnung „Ziehhanbshoch- 
zeit" für diese Art Hochzeit. 
7. Kindtanfe. 
(Tracht des Täuflings, der Paten und weiter 
der Kinder). 
Ein Jahr nach dem im vorigen Abschnitt 
geschilderten Ereignis brachte der Storch Per 
resch ein kleines Mädchen. 
Der Säugling liegt neben der Mutter im 
Bett, hat Hemdchen und Jäckchen an und beide 
Ärmchen am Körperchen abwärts gestreckt; so 
wird das Kindchen zunächst mit einer leinenen 
Windel und endlich mit einer weißwollenen 
Wickelschnur umwickelt. Das ging am vorigen 
Dienstag vor fich. Am Sonntag darauf fand 
der Taufakt während des Gottesdienstes in der 
Kirche statt, klm die Wickel ist das bunte Sei 
denhalstuch geschlungen, das der Vater bei der 
Hochzeit trug (s. 0.) und weiter ein Seidenband. 
Auf dem Köpfchen fitzt dem Täufling ein weiß- 
baumwollenes Mützchen, mit eingestricktem 
Sternen-, Herz- und Tulipanenmuster, das wäh 
rend des Taufaktes abgenommen wird. Die Go 
del, verheiratete Schwester der Mutter, erscheint 
wie wir das beim Abendmahl kennen lernen wer 
den, fie war früher wohl auch gebrettert oder gar 
geschappelt. 
Nach beendigtem Gottesdienst wird ein kleiner 
Junge getauft, der das Pech hatte, „zu früh zu 
kommen". Der Pate ist auch hier wie zum 
Abendmahl angezogen. 
Können die Kinder allein „laufen", trägt das 
kl. Mmdchen ein mit Schnüren (Bänder) be 
decktes Kleidchen (Schnurkleidchen) und dazu eine 
Schnurkappe, oder Tretzelkappe, der kleine Junge 
vom Hals bis zu den Füßen ein Röckchen aus 
stahlblauem Flanell oder grüngemustertem Kattun. 
Gelangen Die Sprößlinge dann in das Alter 
von Meierhanse Lejsewith und Klaus, find sie ge 
kleidet wie die Mädchen und Burschen auch. 
8. Abendmahlstracht. 
Im Herbst hat die Kirche einen Abend 
mahlsgang angeordnet. Der Sitte gemäß 
„gehen" junge Leute Weihnachten und Pfing 
sten, ältere Ostern und Michaelis (29. Sept.) 
„zu". 
Frauen und Mwdchen erscheinen in Schnallen 
schuhen und weißen wollenen Zwickelstrümpfen. 
Gewickelt find die schwarzen, blumigen Strumpf 
bänder bei jungen Frauen, ältere benutzen einfach 
schwarze Wollbänder, die ebenwohl gewickelt 
werden. Junge Frauen haben 8—10 veilchen 
blau gerandete, ältere 4—5 schwarzrandige Röcke 
an. Der oberste besteht aus schwarzem Tuch, 
die Schürze aus blumiger Seide. Vor dem 
Leib tragen alle eine 4eckig zusammengelegte 
Mullserviette. Bei älteren Frauen find die 
Röcke schwarz eingefaßt und die Schürze ist schwar 
zer Krep. Schwarzseiden fällt bei jungen Frauen 
auch die Jacke aus, ebenso das Seidenhalstuch. 
Altere Frauen benutzen in beiden Fällen eine 
schwarzwollene Jacke und ein solches Halstuch. 
Über der schwarzen Betzel sehen wir bei allen, so 
weit das überhaupt noch in Mode ist, die eigenar 
tig geformte Kötzekappe, über der der stahlblaue 
Limmet- (Mull) schleier (die Flor) befestigt ist, 
der an der Stirn abschneidet und hinterrücks etwa 
wie die Flügel eines ruhenden Schwärmers her 
abhängt. 
Die Männer tragen ebenfalls Schnallenschuhe 
mit entsprechenden Schnallen (manche Burschen 
legen wohl ihre langen Stiefel an), dazu blaue 
Wollstrümpfe, weiße leinene oder wildlederne Ho 
sen. Ihre Hosenbändel haben gewöhnlich blaue, 
in Tranerfällen weiße Farbe. Dazu gehört im 
mer der Schwarze Rode, ein ungesticktes schwarz 
seidenes Halstuch und der Dreimaster. 
9. Kirmestracht. 
Der Herbst ist auch die Zeit der Kirmes in 
den Schwalmdörfern. Die Kirmessen werden 
hier und da wohl schon in den Wochen des i. 
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