Full text: Hessenland (46.1935)

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tuch. Letzteres wird neuerdings vor 
der Brust zugeknöpft und die En 
den zwischen Rockbund und Jacke 
versenkt. Das Gesagte bezieht sich 
auf Seidentücher, wollene Fran- 
zeltücher sind vor der Brust zusam 
mengehakt, und ihre Enden hängen 
von dort abwärts. Ehemals befand sich 
der Verschluß auf dem Rücken und trug dort 
eine große Bänderschlinge. Das Betzelchen ist 
feuerrot und trägt eine ebenso gefärbte Seiden 
stickerei auf dem Betzelboden. Die Bänder fallen 
etwas geringer aus als zur Kirche. 
Die Burschen haben eine ältere Garnitur als 
zur Kirche an. 
Die Tracht wird immer sommerlicher, je 
mehr das Mmlüfterl zu wehen beginnt. Der 
Spaziergang führt in den Wald, dessen Bäume 
sich mit maigrünen Blättern behängt haben. 
Ruf diesen sonntäglichen Gängen wird bei 
Volksliedsang das „Gekräut" gerupft und in 
den an den Seiten eingesteckten Schürzen nach 
Hause getragen. — — — — — — — — 
4. Schwälmer Tracht bei den Sommerarbeiten. 
Das Studium der Schwälmer Tracht voll 
zieht sich heute auf Meierhanse Scheunenacker 
gleich hinter ihrem Hof. Dort mäht der „junge 
Herr" den goldenen Weizen mit der Mäh 
maschine. Das Gesinde „nimmt ihn ab" und 
bindet ihn in Lenzel (Strohseile) zu Garben, 
die der Ellerhäd (Großvater) und die Enkelin 
Lejsewith zu Hichel (— kleine Garbenhaufen, 
je 5 Garben) aufstellen. Meierhanse Klaus 
denzt (zieht) den Großen Rechen (humoristisch 
Hungerleider genannt). Die „junge Frau" und 
die Eller blieben zu Haus, die kochen den Nach 
mittagskaffee. 
Diese Gelegenheit ist wieder besonders günstig, 
die Tracht zu beaugenscheinigen. Wir notieren: 
Run und Koth haben rindslederne Schnallen 
schuhe mit den entsprechenden Schnallen ange 
zogen. Arm legte baumwollene Striimpfe mit 
großer, Koth wollene Strümpfe mit kleiner („lin 
ker") Zwickel an. Bei ersterer flattern die Enden 
der rotwollenen Strumpfbänder fröhlich im 
Winde. (Die Mädchen einiger Schwalmdörfer 
(zum Beispiel in Wiera) legten neuerdings diese 
Strumpfbänder (werktags) ab.) Bei letzterer find 
die schwarzen Strumpfbänder um die Beine g e - 
wickelt. Anns 3 bis 4 dunkelblaue Beider- 
wandröcke zeigen eine rote, Kothö ebenfoviele und 
ebensofarbige Röcke eine schwarze Einfassung. Bei 
Koth ist der oberste Rock ein schwarzer Beider- 
wandrock, der von einer schwarzen Leinenschürze 
bedeckt wird, während Ann eine dunkelblaue 
Schürze trägt. Beide verwenden ein weißes Lei 
nenmieder, das mit einer sogen. Kettenspenel 
(Spenel — Stecknadel) geschlossen ist, oder be 
nutzt Koth eine Jacke aus schwarzem Druckzeug 
mit weißen Tupfen. Anus Hals zieren bunte 
Glasperlen, das Halstuch fehlt. Koth gebraucht 
ein schwarzes Kattunhalstüchlein. Beide Mäd 
chen haben keine Betzel auf. 
Hänns und Hans erscheinen in rindsledernen 
nagelbeschlagenen Riemenschuhen, die je mit einem 
strohhalmdicken Lederriemen verschnürt werden. 
Beide tragen weiße baumwollene Strümpfe mit 
weißer Zwickel. Darüber sehen wir bei Hänns 
weißleinene Gamaschen. An den weißleinenen 
Schwälmer Hosen von Hänns baumeln blaue, an 
denen von Hans weiße Hirschlederbändel. Beide 
benutzen den blauen Brustlappen mit originellen 
Mesfingknöpfen, der bei Hänns an mehreren 
Stellen hellblau gestickt, bei Hans ohne Stickerei 
ist. Sie haben beide keinen Kittel an und auf 
ihrer Bolkeaank (halblanger Haarschnitt, wobei 
das Haar mit dem Hemdkragen abschneidet) sitzt 
ein Strohhnt von einer Form, die auch in der 
Stadt getragen wird. 
Der „junge Herr" ist ähnlich gekleidet. Der 
Ellerhäd trägt einen Kittel ohne Stickerei, dunkel 
blaue Strümpfe, darüber dunkelblaue Gamaschen 
und bei größerer Hitze kein Halstuch. 
Nachdem wir diese Bemerkungen unserem 
Notizbuch einverleibt haben, begeben wir uns 
in die Küche vom „jungen Haus", dort steht 
Meierhanse „junge Frau" am Herd und kocht 
Kaffee. — — — — — — — — — -— 
Sie ist gekleidet wie ihre Mädchen, nur find 
ihre Strumpfbänder griin, dieselbe Farbe trägt 
die Einfassung der Röcke. Als Zacke sehen wir 
grünes Drnckzeug mit Halbärmeln, als Halstuch 
ein weißes Kattnntnch oder an dessen Stelle alte 
Bernsteinkrellen. (Krellen, Korallen — Bern 
steinplatten, die zu einer Schnur vereinigt find). 
Die Betzel ist schwarz und zeigt einen grünen 
Betzelboden. 
Die Eller, der wir weiter einen Besuch abstat 
ten, empfängt uns in dunkelen Plüschpantoffeln; 
ihre weißen Zwickelstrümpfe bestehen aus Wolle. 
Sie hat Z —4 schwarze Beiderwandröcke an, die 
eine schwarze Damasteinfafsung ziert, weiter eine 
schwarze Druckzeugjacke mit Halbärmeln. Als 
Halstuch benutzt sie schwarzen Kattun mit weißen 
Punkten. Gänzlich schwarz ist auch ihre Betzel. 
5. Schwälmer Sommertracht zur Kirche. 
Der Sonntag macht einen willkommenen 
Einschnitt in die sich im Sommer von Woche
        

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