Full text: Hessenland (46.1935)

Die Knechte Hänns (Johannes) und Hans 
standen schon um Z Uhr auf. Sie haben dunkel 
blaue Wollstrümpfe und alte nagelbeschlagene 
Riemenschuhe angelegt, die so ungefähr bis an 
die Knöchel reichen. Über den Strümpfen folgen 
dunkelbaumwollene Gamaschen, die um den Fuß 
mit Leder besetzt find. Die Schwälmer Hosen be 
stehen aus grauschwarzem „Kalmuck" oder ans 
„Eisenfest". Sie werden unten den Knieen mit 
Hirschlederbändeln geschlossen, die an den Enden 
in eine Eiform übergehen. Bei Hanns sehen 
diese Bändel dunkelblau, bei Hans (Trauer) weiß 
aus. Von diesen Bändeln schreibt sich der 
Vers her: 
Seng dr da die Hosebängel länger bie die 
Strempe, 
Eß dr da ds räächte Bee länger bie ds 
lenkte? 
Die Brust bedeckt beiden der dunkelblautnchene 
Brustkappen (Weste), darüber ziehen sie ihren 
älteren dunkelblauen Leinenkittel an, der bei 
Hänns am Halskragen, an den Achselstücken, am 
Brustausschnitt und an den Armelbündchen eine 
kleine grüne Stickerei trägt, bei Hans den unge- 
schmückten Kittelstoff sehen läßt. Der Kittel 
reicht beiden bis etwa zu den halben Waden. 
Aus dem Kittelschlitz am Halse ragt das unter 
den Hemdkragen durchgebundene schwarzseidene 
Halstuch schlipsartig heraus. Als Kopfbedeckung 
benutzen beide Knechte eine ältere schwarze Bram 
kappe. 
In der Zwischenzeit haben die Pferde das 
Hellfutter, den Hafer und das Heu gefressen 
und auch ihren Morgentrnnk aus den Stall 
eimern zu sich genommen. Wenn das Tages 
licht mit der Nacht ringt, werden sie ange 
schirrt und hinaus vor den Pflug gebracht. Der 
Hilgeacker muß heute geackert und nachmittags 
gesät werden. 
Gegen 6 Uhr steigen der „junge Herr" und 
seine Frau aus dem Bett. 
Hä (Er) kleidet sich ähnlich wie Hänns, nur 
etwas bester, fee (sie) zieht weiße Wollstrüinpfe 
mit weißer Zwickel oder weiße Baumwollen 
strümpfe mit weißer Zwickel an. Die Strumpf 
bänder haben schwarze Farbe und zeigen grünen 
Blumenschmuck. Dann steckt sie die Füße in 
Schnallenschuhe, die mit viereckigen Messing 
schnaller versehen sind. Es folgen 3—5 grün 
eingefaßte Schwälmer Beiderwandröcke. Auch sie 
benutzt eine grünliche Druckzeugjacke, mit Halb 
ärmeln. Zhr Halstuch ist ein grünes Wollfran- 
chentuch mit einer entsprechenden farbigen Blume 
im Rücken. Den Kopf bedeckt eine schwarze 
Betzel, deren Boden eine grüne Stickerei trägt. 
Die schwarzseidenen Betzelschnüre (-Länder) zei 
gen an den Enden eine kleine grüne Strickerei. 
Gegen 7 Uhr sind Klaus und Lejsewith 
(Elisabeth), die beiden Kinder, aufgestanden, 
ebenso im Ellerhaus (Elternhaus) die Eller 
(Großmutter) und der Ellerhäd (Groß 
vater). — — — — — — — — — — 
Der Zunge ist Hänns ähnlich gekleidet, nur 
hat er keine Gamaschen an; seine weißleinenen 
Schwälmer Hosen sind durch buntgeblümte weiße 
Leinenbändchen geschlossen (Hoselempeschschnur, 
Hoselemper — Lumpensammler) und an Stelle 
des Brustlappens hüllt seine Brust eine grün 
betupfte Straminweste ein, Lejsewith ist in der 
Kleidung eine Miniaturausgabe von Ann. Der 
„alte Herr" ähnelt in der Kleidung seinem Sohn, 
sein Kittel trägt jedoch keine Verzierung und seine 
Hosenbändel haben weiße Farbe. Die Eller hat 
ihre weißen wollenen Strümpfe angetan. 
Strumpfbänder, Röcke, Zacke ans Kaschmir, 
Halstuch und Betzel find schwarz. Den schwar 
zen Betzelboden schmückt gewöhnlich keine Stik- 
kerei, höchstens „Hühnerfüßchen" oder das 
„Bäumchen". Als Betzelbänder werden schwarz 
wollene gewählt. 
Um 8 Uhr schreiten die beiden Kinder, den 
Schieferstein (— Tafel) mit den darauf lie 
genden Schulbüchern und der Griffelbüchse 
unter dem rechten Arm, zur Schule, zu der es 
eben klimpert (läutet). Der „alte" und der 
„junge Herr" deschkeriern (verabreden sich) zu 
sammen, daß sie zu den Knechten auf den Acker 
und der Ellervater zu den Miigden auf die 
Bachwiese gehen wollen, um nach dem Rechten 
zu sehen. Die Eller und die „junge Frau" 
eilen an den Herd; die Eller kocht Schnitzen 
suppe (Gerstensuppe mit Apfelschnitzen) und 
ihre Schnärch (Schnur, Schwiegertochter) hat 
vor, heute Sulperknochen und Sauerkraut auf 
den Tisch zu bringen. 
2. Schwälmer Frühlingötracht beim Kirchgang. 
Frühlingssonntag in der Schwalmgegend. 
Vom Kirchturm ruft die Glocke das „Zeichen" 
zum Gottesdienst. Dem „Zusammenläuten" (mit 
zwei Glocken) folgt u. a. das Gesinde in 
Meierhause Hof, das heute „an der Reihe" 
mit dem Kirchgang ist. Bald stehen die ker 
nigen Gestalten der Burschen (junge Miinner) 
auf der Burschenborlew (— Empore). — — 
Alle tragen den dunkelblauen, hemdartigen 
Schwälmer Kittel (früher das blaue Kamisol), 
der bei den Burschen, die keine Trauer haben, mit
        

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